Personalmangel bei der Bundeswehr:Wehrbeauftragter sieht Freiwilligkeit mit "Skepsis"
von Stefanie Reulmann
Der Wehrbeauftragte Otte zweifelt daran, dass sich die Personallücke der Bundeswehr durch Freiwillige schließen lässt. "80.000 mehr, das ist eine große Herausforderung", sagt er.
Der Wehrbeauftragte Henning Otte (CDU) stellte seinen Jahresbericht von 2025 in der Bundespressekonferenz vor. Ein Hauptproblem der Bundeswehr sei weiterhin der Personalmangel.
03.03.2026 | 65:38 minDer Wehrbeauftragte Henning Otte (CDU) hat Zweifel geäußert, dass die Bundeswehr allein auf der Basis von Freiwilligkeit ausreichend Soldatinnen und Soldaten anlocken kann. In seinem Wehrbericht heißt es:
Sollte das derzeitige Modell der Freiwilligkeit tatsächlich nicht genügend Aufwuchs bringen, ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt.
Wehrbericht 2025
Bei der Vorstellung seines Berichts in Berlin äußert er erneut Zweifel daran, dass "der Weg der Freiwilligkeit" zu den anvisierten Personalzielen führen könne. Otte sagt:
Eine gewisse Skepsis gibt es bei mir, ob wir diese Aufwuchszahlen so auch erreichen.
Henning Otte, CDU, Wehrbeauftragter
Die schwarz-rote Koalition hatte im Herbst 2025 verpflichtende Elemente wie etwa ein Losverfahren verworfen. Vor diesem Hintergrund gab es aus Teilen der Union Kritik an Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).
Jährlich legt der Wehrbeauftragte den Zustand der Bundeswehr offen: Strukturen seien zu kopflastig und ineffektiv, und mehr Personal sei nötig, um auf die unsichere Weltlage reagieren zu können.
03.03.2026 | 1:48 minMehr Geld ist da, aber Personal fehlt weiterhin
Otte stellt seinen ersten Wehrbericht vor, nachdem er im Juni vergangenen Jahres das Amt von Eva Högl (SPD) übernommen hat. Demnach sind marode Infrastruktur, schlechte Ausstattung und Personalmangel seit Jahren die Baustellen der Bundeswehr.
Im Verteidigungshaushalt standen im vergangenen Jahr 62,3 Milliarden Euro zur Verfügung, zehn Milliarden mehr als im Vorjahr, sowie Mittel aus dem Sondervermögen Bundeswehr und flexible Haushaltsmittel.
Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat grünes Licht für den Kauf von Kamikaze-Drohnen gegeben. Doch es gibt Kritik an einer der liefernden Rüstungsfirmen.
25.02.2026 | 2:00 minDank dieser Gelder und einem "Beschaffungsturbo" werde die Ausstattung besser, es würden Investitionen getätigt und sogar "Kleinstdrohnen und Drohnenzubehör erworben", wie es im Wehrbericht heißt.
Personalmangel bleibt Hauptproblem
Doch ein Hauptproblem der Bundeswehr bleibt: der eklatante Personalmangel. Eine verschärfte sicherheitspolitische Lage in Folge von Krisen und Kriegen, wie dem in der Ukraine, und dazu die Verpflichtungen der Nato setzen die Bundesregierung unter Druck.
Die Bundeswehr hat in Berlin ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert. Bundespräsident Steinmeier forderte abermals einen Pflichtdienst für alle - im Militär oder im sozialen Bereich.
12.11.2025 | 2:47 minDie Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten belaufe sich derzeit auf 184.000 und soll bis zum Jahr 2035 auf 260.000 gesteigert werden. Keine leichte Aufgabe, wie der Wehrbeauftragte in Berlin sagt:
Das heißt, 80.000 mehr, das ist eine große Herausforderung.
Henning Otte, Wehrbeauftragter
Mehr Freiwillige durch neuen Wehrdienst?
Für den personellen Aufwuchs hat die Bundesregierung zu Beginn des Jahres den neuen Wehrdienst eingeführt. Mittels eines Fragebogens soll die Bereitschaft und die Fähigkeit zu einer Wehrdienstleistung ermittelt werden. Für Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren sind, sind die Angaben verpflichtend, für Frauen freiwillig.
