Keytruda: Medikament gegen Krebs wird zum Systemsprenger

Exklusiv

Teures Krebsmedikament:Wie Keytruda zum Systemsprenger wird

von Eleni Klotsikas, Maria Christoph, Sophia Stahl

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Keytruda ist das umsatzstärkste Medikament der Welt. Die Gesundheitskosten für das Krebsmittel kletterten in Deutschland allein im letzten Jahr auf mehr als zwei Milliarden Euro.

Mammographie für Brustkrebsuntersuchung

Wie können Kosten bei patentgeschützten Arzneimitteln eingespart werden? Bei dieser Frage gerät ein Krebsmittel in den Fokus. Was steckt dahinter?

13.04.2026 | 1:32 min

Die Diagnose erreicht die Berliner Bankkauffrau Josephina Kersten mit 30 Jahren, ihre Tochter ist damals zwei Jahre alt, ihr Sohn gerade einmal neun Monate: Die Ärzte finden in ihrer linken Brust einen besonders bösartigen Brustkrebs, ein "Triple-negatives Mammakarzinom". Der Tumor wächst schnell, am Ende misst er fast drei Zentimeter. "Du hast natürlich erst mal tausend Gedanken im Kopf, willst nicht sterben, willst die Kinder aufwachsen sehen."

Mit der Therapie muss Kersten schnell beginnen. Sie bekommt zusätzlich zu einer Chemotherapie auch das Immuntherapeutikum Keytruda mit dem Wirkstoff Pembrolizumab. Es sorgt dafür, dass das Immunsystem die Tumorzellen wieder als gefährlich erkennt und bekämpfen kann. Bei Kersten schlägt die Therapie gut an. "Du kannst nur weinen und freust Dich halt einfach", erinnert sie sich, als es vor gut einem Jahr hieß, der Tumor sei vernichtet.

Mammographer with screening employee during a breast cancer examination by an employee of Population Research Netherlands.

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31.10.2025 | 1:35 min

Ein "Paradigmenwechsel" bei Brustkrebs - aber mit hohen Kosten

Beim "Triple-negativen" Brustkrebs wird Keytruda bei erhöhtem Rückfallrisiko verabreicht und steigert die Überlebensrate um fünf Prozent gegenüber einer einfachen Chemotherapie. Einen "krassen Paradigmenwechsel" hat das Immuntherapeutikum beim fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom bewirkt, sagt Nikolaj Frost, Leiter des Lungenkrebszentrums der Charité.

"Der Standard bis vor etwa zehn Jahren war eine Chemotherapie, die das Voranschreiten der Erkrankung nur sehr kurz aufhalten konnte", sagt Frost. Die Einführung der Immuntherapie habe das verändert. Jeder Fünfte lebt mit Keytruda nach fünf Jahren noch. Sehr wenige sind schon mehr als zehn Jahre am Leben. Früher hatten diese Krebspatienten eine Lebenserwartung von maximal einem Jahr.

Eine Forschergruppe rund um den Mediziner Nikolaj Frost, Leiter des Lungenkrebszentrums der Berliner Universitätsklinik Charité, will Kosten durch eine verkürzte Therapiedauer einsparen. Eine Verkürzung der Therapiedauer könnte laut Frosts Berechnungen allein beim Lungenkrebs bis zu 200 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Die Zulassungsstudie beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom des Unternehmens MSD bezog sich auf eine zweijährige Therapie, allerdings ist die Zulassung für die Therapie durch die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur) zeitlich nicht begrenzt und auch die Leitlinie gibt keine eindeutige Empfehlung.


Die Kehrseite der Medaille: Das Medikament verursacht enorme Kosten. Die Ausgaben für einzig und allein dieses Medikament kletterten laut dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen auf mehr als zwei Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Jahrestherapie mit Keytruda kostet 94.000 Euro

Eine Recherche von ZDF, "Der Spiegel", dem österreichischen "Standard" und einer Gruppe internationaler Medien unter der Leitung des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) zeigt, wie der US-Pharmariese Merck Sharpe & Dome (MSD) beinahe märchenhaft anmutende Gewinne mit Keytruda erwirtschaftet. Seit seiner US-Marktzulassung im Jahr 2014 spielte das Medikament einen Umsatz von 163 Milliarden US-Dollar ein.

The Cancer Calculus
Quelle: ICIJ

Für das internationale Projekt "The Cancer Calculus" haben sich 124 Journalisten aus 37 Ländern mit dem Blockbuster-Krebsmedikament Keytruda der Firma Merck, Sharp & Dohme (MSD) befasst. Darunter das ZDF, "Der Spiegel" und der österreichische "Standard" sowie die amerikanischen und italienischen Tageszeitungen "USA Today" und "L'Espresso". Geleitet wurde das Projekt vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Untersucht wurden vor allem die Strategien des Herstellers, den Preis hochzuhalten und welche Konsequenzen das für Patientinnen und Patienten weltweit hat.


Die Jahrestherapie kostet in Deutschland rund 94.000 Euro. Angesichts knapper Kassen hält der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig, der 18 Jahre lang den Vorsitz der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft innehatte, diesen Preis für "obszön."

