Holocaust-Überlebende :Tova Friedman: "Mein Schicksal ist das Erinnern"
Tova Friedman hat als Kind den Holocaust überlebt. Im Interview erinnert sie sich daran, wie man ihr als Fünfjährige eine Nummer tätowierte: "27633. Das ist, wer ich dann war."
Sie überlebte als Sechsjährige das Vernichtungslager Auschwitz. 150 Menschen aus ihrer Familie starben im Holocaust. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages spricht Tova Friedman bei der Gedenkfeier im Bundestag.
ZDFheute: Mit welchem Gefühl werden Sie heute Ihre Rede im Bundestag halten?
Tova Friedman: Ich freue mich sehr darauf und bin gleichzeitig dankbar, dass ich eingeladen wurde. Es war ja eigentlich gar nicht vorgesehen, dass ich noch am Leben bin - ich sollte in Auschwitz vergast werden. Und nun werde ich vor den Politikern im Deutschen Bundestag stehen und von meinem Schicksal berichten.
ZDFheute: Es gibt nicht mehr viele Holocaust-Überlebende. Warum ist es Ihnen so wichtig, darüber zu sprechen?
Friedman: Ich spreche über mein Schicksal, damit es nicht vergessen wird. Und damit alle diese fürchterliche Gefahr sehen. Wir müssen das aufhalten, dass Menschen andere hassen, ihnen sogar den Tod wünschen.
"Ich spreche über mein Schicksal, damit es nicht vergessen wird", erzählt Tova Friedman. Man müsse den Hass auf andere Menschen aufhalten und sich gegenseitig mit Respekt behandeln, fordert sie.
28.01.2026 | 0:25 minMan muss nicht alle und jeden mögen, aber man darf dem anderen nicht den Tod wünschen oder ihn seiner Freiheit berauben. Man muss sich gegenseitig mit Respekt behandeln - auch wenn man sich nicht mag.
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ZDFheute: Sie haben am Arm eine Nummer eintätowiert. Haben Sie je darüber nachgedacht, sie entfernen zu lassen?
Friedman: Nein - nie! Ich hatte die Möglichkeit, das zu tun. Aber nein: Ich muss mich nicht schämen dafür - ich habe nichts verbrochen. Ich will, dass alle Welt sie sehen kann. Jeder in meinem Leben soll sehen, was sie einem Kind angetan haben.
Ich war fünfeinhalb, als sie mich tätowierten. Und damit nahmen sie mir meinen Namen.
Tova Friedman, Holocaust-Überlebende
Die Frau, die mich tätowierte, fragte, wie ich heiße, und ich sagte es ihr. Doch sie erwiderte: 'Nein, das ist nicht mehr dein Name.' Ich sagte: 'Aber ich kann doch gar nicht lesen.'
Holocaust-Überlebende Tova Friedman spricht von der Entmenschlichung, durch die Reduzierung auf eine Nummer: "Ich war fünfeinhalb als sie mich tätowierten, und damit nahmen sie mir meinen Namen."
28.01.2026 | 0:28 minJeder musste seine Nummer wissen, wenn man aufgerufen wurde und wenn man nicht geantwortet hätte, wäre die ganze Baracke bestraft worden. So musste ich sie lernen, als sehr kleines Kind.
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ZDFheute: Wie ist die Nummer?
Friedman: Heute weiß ich sie auswendig: 27633. Das ist, wer ich dann war.
ZDFheute: Was macht Ihnen heute am meisten Angst?
Friedman: Der Antisemitismus allerorten. Auch in Amerika - mein Enkel traut sich nicht, mit dem Stern an der Halskette auf die Straße zu gehen. Mir macht Angst, dass der Hass gegen die Juden wieder wächst. Deshalb spreche ich, solange ich kann, und überall dort, wo man bereit ist, mir zuzuhören.
"Der Antisemitismus nimmt zu, die Rechten haben immer mehr Zulauf", sagt Tova Friedman. Die Holocaust-Überlebende hofft auf Widerstand.
28.01.2026 | 0:33 minDas Interview führte Henriette de Maizière.
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