Der Stand des Personalaufbaus für die Bundeswehr soll regelmäßig überprüft werden, durch "einen Bericht, der zweimal im Jahr erfolgen muss". 2027 sei dann "das Jahr der Bewertung" und Entscheidung, sagt Otte und warnt:
Das Verteidigungsministerium darf an den selbstgesteckten Zielen nicht scheitern.
Henning Otte, Wehrbeauftragter
Seit Jahresbeginn gilt die Regelung für den neuen Wehrdienst: Alle jungen Männer ab dem Jahrgang 2008 müssen einen Fragebogen beantworten – für Frauen ist das Ausfüllen freiwillig.
02.02.2026 | 1:01 minFrauenanteil in der Truppe soll steigen
Dabei will die Bundeswehr künftig auch mehr Frauen für die Streitkräfte gewinnen. Mit einem Anteil von 13,7 Prozent sind sie in der Truppe bislang deutlich unterrepräsentiert. Das sei "nach wie vor viel zu wenig", sagt Otte.
Die Bundeswehr war lange männerdominiert, Frauen sind erst seit 25 Jahren für alle Dienste zugelassen. Im Wehrbericht heißt es deshalb:
Es bedarf einer frühzeitigen und gezielten Förderung von Soldatinnen, damit sie auf allen Ebenen zur Verfügung stehen und auch in Führungspositionen nachrücken können.
Wehrbericht 2025
Laut Zielvorgaben will man einen Frauenanteil von 20 Prozent bei der kämpfenden Truppe und 50 Prozent im Sanitätsdienst. Doch beide Quoten werden bislang nicht erreicht. Das liege an unzureichender Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mangelnden Aufstiegschancen, aber auch an Diskriminierung und Sexismus innerhalb der Truppe.
Beim Wehrdienst setzt Boris Pistorius auf Freiwilligkeit und verweist auf nordische Länder. Schwedens Gleichstellungsministerin Larsson widerspricht. In Schweden reiche Freiwilligkeit alleine nicht aus.
19.11.2025 | 1:15 minBei Verstößen gibt es ein großes "Dunkelfeld"
4.254 unterschiedliche Vorgänge, Beschwerden, Anregungen gab es im vergangenen Jahr bei der Bundeswehr, mehr als die Hälfte davon waren persönliche Eingaben an den Wehrbeauftragten. Sie geben auch einen Einblick ins Innere der Truppe und zeigen strukturelle Probleme sowie Missstände auf.
Es gibt 304 Fälle von Extremismus, 93 Fälle von Diskriminierung und Mobbing, wo Personen etwa "aufgrund ihrer Hautfarbe verbal und körperlich angegriffen" wurden. Und es gibt 370 Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung. "Jeder Fall ist einer zu viel", sagt Otte:
Die Devise ist: Für Sexismus, für Extremismus ist in der Truppe kein Platz.
Henning Otte, Wehrbeauftragter
Seit mehr als einem Jahr wird eine Dunkelfeldstudie zu Sexismus in der Bundeswehr diskutiert. Nach den Vorfällen bei den Fallschirmjägern in Zweibrücken gibt es nun Fortschritte.
20.01.2026 | 2:47 minDoch die Realität sieht anders aus. Die Bundeswehr geht zwar in solchen Fällen disziplinarisch gegen die Täter vor, doch oft ließen sich Dinge im Rahmen der "Sachverhaltsaufklärung" nicht mehr eindeutig klären, etwa "sexuell verbale Belästigungen". Es existiere ein großes "Dunkelfeld", heißt es im Bericht.
Bundeswehr kämpft mit Image-Problemen
Die genannten Vorfälle gefährdeten "nicht nur die körperliche und seelische Gesundheit der Opfer", heißt es im Wehrbericht, sie "werfen einen Schatten auf das Bild der Bundeswehr".
Und das kann diese gerade nicht gebrauchen - im Gegenteil: Sie braucht ein besseres Image, um die notwendige Personalaufstockung in den nächsten Jahren auf freiwilliger Basis erreichen zu können. Ansonsten müsste die Wehrpflicht wieder eingesetzt werden.
- Analyse
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