Vor der Wahl in Berlin:Mit oder ohne Kai Wegner? Berliner CDU in der Zwickmühle
von Stephan Merseburger
Vor der Wahl in Berlin steckt die CDU im Umfragetief. Ihr regierender Bürgermeister Kai Wegner ist schwer angeschlagen. Wagt die CDU, ihren Spitzenkandidaten auszutauschen?
Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner steht immer mehr unter Druck. Es geht um sein Verhalten während des Stromausfalls im Januar. Die SPD lehnt eine weitere Zusammenarbeit mit ihm ab.
09.07.2026 | 0:27 minAm Abend treffen sich die CDU-Kreisvorsitzenden in der Landesgeschäftsstelle. Eigentlich keine deutschlandweite Nachricht wert. Wäre da nicht der Spitzenkandidat Kai Wegner, der die Berliner CDU vor den Wahlen am 20. September in den Abgrund zu reißen droht. Die letzte Umfrage sieht die CDU nur noch auf Platz 4, hinter den Linken, den Grünen und der AfD. Es ist ein Krisentreffen. Wegner, so heißt es, wird dabei sein.
Ist Wegner als Spitzenkandidat noch haltbar? Diese Frage dürfte den Abend beherrschen. Bislang hat lediglich der umstrittene Chef der Berliner Jungen Union Harald Burkart öffentlich den Verzicht Wegners auf die Spitzenkandidatur gefordert. Wegner habe Vertrauen, "die entscheidende Währung in der Politik" verspielt.
Stromausfall: Wegners Kommunikationskrise
Hintergrund ist die letzte Wendung der Führungs- und Kommunikationskrise rund um den Stromausfall Anfang des Jahres im Berliner Süden. Wegner hatte am 7. März behauptet, am 3. Januar ab 08:08 Uhr am Morgen telefoniert zu haben, um die Lage zu erkennen und in den Griff zu bekommen.
Seit einigen Tagen ist klar, dass er erst um 12:45 Uhr zum Hörer gegriffen hat. Vorher habe er Textnachrichten verschickt, so Wegner. Schon seit Beginn des Jahres lasten das Tennisgate und die missglückte Krisenkommunikation Wegners rund um den Stromausfall wie Blei auf dem Spitzenkandidaten und der CDU.
Berlin: SPD-Spitzenkandidat will nicht mit Kai Wegner koalieren
Die Opposition war erwartungsgemäß empört. Doch auch der Spitzenkandidat der SPD, Steffen Krach, machte klar, dass er nach der Wahl mit einer CDU unter Wegner nicht koalieren wolle. Berlin wird zurzeit schwarz-rot regiert. Von den Grünen ist ähnliches zu erwarten. Beide Parteien brauchen die Berliner Christdemokraten, um regieren oder mitregieren zu können.
Und die CDU? Es gab schon lange Murren über Wegner, doch gefährlich wurde es bislang nicht für ihn. Beim Landesparteitag im Juni gab es einen überraschenden Herausforderer, Wolfram Wickert, den Bruder des früheren Tagesthemen-Moderators Ulrich Wickert. Am Ende setzte sich Wegner mit fast 93 Prozent der Stimmen durch. Die Partei hielt treu zum angeschlagenen Bürgermeister.
Berlins Bürgermeister Wegner muss um seine Wiederwahl bangen. In aktuellen Umfragen liegt seine CDU zwar vorne, doch es gibt keine Mehrheit mehr für seine schwarz-rote Koalition.
20.06.2026 | 4:02 minCDU in Umfragen auf Platz 4
Damals lag die CDU in Umfragen vorn, bei 20 bis 22 Prozent. Doch jetzt, nach dem Umfragesturz auf Platz 4 und einem weiteren Glaubwürdigkeitsverlust Wegners, scheint es in der CDU Kräfte zu geben, die sich von Wegner trennen wollen, um den Abwärtssog zu stoppen. Mehrere Medien berichten, dass einige Kreisverbände Wegner zum Verzicht auf die Kandidatur bewegen möchten. Auch das ZDF hat Hinweise darauf bekommen, dass der Stab über Wegner gebrochen werden könne.
Bislang ging man in Berlin davon aus, dass Wegner die Krise aussitzen wolle. Als Reaktion auf den letzten Kommunikationsgau schrieb er: "Für mich ist entscheidend, aus Fehlern zu lernen und es künftig besser zu machen." Am Ende habe Berlin diese Stromkrise deutlich schneller bewältigt als zunächst angenommen. "Das zählt für mich." Und für die CDU?
Vielen scheint klar, dass Wegner längst keinen Amtsbonus mehr hat und eine Belastung für die Partei sein könnte. Einige haben wohl gehofft, nach einer verlorenen Wahl als Juniorpartner in einer Koalition mit Grünen und SPD weiter die Stadt gestalten zu können und die CDU nach der Wahl neu aufzustellen - ohne Wegner.
Der Strom im Süden Berlins ist wieder zurück. Jedoch wächst die Kritik an Kai Wegner, wegen eines verschleierten Tennisbesuchs und seiner Krisenkommunikation.
08.01.2026 | 2:52 minKrisentreffen der Kreisvorsitzenden: Wer könnte für Wegner übernehmen?
Kommt es am Abend aber tatsächlich zum Aufstand der Kreisvorsitzenden und zum Verzicht Wegners auf die Kandidatur, muss schnell eine Lösung gefunden werden. Wer könnte statt Wegner in Wahlkampf und Rathaus ziehen? Mehrere Namen kursieren, darunter Justizsenatorin Felor Badenberg und Finanzsenator Stefan Evers, der seit dem Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson auch noch Kultursenator ist. Evers ist rhetorisch versiert und kennt als Herr über das Budget die Probleme der Stadt sehr genau.
Bislang aber haben weder Evers noch Badenberg Bereitschaft gezeigt, Wegners Nachfolge anzutreten. Sie verfügen über keine Hausmacht in der Berliner CDU, ihre Bekanntheit bei den Wählern ist gering. Jetzt einzuspringen, am Beginn der Berliner Sommerferien, rund drei Monate vor dem Wahltag, scheint aussichtslos.
Wie die CDU es am Ende macht, mit Wegner oder ohne, beides birgt hohe Gefahren. Weiter mit Wegner und angeschlagener Glaubwürdigkeit? Oder mit einem Kandidaten, der einen Befreiungsschlag verkörpern soll, aber nicht genug Zeit hätte, ein eigenes Profil und stadtweite Bekanntheit aufzubauen? Beide Optionen überzeugen nicht.
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