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30.03.2026 | 2:31 min

Preisaufschlag bei Zusatznutzen von Medikamenten

Dass Pharmaunternehmen wie MSD so hohe Preise verlangen können, liegt auch daran, wie diese in Deutschland festgelegt werden. In den ersten sechs Monaten nach Marktzulassung darf der Hersteller den Preis diktieren. Die gesetzlichen Krankenkassen müssen zahlen.

Zeitgleich prüft der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen den Zusatznutzen eines neuen patentgeschützten Arzneimittels im Vergleich zu bereits vorhandenen Medikamenten. Bei einem Zusatznutzen steht dem Pharmaunternehmen bei den anschließenden Verhandlungen zwischen dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen und dem Pharmaunternehmen ein Preisaufschlag zu.

Die erste Zulassung bekam Keytruda 2014 in den USA für die Behandlung des fortgeschrittenen, metastasierten, nicht operablen schwarzen Hautkrebses. Mittlerweile ist Keytruda in den USA für 19 und in der EU für 16 Turmorarten zugelassen.

Doch Keytruda wirkt nicht bei allen Krebspatienten gleichermaßen gut. Besonders effektiv ist die Therapie bei Tumoren, die das Protein PD-L1 auf ihrer Oberfläche tragen. Dieses dockt an den Rezeptor PD-1, ebenfalls ein Protein, auf Immunzellen an und bremst deren Aktivität. Dadurch bleibt die Immunantwort gegen den Tumor aus. Keytruda hebt diese "Bremse" auf, indem es den PD-1-Rezeptor auf den Immunzellen blockiert. In der Folge können die T-Zellen den Tumor wieder angreifen. Die Behandlung kann jedoch auch schwerwiegende, potenziell lebensbedrohliche Autoimmunreaktionen auslösen.


Hersteller rechtfertigt Preis mit hohen Forschungskosten

"Das heißt, billiger wird es nie, sondern es wird maximal gleich teuer", sagt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK). Die Referenz bei den Preisverhandlungen bilden meist andere teure patentgeschützte Arzneimittel.

Und diese Treppe hat nach oben kein Ende.

Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse

MSD rechtfertigt den Preis mit hohen Forschungskosten. Die Firma erklärt auf Anfrage, sie habe allein 30 Milliarden US-Dollar für die "eigene interne Entwicklung" und 14 Milliarden US-Dollar "für Forschungskooperationen zur Weiterführung der Untersuchungen zu Pembrolizumab (KEYTRUDA®) in Kombination mit anderen Wirkstoffen" investiert.

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16.12.2025 | 0:26 min

NGO analysiert Zahlen von MSD

Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Die Schweizer NGO Public Eye hat eine exklusive Analyse für das ZDF und seine Medienpartner durchgeführt, um abzuschätzen, wie viel das Unternehmen bis Ende 2025 in Forschung und Entwicklung investiert hat.

Dabei zählte die NGO 90 Studien, die MSD als Hauptsponsor finanzierte und die zu Zulassungen von Keytruda geführt haben. Die Kosten dafür beliefen sich auf eine vergleichsweise geringe Summe von rund 1,9 Milliarden Dollar. Addiert mit einem Risikoaufschlag für nicht geglückte Studien, kommt die NGO auf geschätzte Forschungskosten von 4,8 Milliarden US-Dollar. MSD wollte die Berechnungen gegenüber dem ZDF nicht kommentieren.

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Pharma-Expertin: Keytruda überteuert

Für die Entdeckung des Wirkmechanismus der Immunonkologie erhielten 2018 der US-Amerikaner James Allison und der Japaner Tasuku Honjo
den Medizin-Nobelpreis. "Keytruda, also Pembrolizumab, hat seinen Ursprung in der akademischen Forschung - und zwar nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Japan, den USA und anderen Ländern. All das wurde aus öffentlichen Geldern finanziert", sagt die Pharma-Expertin Irene Schipper, die für das Institut Somo in Amsterdam 2018 die Entstehungsgeschichte von teuren Medikamenten wie Keytruda untersucht hat. Das Fazit ihrer Studie: Keytruda sei überteuert.

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Angesichts des Milliardendefizits der gesetzlichen Krankenversicherung warnt TK-Chef Jens Baas vor einer Überlastung des Systems: "Wir laufen dann Gefahr, dass wir in eine Situation kommen, wo bestimmte Versichertengruppen, also reiche Menschen, Dinge bekommen können und andere nicht mehr."

Die Arzneimittelausgaben haben sich für die gesetzlichen Krankenkassen in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt und stiegen 2024 auf fast 60 Milliarden Euro. Kostentreiber sind vor allem die patentgeschützten Medikamente wie Keytruda. Sie verursachen rund 54 Prozent der Arzneimittelausgaben, machen aber nur sieben Prozent der Verordnungen aus.


Über dieses Thema berichtete ZDF frontal in dem Beitrag "Zahlen Kassen zu viel für ein Krebsmittel?" am 13.04.2026 um 6 Uhr.
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