Holocaust-Überlebender:Weintraub: "Ich habe versucht, mich unsichtbar zu machen"
Leon Weintraub überlebte als junger Mann die Konzentrationslager der Nazis. Zum internationalen Holocaust-Gedenktag blickt er mit Schrecken auf jene, die den Holocaust verleugnen.
In dieser Graphic-Novel-Erzählung zeichnen die Autoren das Leben von Leon Weintraub nach.
26.01.2026 | 46:58 minAnfang des Jahres wurde Leon Weintraub 100 Jahre alt. Er ist einer der letzten Überlebenden des Holocaust, als junger Mensch entkam er dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags hat ZDFheute mit ihm über das Erinnern gesprochen.
ZDFheute: Sie sind am 1. Januar 100 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch! Darf ich fragen, was Sie sich gewünscht haben?
Leon Weintraub: Ich bin noch dabei zu lernen, wie das ist, ein 100-Jähriger zu sein. Persönlich geht es mir sehr gut. Was ich mir wünsche, ist Frieden in der Welt.
Durch das gegenseitige Töten vertieft man Konflikte, das schafft Revanchegedanken, und dann geht die Spirale des Bösen immer weiter.
Leon Weintraub
Du mir, ich dir. Die Lage der Welt ist sehr schlecht.
Zeitzeuge und Holocaust-Überlebender Leon Weintraub berichtete auch 2024 im ZDF von seinem Verfolgungsschicksal während der NS-Zeit und wie sein Leben weiterging.
26.11.2024 | 45:20 minZDFheute: Als Sie 13 Jahre alt waren, marschierte die Wehrmacht in Polen ein. Wenige Monate später wurde Ihre Familie 1939 ins Ghetto Litzmannstadt gebracht, im August 1944 dann ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Weintraub: Meine Mutter und ihre Schwester wurden am selben Tag, das war der 19. August 1944, ums Leben gebracht, in die Gaskammer und dann im Krematorium verbrannt. Ich wurde als arbeitsfähig eingestuft. Solange man das war, solange man nützlich war, war man am Leben.
Sobald man nicht mehr imstande war, die Befehle auszuführen, wurde man kaltblütig, rücksichtslos ermordet, getötet. Die Trennung von der Familie war das eine. Das andere: dieser hohe Schornstein, aus dem unaufhörlich, man kann sagen Tag und Nacht, schwarzer, nach verbranntem Fleisch riechender, übler Rauch aufstieg.
Die jüdischen Häftlinge Helen Spitzer und David Wisnia verlieben sich im Konzentrationslager. Sie rettet ihm mehrfach das Leben. Erst Jahrzehnte später sehen sie sich wieder.
09.11.2025 | 2:39 minZDFheute: Ihnen gelang es, Auschwitz zu entkommen, Sie haben weitere Konzentrationslager überlebt. Und dabei jeden Tag den Tod gesehen. Woher haben Sie die Kraft genommen?
Weintraub: Mein Leben war auf das Minimum herabgesetzt. Es hat, wie man sagt, die Kerze kaum geflackert, mein Licht. Ich war klein, abgemagert bis auf 35 Kilo. Ich habe versucht, mich unsichtbar zu machen. Nur nicht auffallen. Also so wenig wie möglich auffallen.
Ich habe mich in meinen Kokon eingehüllt, mit einer unsichtbaren Wand umringt, um das Schlimmste nicht an mich heranzulassen. Und das hat mir geholfen, als Ausdruck meines Selbsterhaltungstriebes.
... wurde 1926 als Sohn einer jüdischen Familie im polnischen Lodz geboren. Dem Konzentrationslager (KZ) Auschwitz konnte er entkommen - er hatte sich unbemerkt einem Transport in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen anschließen können. Danach wurde er in die KZs Flossenbürg und Natzweiler-Struthof gebracht.
Die Befreiung erlebte er kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs durch französische Truppen in der Nähe von Donaueschingen. Nach dem Krieg studierte er Medizin und arbeitete als Gynäkologe in Polen und Schweden, wo er heute noch lebt.
Weltweit wird am Internationalen Holocaust-Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Im Bundestag wird es am Mittwoch eine Gedenkstunde geben.
27.01.2026 | 0:27 minZDFheute: Heute begehen wir den internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust. Was ist Ihnen wichtig, wie sollte dieser Tag begangen werden?
Weintraub: Dieses Ereignis in der Weltgeschichte soll niemals in Vergessenheit geraten. Diese Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen angetan haben, die andere als Untermenschen angesehen haben und sich selbst als Übermenschen bezeichnet haben. Das darf nicht vergessen werden.
Es gibt kaum ein Ereignis, das so gründlich in Wort und Bild dokumentiert ist. Und trotzdem gibt es Menschen, die das verneinen, leugnen, wie die rechtsradikale AfD und Rechtsradikale in anderen Ländern.
Das Geschehene zu verneinen, bedeutet, die ermordeten unschuldigen Menschen noch einmal zu töten.
Leon Weintraub
Das soll niemals in Vergessenheit geraten. Und darum soll man die Gedenkstätten pflegen und vor allem Kindern in Schulen die Wahrheit über die Folgen des Nationalsozialismus beibringen. Wenn meine Vorträge, die ich an Schulen und anderswo halte, eine Art Impfung sind, die immun macht gegen solche Gedankengänge, dann bin ich wirklich zufrieden.
Wir sind Menschen. Von der Geburt bis zum Sarg sollen wir als Menschen leben, denn freundlich zu sein zueinander, kostet keinen Cent.
Das Gespräch in Stockholm mit Leon Weintraub führte Marie Walter.
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