Homosexualität nach NS-Zeit: Jannik Schümann für mehr Aufklärung

Jannik Schümann zu Liebe als Verbrechen:"Verfolgung Homosexueller hörte mit NS-Zeit nicht auf"

von Rebecca Ricker

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Schauspieler Jannik Schümann beklagt das fehlende Wissen über die NS-Verfolgung Homosexueller: Der "Unzucht-Paragraf" habe noch jahrzehntelang gegolten und damit die Verfolgung.

Fotografie-Collage in Schwarz-Weiß: Rechts ein Portrait von Kurt Brüssow, queerer Überlebender der NS-Diktatur, links das Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz.

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Am Theater war Kurt Brüssow als Homosexueller nicht allein. Er arbeitete in den 1930er-Jahren als Schauspieler in Greifswald. Seine Sexualität konnte er im Geheimen ausleben.

Doch dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Sie verschärften den Paragrafen 175, der schwulen Sex kriminalisiert. Kurt Brüssow wurde verraten und nach seiner Verhaftung in das KZ Auschwitz gebracht. Erst 1944 kam er wieder frei, nachdem er zwangsweise kastriert worden war.

Kurt Brüssows Schicksal teilten schätzungsweise mehrere Tausend Homosexuelle im Nationalsozialismus. "Brüssow ist durch das Tiefste gegangen und hat nie aufgehört, dem Bösen direkt in die Augen zu blicken", konstatiert Jannik Schümann. Der Schauspieler macht in der ZDFinfo-Doku "Verbotene Liebe - Queere Überlebende der NS-Diktatur" auf Brüssows Geschichte aufmerksam.

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Vom Nazi-Gejagten zum Nazi-Jäger

Kurt Brüssow hat sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegen das Unrecht, das er erleben musste, gewehrt. Beispielsweise bei den so genannten Spruchkammerverfahren, die ab 1947 in München stattfanden. Sie waren Teil der Entnazifizierung und sollten NS-Verbrechen in den westlichen Besatzungszonen aufarbeiten. In den Verfahren sollte bei Millionen Deutschen festgestellt werden, wie tief sie in das nationalsozialistische Unrecht verstrickt waren.

Eine Besonderheit der Spruchkammerverfahren war: Laien konnten sich daran beteiligen, auch ohne ein Jura-Studium. Brüssow war nach dem Krieg nach München gezogen, bewarb sich und wurde Ankläger.

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Seine Sexualität bleibt Tabu

Doch auch nach der Zerschlagung der NS-Justiz hielt Brüssow seine eigene Sexualität weiter geheim. Wäre es bekannt gewesen, dass er homosexuell war, hätte er wohl nicht als Ankläger an den Entnazifizierungsprüfungen mitwirken können.

Kurt Brüssow musste seine Identität weiter komplett geheim halten, da jegliches Ausüben seines sexuellen Drangs absolut strafbar war.

Jannik Schümann, Schauspieler, der die Geschichte von Kurt Brüssow präsentiert

Sehen Sie die Doku "Verbotene Liebe - Queere Überlebende der NS-Diktatur" am 27. Januar um 20:15 Uhr bei ZDFinfo oder streamen Sie sie jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.


Verfolgung Homosexueller nach der NS-Zeit

Nach dem Krieg heiratete Brüssow eine Frau. Als schwuler Mann eine Frau zu heiraten, war damals nicht unüblich. Sie bot Schutz: "Wir sprechen ja über Zeiten, in denen nicht verheiratete Menschen beäugt wurden von der Gesellschaft", erklärt Schümann. Die Heirat gab Brüssow eine gesellschaftliche Absicherung.

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"Die Verfolgung Homosexueller hörte nicht mit der NS-Zeit auf", erläutert Schümann. Der Paragraf 175 blieb in der Bundesrepublik bestehen. Im Nationalsozialismus Verfolgte wie Brüssow galten weiter als verurteilte Kriminelle. Bei der Entschädigung für NS-Verbrechen blieben sie außen vor. Auch Brüssows Antrag wurde abgelehnt. Er starb 1988.

Erst 1994 wurde der Homosexuellen-Paragraf endgültig abgeschafft. Die erste offizielle Gedenkveranstaltung für homosexuelle Opfer des NS-Regimes fand erst 2023 im Bundestag statt. "Dass es so lange dauerte, bis überhaupt offiziell queerer Menschen gedacht wird, ist wahnsinnig traurig", sagt Schümann.

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Brüssow als Vorreiter für ein freies Leben

Für Jannik Schümann ist Kurt Brüssow ein Vorbild: "Er hat für eine Zukunft gekämpft, in der ich als homosexueller Mann frei leben kann. Ich sehe das als Auftrag, dass wir uns diese Freiheit bewahren, damit der Kampf nicht umsonst gewesen ist."

Schümann hat 2021 seine Liebe zu seinem Partner öffentlich gemacht. Er war Teil einer Kampagne von über 100 Schauspieler*innen, die sich gegen Diskriminierung queerer Menschen gestellt haben.

Wenn es leider immer noch viele Menschen gibt, die Homosexualität als Problem, Gefahr, Anderssein ansehen, will und kann ich da nicht stumm sein.

Jannik Schümann, Schauspieler, der die Geschichte von Kurt Brüssow recherchiert hat

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Aufklärung über NS-Verfolgung von Homosexuellen fehlt

Jannik Schümann will über die Verfolgung von Homosexuellen im NS-Regime aufklären. Denn im Vergleich zu anderen Opfergruppen sei die Verfolgung von Homosexuellen durch die Nationalsozialisten fast unsichtbar, kritisiert Schümann: "Es gibt so viele Filme über Konzentrationslager, aber ich kenne keinen über den rosa Winkel."

Daher seien solche Dokumentationen wie "Verbotene Liebe" sehr wichtig, sagt Schümann. In der ZDFinfo-Doku werden neben der Geschichte Kurt Brüssows auch die Lebensgeschichten der als "Gerechte unter den Völkern" geehrten Ilse Totzke und der Transaktivistin Charlotte von Mahlsdorf erzählt.

Die Doku zeigt, wie absurd das alles ist: Dass man verfolgt wird, weil man liebt.

Jannik Schümann, Schauspieler

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Über dieses Thema berichtet die Sendung "Verbotene Liebe - Queere Überlebende der NS-Diktatur", online verfügbar am 22.01.2026 um 5 Uhr, in ZDFinfo am 27.01.2026 um 20:15 Uhr.

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