Gedenken an Holocaust-Opfer in Auschwitz ohne Marian Turski

Gedenken an Opfer der Nazis in Auschwitz:Holocaust-Überlebender und Mahner Turski: Worte, die bleiben

von Natalie Steger und Milena Drzewiecka

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Auschwitz, ein Ort der deutschen Schuld. Marian Turski war eine Stimme der Versöhnung und Mahnung. Er überlebte die Hölle von Auschwitz. 2025 starb er. Seine Worte bleiben.

Marian Turski

Vor einem Jahr starb Marian Turski, Holocaust-Überlebender und Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Als Zeitzeuge mahnte er: "Seid nicht gleichgültig". Seine Worte hallen nach.

27.01.2026 | 2:31 min

"Auschwitz fiel nicht vom Himmel", sagte Marian Turski einmal. Als Mahnung für ein "nie wieder". Wie kaum ein anderer Auschwitz-Überlebender setzte er sich für die Versöhnung von Polen und Deutschland ein. Der polnische Journalist jüdischer Abstammung war bis zu seinem Tod Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Der heutige Dienstag ist der Gedenktag für die Opfer des Holocaust.

Turski konnte die Menschen mit seinen Worten berühren, warnen und zum Nachdenken bringen. In seiner Rede zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar 2020 sagte er:

Seid nicht gleichgültig, wenn ihr historische Lügen seht.

Marian Turski, Holocaust-Überlebender

Und weiter: "Seid nicht gleichgültig, wenn ihr seht, dass die Vergangenheit für aktuelle politische Zwecke missbraucht wird. Seid nicht gleichgültig, wenn irgendeine Minderheit diskriminiert wird. (...) Seid nicht gleichgültig, wenn irgendeine Regierung gegen bereits existierende, gebräuchliche gesellschaftliche Verträge verstößt."

Seid dem Gebot treu. Dem elften Gebot: Du sollst nicht gleichgültig sein. Denn wenn du gleichgültig sein wirst, so wird - ehe du dich versiehst - auf euch, auf eure Nachfahren plötzlich irgendein Auschwitz vom Himmel fallen.

Marian Turski, Holocaust-Überlebender

Vergangenes Jahr dann hielt Turski seine letzte große Rede. Nur drei Wochen später starb er.

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Turski: Verschwörungstheorien infrage stellen

Zum 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 27. Januar warnte Turski auch vor Verschwörungstheorien:

Wir sehen in der modernen Welt, heute, gerade jetzt, einen starken Anstieg des Antisemitismus, und es war der Antisemitismus, der zum Holocaust führte.

Marian Turski, Holocaust-Überlebender

"Wir sollten uns nicht scheuen, Verschwörungstheorien infrage zu stellen, die besagen, dass alles Schlechte auf der Welt das Ergebnis von Verschwörungen einer nicht näher bezeichneten Personengruppe ist, und die Juden werden hier oft genannt."

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Turski erlebte Befreiung in Theresienstadt

Marian Turski hat trotz des Erlebten nie Hass Richtung Deutschland geäußert. Das ZDF-Studio Warschau hat immer wieder mit ihm gesprochen. In einem ZDF-Interview im Jahr 2020 richtete Turski eine Botschaft an die junge Generation in Deutschland und weltweit:

Die deutschen jungen Menschen sollen sich dafür interessieren, ohne es zu beurteilen, aber sie sollen wissen, was ihre Großeltern und Urgroßeltern gemacht haben.

Marian Turski, Holocaust-Überlebender

"Jedenfalls richtet sich meine Botschaft nicht nur an die deutschen Jugendlichen. Nach Auschwitz hatten wir noch Ruanda, Sudan, Nigeria, Srebrenica… Denkt darüber nach, wenn ihr heutzutage - metaphorisch gesagt - Auschwitz baut."

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten etwa 7.000 Gefangenen in Auschwitz. Zuvor hatten die Täter versucht, alle Spuren zu vernichten und Zehntausende Häftlinge zu Todesmärschen Richtung Westen gezwungen. Auch Marian Turski. Er wurde ins KZ Buchenwald deportiert, später nach Theresienstadt, wo er am 8. Mai 1945 die Befreiung erlebte.

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"Unser Essen war Schnee"

Im ZDF erzählte Turski 2020 von dem Todesmarsch aus Auschwitz, der Kälte und dem Nahrungsentzug. "Der Todesmarsch aus Auschwitz wurde offiziell Evakuierung genannt. Erst marschierten wir 49 Kilometer lang. Draußen minus 20 Grad."

Jedem, der für einen Moment gestoppt hat, wurde in den Kopf geschossen.

Marian Turski, Holocaust-Überlebender

"49 Kilometer. Dann wurden wir in den Waggon gestellt. Das letzte Brot haben wir noch in Auschwitz bekommen, dann sechs Tage lang gar kein Essen mehr. Unser Essen war Schnee. Zum Glück waren diese Waggons offen. Es hat geschneit und man konnte Schnee von oben schlucken", erzählte Turski, der auch Zeitzeuge und Beobachter der Gegenwart war.

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"Kann ich schweigen?"

Den russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 verurteilte Turski klar. 2023 äußerte er sich zum 80. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto dazu: "Ich kam nach Auschwitz und überlebte zwei Todesmärsche. Den letzten von Buchenwald nach Theresienstadt. Dort brachte mir die Sowjetarmee, die mehrheitlich aus Russen bestand, die Freiheit. Meine Dankbarkeit ihnen gegenüber, gegenüber denen, die mich aus den deutschen Lagern befreit haben, wird mich bis zum letzten Tag meines Lebens begleiten."

Aber kann ich denn gleichgültig sein, kann ich schweigen, wenn heute die russische Armee einen Nachbarn überfällt und dessen Land annektiert?

Marian Turski, ehemaliger Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees

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"Nie mehr Auschwitz"

Im ZDF-Interview erklärte Marian Turski 2020, was 'nie mehr Auschwitz' bedeutet:

"Wenn die nächste Generation versteht, was die Gleichgültigkeit verursacht, dann ist es das Wichtigste für eure Zukunft. Für eure (!) Zukunft. Wenn wir heute sagen 'nie mehr Auschwitz', das heißt nicht nur, dass es keine Konzentrationslager mehr geben soll."

Es soll keine Erniedrigung der Menschen geben - das ist der Sinn von 'nie mehr Auschwitz'.

Marian Turski, Holocaust-Überlebender

Marian Turski starb im Alter von 98 Jahren am 18. Februar 2025 in Warschau.

Über dieses Thema berichtet unter anderem die ZDFheute Xpress am 27.01.2026 um 06:00 Uhr im Beitrag "Auschwitz-Gedenken ohne Marian Turski".

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