Özdemir und Hagel einig:Wie aus einem Waldspaziergang eine Koalition wurde
von Laura Ozdoba, Stuttgart
Die Reibereien im Wahlkampf hatten das Vertrauen zwischen Cem Özdemir und Manuel Hagel beschädigt. Aus den Koalitionsverhandlungen gehen sie nun betont geschlossen hervor.
Grüne und CDU haben in Baden-Württemberg ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. In Rheinland-Pfalz sind CDU und SPD schon weiter: Der gemeinsame Koalitionsvertrag wurde unterschrieben.
06.05.2026 | 0:34 minGut zwei Monate nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben Grüne und CDU ihren Koalitionsvertrag vorgelegt. Am Mittwoch stellten die Verhandlungsführer Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) ihre Schwerpunkte für die kommenden fünf Jahre vor. Nach den Reibereien im Wahlkampf setzten sie bei dem Termin in Stuttgart auffallend stark darauf, Harmonie und Geschlossenheit zu demonstrieren.
Man habe miteinander verhandelt und gerungen, "auch zu nächtlicher Stunde", erklärte Hagel. Aber vor allen Dingen habe man sich immer geeinigt. Der Vertrag sei "ein Gemeinschaftswerk zweier gleichstarker Partner", so der CDU-Chef. Auch der designierte Ministerpräsident Özdemir betonte eine gleichberechtigte Basis:
Diese Koalition ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Cem Özdemir (Grüne)
Vertrauen musste wiederhergestellt werden
Dabei hatte nicht nur die Pattsituation durch das knappe Wahlergebnis die Ausgangslage der Gespräche verkompliziert - die Grünen hatten sich mit 30,2 zu 29,7 Prozent gegen die CDU durchgesetzt, was jeweils 56 Mandate ergibt.
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg lieferten die Grünen eine Aufholjagd, "die man in dieser Form noch nie so gesehen hat", sagt ZDF-Reporterin Sandra Susanka.
09.03.2026 | 4:14 minZusätzlich war das gegenseitige Vertrauen durch die Reibereien des Wahlkampfs - von "Rehaugen"-Video bis "Schmutzkampagnen"-Vorwürfen - angeknackst. Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider resümiert gegenüber ZDFheute:
Beim Vertrauen, da lag nun der Hase tatsächlich im Pfeffer.
Prof. Frank Brettschneider, Uni Hohenheim
Doch dieses Vertrauen brauche man als tragfähige Grundlage, so der Experte. Vertrauen, das Hagel und Özdemir wohl bei einem gemeinsamen Spaziergang am Samstag nach der Wahl begonnen haben, wieder aufzubauen. "Wir waren im Wald zusammen unterwegs, an der frischen Luft, in Bewegung", erzählt Hagel. Dabei scheinen sie nicht nur eine gemeinsame Vorliebe für regionales Bier, Wein und Brezeln entdeckt zu haben, sondern auch politische Anknüpfungspunkte.
Nach dem knappen Vorsprung der Grünen waren schwierige Gespräche erwartet worden.
10.03.2026 | 1:40 minMan habe sich bemüht, die Standpunkte des anderen zu verstehen, ergänzt Özdemir, auf der Suche nach gemeinsamen Kompromissen. Dazu ein kleiner Fingerzeig, wohl in Richtung Hauptstadt: "Wir haben uns wirklich vorgenommen, und das auch ein bisschen als Lehre von anderswo, dass wir das, was wir hier sagen, auch machen." Der Vertrauensverlust in die Demokratie sei eklatant, betont der Grünen-Politiker.
Fokus auf Wirtschaft und Arbeitsplätze
Inhaltlich stehen für Grüne und CDU in den nächsten fünf Jahren besonders Wirtschaft, Bildung und die Zukunftsfähigkeit des Bundeslandes im Fokus. So sollen Innovationen mit einer High-Tech-Strategie gefördert und Bürokratie mittels eines Effizienzgesetzes abgebaut werden. Unternehmensgründungen sollen innerhalb von 48 Stunden möglich sein. Im Bereich Bildung soll das letzte Kindergartenjahr verpflichtend und kostenfrei werden.
Wo genau die Konflikte bei den Verhandlungen lagen, dazu hielten sie sich in Stuttgart bedeckt. Weitestgehend:
Das Bekenntnis zum Klimaschutzziel 2040 ist wahrscheinlich jetzt auch nicht etwas, wo jeder Christdemokrat nachts von träumt und denkt: Endlich, dafür regieren wir.
Cem Özdemir (Grüne)
Nach der Wahl in Baden-Württemberg steht die neue Regierung. Die Grünen um Cem Özdemir und die CDU mit Manuel Hagel einigten sich in Stuttgart auf einen Koalitionsvertrag.
01.05.2026 | 1:11 minGemischte Reaktionen auf Pläne von Grünen und CDU
Aus der Wirtschaft gibt es für den Koalitionsvertrag erste positive Signale. Der Koalitionsvertrag sei ein ambitioniertes Programm mit richtigem Fokus auf unsere Wirtschaft, so Jan Stefan Roell, Präsident der baden-württembergischen IHKs. Und auch der Präsident der Unternehmer Baden-Württemberg, Thomas Bürkle, lobt, dass das Regierungsprogramm zentrale Forderungen der Wirtschaft aufgreife. Und betont: "Jetzt kommt es auf Tempo in der Umsetzung an."
Mutiger Bürokratieabbau, schnelle Realisierung des Belastungsmoratoriums und konsequente Digitalisierung der Verwaltung sind überfällig und können echte Entlastung für die Unternehmen bringen.
Thomas Bürkle, Präsident der Unternehmer Baden-Württemberg
Der Sozialverband VdK Baden-Württemberg begrüßt insbesondere die Erhöhung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau, das geplante verpflichtende beitragsfreie letzte Kindergartenjahr und das Bekenntnis zur personenzentrierten Eingliederungshilfe. Er kritisiert jedoch die "deutlich unzureichende Verankerung von Maßnahmen für eine bezahlbare Pflege, Barrierefreiheit im Gesundheitswesen und den Hitzeschutz".
Kritik kommt auch von den Gewerkschaften: "Es fehlt leider der Mut zum großen Wurf", so Kai Burmeister, Vorsitzender des DGB Baden-Württemberg. Zentrale Fragen blieben offen: "Die Wohnungsnot im Südwesten ist massiv, echte Lösungen sucht man im Koalitionsvertrag vergeblich."
Winfried Kretschmann ist in Stuttgart mit einem Festakt als Ministerpräsident Baden-Württembergs verabschiedet worden. Ex-Bundespräsident Gauck würdigte ihn für seine Verdienste.
29.04.2026 | 0:24 minHagels zukünftiges Ministerium noch nicht bekannt
Cem Özdemir soll am 13. Mai zum Ministerpräsidenten, Manuel Hagel zu seinem Stellvertreter gewählt werden. Welches Amt der CDU-Chef bekleiden wird, dazu äußerte er sich bislang nicht. Wie die Ministerien personell besetzt werden, ist weitgehend unbekannt. Es gilt allerdings als wahrscheinlich, dass Manuel Hagel Innenminister wird.
Laura Ozdoba ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Baden-Württemberg.
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