Diskussion um Sperrklausel:Experte: Fünf-Prozent-Hürde wird "gerade heute benötigt"
von Johannes Lieber
Mit der Idee, die Fünf-Prozent-Hürde auf drei Prozent zu senken, hat Ex-Verfassungsrichter Papier eine Diskussion ausgelöst. Warum gibt es die Regel und ist sie eine Gefahr?
Über den Vorschlag der Senkung der Fünf-Prozent-Hürde bei Wahlen ist eine Debatte entbrannt. Die Union und Ex-Bundestagspräsident Lammert warnen vor instabilen Mehrheiten.
30.07.2026 | 1:26 minFast 50 Millionen gültige Stimmen wurden bei der letzten Bundestagswahl abgegeben. Rund sieben Millionen davon fielen unter den Tisch, darunter auch die fast 2,5 Millionen Stimmen für das BSW. Der Grund: Die Fünf-Prozent-Hürde. Die verhindert, dass Parteien in den Bundestag einziehen, die weniger als fünf Prozent der Stimmen und weniger als drei Direktmandate bekommen.
Zu Beginn der Woche sagte deshalb der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, dem Tagesspiegel: "Die Fünf-Prozent-Hürde ist nicht mehr zeitgemäß." Unterstützung bekam er nicht nur von AfD und Linken, sondern auch vom SPD-Spitzenkandidaten aus Sachsen-Anhalt, dessen Partei eben jener Hürde auch immer näher kommt.
Warum gibt es die Sperrklausel?
Ziel der Fünf-Prozent-Hürde ist es, die Mehrheits- und Regierungsbildung im Parlament zu erleichtern und eine Zersplitterung des Parteiensystems zu verhindern. Eine Zersplitterung, wie sie beispielsweise in der Weimarer Republik zu beobachten war. Eine Sperrklausel gab es hier nicht und deshalb Parlamente mit bis zu 15 Parteien.
Im Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Nationalsozialisten übernehmen die Macht, was das Ende für die Weimarer Republik bedeutet.
13.11.2025 | 15:44 minBei der Gründung der Bundesrepublik sah man das als "einen der Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik" an, so Verfassungshistoriker Fabian Michl. Bei der ersten Bundestagswahl galt die Sperrklausel dennoch zunächst nur auf Landesebene.
Eine Partei, die in einem Bundesland über die Fünf-Prozent-Hürde kam, zog in den Bundestag ein. Elf Parteien schafften das. Ab der zweiten Wahl 1953 galt die Regel dann bundesweit und nur noch sieben Parteien zogen in den Bundestag ein. Ab 1961 waren für über 20 Jahre noch vier Parteien im Bundestag vertreten: CDU, CSU, SPD und FDP.
Das Verfassungsgericht entscheidet in diesem Jahr über die Wahlprüfungsbeschwerde des BSW. Dass das jetzt erst geschieht, kann man durchaus kritisch sehen, sagt ZDF-Redakteur Daniel Heymann.
12.03.2026 | 0:25 minExperte: Sperrklausel wird "gerade heute benötigt"
Mit den Linken, den Grünen und der AfD sind heute wieder mehr Parteien im Parlament vertreten. Allgemein habe sich das deutsche Parteiensystem "seit den 1990er-Jahren wieder deutlich ausdifferenziert", so Michl. Aus seiner Sicht spreche deshalb "einiges" dafür, dass die Sperrklausel "gerade heute benötigt wird".
Andererseits beobachtet der Experte, dass besonders in Ostdeutschland gerade Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten, "die für stabile demokratische Koalitionsregierungen zur Verfügung stünden." Für ihn aber kein Grund, jetzt etwas an den Regeln zu ändern.
Ich bin skeptisch gegenüber vorschnellen Änderungen der wahlrechtlichen Rahmenbedingungen, vor allem dann, wenn damit auf tatsächliche oder vermutete Wahlergebnisse reagiert werden soll.
Fabian Michl, Verfassungshistoriker und Professor an der Universität Freiburg
Zudem sei unklar, wie sich das Wahlverhalten der Bürger verändern würde, wenn die Sperrklausel abgesenkt oder gestrichen wird. So könnten auch noch mehr Parteien in das Parlament einziehen, die nicht "koalitionstauglich" seien, so Michl.
Deutschlandweit ziehen 23 Wahlkreissieger nicht in den Bundestag ein, obwohl sie ihr Direktmandat gewonnen haben. Grund ist das neue Wahlrecht zur Verkleinerung des Bundestages.
25.02.2025 | 1:39 minFünf-Prozent-Hürde laut Experte dennoch "demokratisches Problem"
Dass mittlerweile rund 7 Millionen Stimmen nicht im Bundestag repräsentiert sind, "gefährdet" laut Bundestags-Vize Bodo Ramelow die Demokratie, sagte der Linken-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch Verfassungshistoriker Michl sieht darin ein "demokratisches Problem", welches "rechtfertigungsbedürftig" sei.
Das Finden von Mehrheiten so zu erleichtern, sei für Michl aber ein "legitimes Ziel". Das entschied auch das Bundesverfassungsgericht, als nach der Bundestagswahl 2013 Beschwerde gegen die Sperrklausel eingereicht wurde. Auch damals fielen rund 7 Millionen Stimmen unter den Tisch.
Ich würde daher derzeit nicht von einem verfassungsrechtlich relevanten Demokratieproblem ausgehen. Das kann sich in der Zukunft aber natürlich ändern.
Fabian Michl, Verfassungshistoriker und Professor an der Universität Freiburg
Neue Parteien trotz Sperrklausel
Auch den Punkt einiger Sperrklausel-Kritiker, dass es durch die Fünf-Prozent-Hürde schwieriger sei, mit jungen Parteien Erfolg zu haben, überzeugt Michl nicht. Die "Entstehung der Grünen", die "Etablierung der Linken", der "Aufstieg der AfD" - all das sei trotz Sperrklausel möglich gewesen.
Gleichzeitig könne die Sperrklausel aber auch nicht verhindern, dass "ausschließlich pluralistisch-demokratisch gesinnte und damit koalitionsfähige Parteien" den Einzug in den Bundestag schaffen. Dafür sind, laut Michl, die Wählerinnen und Wähler selbst verantwortlich.
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Wahlrecht
"Einfach mal ein Verfahren machen":Unionsfraktionschef Spahn regt Wahlrechtsentzug für Höcke an
mit Video0:44Seit einem Jahr kleiner:Bundestag: Weniger Abgeordnete, aber noch keine Einsparungen
von Jan Henrichmit Video0:35Mehr Gewicht für Erststimme?:Klöckner fordert weitere Wahlrechtsreform
Wahlrechtsreform für Parität:Bündnis fordert mehr Frauen im Bundestag
von Dorthe Ferber