Projekt "Holo-Voices":Überlebende als Hologramm: Damit sie weiter erzählen können
von Andrea Budke
Inge Auerbacher hat den Holocaust überlebt. Unermüdlich erzählt die 91-Jährige ihre Geschichte - auch im Museum. Ihr Hologramm ist, mit dem anderer Zeitzeugen, in Essen zu sehen.
Das Projekt Holo-Voices bewahrt Erfahrungen von Zeitzeugen des Holocaust und macht Erinnerungen für die kommenden Generationen erlebbar. Heute wurde das Projekt im Zollverein Essen eröffnet.
27.01.2026 | 1:54 min"Wann und wie wurdest du befreit?", fragt die 15-jährige Ayomi Ikpeba. "Bei der Befreiung waren wir im Keller. Einer ist rauf, das war am 8. Mai, am späten Nachmittag oder Abend. Und dann sagte der: Wir sind frei! Die Russen sind hier!", antwortet die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher. Oder, um genau zu sein: ihr Hologramm.
Denn die echte 91-Jährige ist weit weg. Sie lebt in den USA. Als Kind hat sie im Ghetto Theresienstadt in der damaligen Tschechoslowakei unter den Nazis gelitten.
Auch in Berlin haben Schüler jetzt die Möglichkeit, sich mit Hologrammen von Holocaust-Überlebenden zu sprechen - sehen Sie hier das Video dazu:
Wie kann Erinnerungskultur lebendig gehalten werden? Einen Ansatz liefert ein Schulprojekt: Hologramm-Videos. In einem spricht Zeitzeugin Ruth Winkelmann über ihren in Auschwitz ermordeten Vater.
27.01.2026 | 3:31 minHologrammen liegen lange Interviews zugrunde
Was sie als Jüdin zur Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat, hat Auerbacher in langen Interviews erzählt. Aus diesen Originaltönen speist sich ihr Hologramm. Die Antwort auf Ayomis Frage ist genau die, die Auerbacher im Interview gegeben hat.
Das habe sie gespürt, sagt Ayomi Ikpeba, Schülerin der Elsa- Brandström-Realschule in Essen. "Es war schon richtig realistisch, wie sie geredet hat", findet sie und fügt hinzu:
Das hat mich wirklich emotional mitgenommen.
Ayomi Ikpeba, Schülerin
Am 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz warnen Vertreter der jüdischen Gemeinschaft vor wachsendem Antisemitismus. Zentralratspräsident Schuster ruft zu Zivilcourage auf.
27.01.2026 | 1:45 minKünstliche Intelligenz identifiziert Schlüsselbegriffe
Die Technologie dahinter: "Wir haben einfach eine KI dahinterliegen, die sozusagen Schlüsselbegriffe aus der aktuell gestellten Frage und aus der ursprünglich gestellten Frage ermittelt (...). Dann wird die am besten passende Antwort zu der ursprünglich gestellten Frage originalgetreu wiedergegeben, ohne jegliche Veränderungen", erklärt Manfred Bayer von der Technischen Universität Dortmund.
Auf Initiative des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft von Nordrhein-Westfalen hat die TU bislang drei sprechende Hologramme von Zeitzeugen entwickelt. Auch ein Hologramm von Eva Weyl gehört dazu. In naher Zukunft wird auch sie als "Holo-Voice" auf dem Gelände des Essener Unesco-Welterbes Zollverein Fragen beantworten. Selbst dann noch, wenn sie selber es eines Tages nicht mehr kann.
Vor einem Jahr starb Marian Turski, Holocaustüberlebender und Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Als Zeitzeuge mahnte er: "Seid nicht gleichgültig". Seine Worte hallen nach.
27.01.2026 | 2:31 minHolocaust-Überlebende Eva Weyl: "Es darf nicht vergessen werden"
Die heute 90-jährige Holocaust-Überlebende ist extra zur Eröffnung nach Essen gekommen. "Das Wichtigste ist, dass die jungen Leute das Gefühl haben, dass man etwas Lebendiges vor sich hat, nicht ein Video… Dass man das Gefühl hat: so war sie… Dass das berühren wird, das hoffe ich", sagt sie.
Aktuell besucht die 90-Jährige, die als Kind im niederländischen Deportations-Lager Westerbork überlebte, noch höchstpersönlich Schulklassen und erzählt ihre Geschichte. Mit Nachdruck sagt sie:
Es darf nicht vergessen werden. Weil dieser Krieg anders war, als jeder Krieg zuvor oder seitdem. Noch nie hat es diese Art von Massenmord gegeben.
Eva Weyl, Holocaust-Überlebende
Dass ihr Hologramm weitererzählen wird, wenn sie selbst nicht mehr da ist, findet sie wichtig.
Die nordrhein-westfälische Ministerin für Kultur und Wissenschaft Ina Brandes auch: "Erstzeugen sind natürlich das Allerbeste," sagt sie, "aber wenn die nicht mehr da sind, sind die Hologramme eben die zweitbeste Art, sich von jemand persönlich erzählen zu lassen, was passiert ist." Zum Projekt "Holo-Voices" gehören auch die Begleitausstellung "Frag nach" und die Präsentation "Unter Tage. Unter Zwang."
Weltweit wird am Internationalen Holocaust-Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Im Bundestag wird es am Mittwoch eine Gedenkstunde geben.
27.01.2026 | 0:27 minAbraham Lehrer : "Explodierende Zahlen von antisemitischen Vorfällen"
Für Abraham Lehrer, den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, eine wichtige Aktion in Zeiten wie heute: "Wir haben explodierende Zahlen von antisemitischen Vorfällen. Im ganzen Land. Und wir sind gefordert, jetzt endlich einzuschreiten."
Diese Form von neuer Methode, das Wissen über die Shoa, die Gräueltaten der Nazis, rüberzubringen, ist etwas, was junge Menschen erreichen kann.
Abraham Lehrer, Zentralrat der Juden
Bei der 15-jährigen Schülerin Ayomi hat das offenbar funktioniert. "Wenn ich irgendwann mal Kinder habe, will ich denen das weitergeben. Damit man die Geschichte niemals vergisst", sagt sie nach ihrer Begegnung mit Inge Auerbachers Hologramm.
"Holo-Voices" ist ein europaweit einmaliges Projekt des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft NRW und der Technischen Universität Dortmund. Der Titel ist mit jüdischen Institutionen abgestimmt und verweist doppeldeutig auf 'Hologramm-Stimmen' und 'Holocaust-Stimmen'. Der "Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", der immer am 27. Januar stattfindet, markiert den offiziellen Auftakt des Projekts.
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