Debatte über Verteidigung bei "Lanz":Autor Nymoen: Merz ist "natürlich kein Pazifist"
von Felix Rappsilber
Bundeskanzler Friedrich Merz wolle in Europa "ganz klar das Sagen" haben, kritisiert Autor Ole Nymoen. Juristin Kerry Hoppe glaubt an die Politik der Abschreckung.
Autor Ole Nymoen bei "Markus Lanz".
Quelle: Markus Hertrich"Man will die führende konventionelle Armee Europas sein. (...) Nachdem man in der EU schon die politische und ökonomische Vormacht hat, will man das nun auch militärisch haben." - Ole Nymoen zeigte sich am Mittwochabend bei "Markus Lanz" beängstigt. Beängstigt angesichts des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes. Beängstigt angesichts der schwarz-roten Verteidigungspolitik.
Die "ganz klare Ansage" des Bundeskanzlers ziele nicht darauf ab, eine kooperative Mittelmacht zu sein, sondern in Europa "ganz klar das Sagen" zu haben. Friedrich Merz gehe es darum, "die eigenen Interessen in Zukunft durchsetzen zu können".
Die Bundeswehr braucht Nachschub, weshalb nach der Wehrdienst-Reform im Januar nun die ersten Briefe an junge Männer herausgehen. Für Frauen ist die Musterung noch freiwillig.
02.02.2026 | 1:49 minNymoen: Begriff der "Verteidigung" ist sehr flexibel
Schon als Oppositionsführer habe Merz in der Debatte um die "Zeitenwende" dafür geworben, deutsche Interessen zu definieren und durchzusetzen:
Das deutet schon darauf hin, dass man mittelfristig auch die Ambitionen hat, im Weltgeschehen mitzumischen, jetzt, wo man es zum ersten Mal muss, aber auch darf.
Ole Nymoen, Autor
Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Deutschen das nicht gedurft: "Jetzt kommt die umgekehrte Ansage: Jetzt sollen sie, jetzt müssen sie." Daraus entwickle sich eine "andere Idee von Politik".
Merz rede nicht von "Angriff", sondern von "Verteidigung", hielt Lanz dagegen. Nymoen widersprach: "Alle sagen immer: 'Wir verteidigen hier was.' Wenn man irgendwo eine Invasion startet, sagt man: 'Wir verteidigen unsere Interessen. Wir verteidigen unsere Werte.'"
Wladimir Putin nutze den Begriff "Verteidigung" für seinen Krieg gegen die Ukraine, der "Westen" habe ihn "in Vietnam, im Irak und sonst wo" gebraucht. Nymoen sagte: "Der Begriff [Verteidigung] ist sehr flexibel."
Neues Innovationszentrum in Erding: Die Bundeswehr entwickelt mit Forschern und Startups autonome, KI-gesteuerte Waffensysteme. Ziel ist mehr Schutz für Soldaten – bei wachsender Kritik von Experten.
05.02.2026 | 2:41 minHoppe: Großteil der Bundeswehr-Soldaten sind Pazifisten
Kerry Hoppe, Juristin und Reserveoffizierin, gab ein Zitat des Kanzlers wieder, um Nymoen zu widersprechen: "'Wir müssen uns darauf vorbereiten, einen Krieg führen zu können, damit wir den Krieg nicht führen müssen.'"
Merz und der Großteil der Bundeswehr-Soldatinnen und -Soldaten seien "Pazifisten": "Wir wollen alle keinen Krieg führen. Wir wissen, wie brutal und wie grausam Krieg ist." Aber es gebe "Autokraten in dieser Welt", die "Angriffskriege führen wollen, die Kriegsverbrechen begehen, die Frauen vergewaltigen, die Kinder entführen". Hoppe sagte:
Wir wollen abschrecken, damit wir nicht in die Situation kommen, dem wehrlos gegenüber zu stehen.
