Kaum Schutz gegen extreme Sturzfluten:Wiederaufbau im Ahrtal: Die Gefahr bleibt
von Marion Geiger
Nach der Flut von 2021 wird im Ahrtal viel investiert, um Orte sicherer zu machen. Doch der Ausbau läuft schleppend - und reiche bei extremen Sturzfluten nicht aus, sagen Experten.
Ein neues Hochwasserschutzkonzept soll helfen, der Ahr mehr Raum zu geben. Die Wirkung aber ist begrenzt. Wirklich helfen würden Rückhaltebecken. Doch die sind nicht nur riesig, sondern auch teuer.
04.07.2026 | 4:52 minWo früher ihre Wiese war, steht heute Anita Bongards Haus. Es steht etwas höher als das alte, näher am Berg. Neu ist auch ein Fluchtweg. Über ihn ist das Haus mit dem Hang verbunden. Wenn die Ahr wieder steigt, soll die Familie trockenen Fußes hinauskommen.
Das war mir ganz wichtig, nicht eingesperrt zu sein.
Anita Bongard
2021 war genau das passiert. Die Familie wurde vom rasant steigenden Wasser eingeschlossen und musste auf den Dachboden flüchten, während Altenburg meterhoch volllief. So machtlos zu sein, war schlimm für sie: inmitten einer dreckigen Brühe voll Treibgut, ohne zu wissen, wie hoch das alles steigen würde.
Im Juli 2021 waren viele Menschen im Ahrtal überrascht davon, wie plötzlich das Hochwasser kam, wie schnell es stieg und wie hoch. Dass die Ahr so gefährlich werden kann, war weitgehend vergessen. Umgangssprachlich reden manche von Hochwasserdemenz: Schon 1804 und 1910 hatte es im Ahrtal schwere Überflutungen mit vielen Toten gegeben.
"We AHR open" heißt das Motto im Ahrtal - wir sind offen. Auch für neue, jüngere Tourismuskonzepte. Fünf Jahre nach der Flut läuft der Tourismus längst wieder an und erfindet die Region sich neu.
04.07.2026 | 3:43 minWarum das Ahrtal auch weiter in Gefahr ist
Die Gefahr besteht weiter, warnt der Bonner Geograph Thomas Roggenkamp:
Das Potenzial für eine solche extreme Sturzflut, ein extremes Hochwasser wie 2021, das steckt in diesem Fluss drin.
Thomas Roggenkamp, Geograph
Für ihn ist die Frage nicht, ob ein solches Ereignis wiederkommt, sondern wann. Er hält es zudem für wahrscheinlich, dass Extremereignisse häufiger auftreten werden - aufgrund des Klimawandels. Und er sagt: "Die Hochwasser könnten noch größer sein im Ahrtal".
Das liegt auch daran, dass die extremen Regengebiete bei den vergangenen Sturzfluten etwas nördlich oder südlich der Ahr lagen. Würde so ein Regengebiet mitten über dem Tal liegen, könnte noch mehr Wasser ins Tal gelangen.
Wiederaufbau an der Ahr zwischen Fortschritt und Verzögerung
Der Wiederaufbau läuft. Privathäuser und Infrastruktur werden stabiler gebaut als zuvor. In einigen Ortslagen sollen Prallwände besonders gefährdete Bereiche schützen. Neue Brücken werden höher gebaut und möglichst ohne Zwischenpfeiler im Fluss, damit bei Hochwasser mehr Wasser durchströmen kann und sich weniger Treibgut verfängt.
Auch die Ahr selbst soll mehr Raum bekommen. Im Rahmen der sogenannten Gewässerwiederherstellung wird an vielen Stellen tonnenweise Erde abgetragen, damit sich Wasser ausbreiten kann und die Ahr langsamer fließt. Doch die Arbeiten kommen nur langsam voran. Verhandlungen mit Grundstücksbesitzern und langwierige Genehmigungsverfahren verzögern den Ausbau der Überflutungsflächen.
Für viele Menschen im Ahrtal ist die Flut noch längst nicht vorbei. Die Wunden heilen nur langsam. Nach der Flut, erzählen viele, war das Wir-Gefühl groß. Doch das Miteinander hat Risse bekommen.
04.07.2026 | 4:22 minHochwasser-Schutzmaßnahmen: Experte sieht "keinen nennenswerten Effekt"
Die Maßnahmen sollen die Folgen künftiger Hochwasser mildern. Doch Fachleute dämpfen die Erwartungen. Gegen kleinere und mittlere Hochwasser könnten solche Eingriffe helfen. Bei extremen Sturzfluten aber, sagt Roggenkamp, "werden die bisherigen Maßnahmen noch keinen nennenswerten Effekt haben".
Die Ahr ist ein Mittelgebirgsfluss, große Hochwasser können vor allem durch Starkregen im Oberlauf und in den Zuflussgebieten entstehen. Wenn Zuflüsse und die Ahr selbst stark anschwellen, kann eine Welle entstehen, die plötzlich und mit großer Wucht durch das Tal läuft. Um solche Wassermassen zurückzuhalten, wären riesige Regenrückhaltebecken nötig - in den Tälern der Zuflüsse und an der oberen Ahr. Dort könnte Wasser im Ernstfall gestaut und später kontrolliert abgegeben werden.
Fünf Jahre nach der verheerenden Flut schaut der Länderspiegel ins Ahrtal. Wie geht es den Menschen dort heute? Was hat sich beim Hochwasserschutz getan?
03.07.2026 | 26:45 minKreis Ahrweiler: 17 mögliche Standorte für Rückhaltebecken
Der Landkreis Ahrweiler hat das gesamte Einzugsgebiet der Ahr untersuchen lassen: rund 900 Quadratkilometer. 17 mögliche Standorte für Rückhaltebecken wurden identifiziert. Sie könnten bei einer großen Flut helfen, Schäden deutlich zu verringern. Zugleich bräuchte es massive Eingriffe in die Landschaft - vor Ort teilweise umstritten und teuer. Die Gesamtkosten schätzt der Landkreis auf rund 1,7 Milliarden Euro.
Landrätin Cornelia Weigand schlägt vor, Mittel aus dem staatlichen Aufbauhilfefonds zu nutzen. Bislang dürften die Gelder jedoch nur für lokale Hochwasserschutzmaßnahmen verwendet werden. Der Kreis bittet um eine Änderung, um Menschen und die milliardenschweren Investitionen im Ahrtal besser zu schützen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder will sich dafür einsetzen.
Nach der Ahrtal-Flut 2021 zieht Rheinland Pfalz Konsequenzen: Ein neues Landesamt für Brand und Katastrophenschutz soll schneller warnen und besser koordinieren.
21.04.2026 | 2:37 minUnsicherheit bleibt für viele Betroffene
Ob die Rückhaltebecken wirklich gebaut werden, ist derzeit offen. Für viele Menschen im Ahrtal bleibt diese Unsicherheit schwer auszuhalten. Anita Bongard, die unten am Fluss lebt, wünscht sich Solidarität dort, wo die Becken gebaut werden sollen: "Es geht schließlich um unser Menschenleben."
In jedem Fall wird es bei einer neuen großen Flut darauf ankommen, dass die Menschen rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden, anstatt der Gewalt des Wassers ausgeliefert zu bleiben.
Marion Geiger berichtet aus dem ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
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