Kerry Hoppe, Juristin und Reserveoffizierin
Nymoen entgegnete: "[Friedrich Merz] ist natürlich kein Pazifist." Letztes Jahr habe er den USA und Israel dafür gedankt, dass sie die "Drecksarbeit im Iran erledigen". Merz habe "sehr, sehr lange Zeit über Israel mit Waffen beliefert, während komplett Gaza eingeäschert wurde".
Jährlich legt der Wehrbeauftragte den Zustand der Bundeswehr offen: Strukturen seien zu kopflastig und ineffektiv, und mehr Personal sei nötig, um auf die unsichere Weltlage reagieren zu können.
03.03.2026 | 1:48 minNymoen: Aus Freiheit folgt nichts
Was wäre, wenn russische Soldaten vor Deutschlands Tür stehen würden? "Ich würde lieber kapitulieren oder ich würde lieber fliehen. Dann sagt der Staat: 'Ne, nach dir schicken wir die Feldjäger los und du musst im Ernstfall das Land verteidigen'", so Nymoen.
Hoppe betonte, im Ernstfall nicht nur sich selbst, sondern auch diejenigen schützen zu wollen, "die es nicht selbst tun können". Sie wandte sich an Nymoen: "Du genießt die Freiheiten dieses gesellschaftlichen Systems immens, (...) eine journalistische Freiheit, eine publizistische Freiheit (...). Wie kann man dieses System, diese Gesellschaft, diese Privilegien sehen und sie nicht für schützenswert erachten?"
"Aus dieser Freiheit folgt offensichtlich gar nichts", konterte Nymoen. Denn:
Ich darf meine Meinung äußern: Ich will nicht für Deutschland sterben. Und der Staat sagt: 'Prima, das ist deine Meinung, aber das ist uns vollkommen egal. Wenn der Einberufungsbescheid kommt, musst du dem folgen. Ansonsten machst du dich strafbar.'
Ole Nymoen, Autor
Die Initiative "Schulstreik gegen Wehrpflicht" hat Anfang Dezember in über 90 Städten zu Protesten aufgerufen. Schwerpunkt ist die Reform des Wehrdienstes und die verpflichtende Musterung.
05.12.2025 | 2:37 minAbiturient: "Ich könnte diesen Staat nicht aufgeben"
Der 17-jährige Abiturient Marius Lange sprach sich dafür aus, die Souveränität Deutschlands zu verteidigen. Dieser Staat sei "so viel mehr als nur ein Konstrukt von Werten":
Für mich ist dieser Staat meine Heimat, meine Freiheit, meine Familie (...) und das ist mein ganzes Leben in diesem Staat und ich könnte nicht einfach fliehen. Ich könnte diesen Staat nicht aufgeben.
Marius Lange, Abiturient
Er wolle "nicht auf Knien leben" oder "unter der Tyrannei kriechen": "Ich entscheide mich natürlich aktiv für die Freiheit, wenn ich von Deutschland rede. Das ist für mich der Wehrdienst, weil der für mich ein Schutzmechanismus ist."
Nymoen polemisierte: "Das Abschreckungspotenzial besteht nur darin, dass [der Staat] sagt: 'Ich lasse eine sechsstellige Zahl Leute im Ernstfall über die Klinge springen.'" Kriege würden nur aus einem Grund geführt: "Menschen werden in einen Gegensatz zueinander gebracht, der überhaupt nur besteht, weil diese 200 Staaten um den Reichtum dieser Welt konkurrieren."
Seit Jahresbeginn gilt die Regelung für den neuen Wehrdienst: Alle jungen Männer ab dem Jahrgang 2008 müssen einen Fragebogen beantworten – für Frauen ist das Ausfüllen freiwillig.
02.02.2026 | 1:01 minPersonalmangel bei der Bundeswehr:Wehrbeauftragter sieht Freiwilligkeit mit "Skepsis"
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von Svenja Bergerhoff und Svenja Dohmeyermit Video13:51Bundeswehr:Neue Wehrpflicht-Forderungen in der CDU - auch für Frauen
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