Wildberger über digitale Abhängigkeit: "Risiko haben wir immer"

Interview

Minister Karsten Wildberger:Digitale Abhängigkeit: "Risiko haben wir immer"

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Wie abhängig sind wir von US-Technologien? "Zu abhängig", sagt Digitalminister Wildberger. Er sieht positive Entwicklungen - auch wenn ihm einige US-Entscheidungen Sorge bereiten.

Eine US-Flgge vor Schiffsconatinern.

Das transatlantische Verhältnis leidet unter den ständigen Drohungen Donald Trumps. Europa pocht auf mehr Selbstständigkeit. Aber welchen Preis sind wir bereit zu zahlen?

27.01.2026 | 10:35 min

ZDF: Wie digital abhängig sind Europa und Deutschland von den USA? Können uns die USA einfach den Stecker ziehen?

Karsten Wildberger: Wir haben in den letzten 20 Jahren in den ganzen Technologiethemen, wo es auch um Innovationen geht, viel zu wenig selber daran teilgenommen. Deshalb sind wir heute in vielen Bereichen - Cloud zum Beispiel - Kunden.

Und wir sind dabei, das in ein besseres Gleichgewicht zu bringen.

Zum einen heißt das natürlich, weiterhin partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Aber vor allem unser Augenmerk darauf zu lenken, dass wir selber Produkte entwickeln, selber gestalten, Software bauen, Infrastruktur bauen und dass wir die Wahlmöglichkeit haben. Wir sind heute zu abhängig.

ZDF: Bei der Abhängigkeit geht es ja um noch mehr: Wegen eines Haftbefehls gegen Benjamin Netanjahu landeten mehrere Richter des Internationalen Strafgerichtshofs auf einer US-Sanktionsliste. Da geht es nicht nur um Einreisesperren - sondern auch um Bezahlsysteme und Kreditkarten, die nicht mehr funktionieren. Haben Sie denn die Sorge, dass solche Sanktionen auch Deutsche treffen könnten?

Wildberger: Das war für mich bisher nicht vorstellbar, natürlich macht mir das Sorge. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir da sehr standhaft sind, basierend auf unseren Werten. Dass wir aber auch sagen: Wir sind Verbündete. Gleichzeitig erleben wir potenziell die Möglichkeit, dass technologische Fähigkeiten sozusagen auch geopolitisch als Waffe eingesetzt werden.

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04.12.2025 | 50:16 min

ZDF: Sie haben eben von Cloud-Lösungen gesprochen. In Lübbenau in Brandenburg plant die Schwarz-Gruppe ein Rechenzentrum. Dort sollen etwa 100.000 spezielle KI-Chips zum Einsatz kommen. Zum Vergleich: Meta-Geschäftsführer Mark Zuckerberg plant in Louisiana in den USA ein Rechenzentrum, dessen Kapazität etwa fünf Millionen solcher Chips entspricht. Das sind 50 mal mehr Rechenkapazität als in Lübbenau. Werden wir da nicht massiv abgehängt?

Wildberger: Man muss achtgeben, dass wir nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, und fragen: Wozu wird das eigentlich verwendet? Natürlich haben gerade die amerikanischen Unternehmen, die Milliarden von Kunden und KI-Anwendungen haben, unglaubliche Rechenpower. Wir müssen dahin kommen, dass wir Modelle entwickeln, dass wir Lösungen bauen, gerade auch für die Wirtschaft.

Das ist vielleicht nicht ganz so rechenintensiv wie das, was in den USA gebaut wird.

Baden-Württemberg, Heilbronn: Architekt Jacob van Rijs (l-r), Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel, Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt Dorothee Bär, Reinhold Geilsdörfer (Vorsitzender der Schwarz Stiftung), Bundeskanzler Friedrich Merz, Gerd Chrzanowski (Schwarz Gruppe), der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl und IPAI Geschäftsführer Moritz Gräter beim Spatenstich zum IPAI Campus. Im Rahmen seines Antrittsbesuches nimmt Bundeskanzler Merz beim ersten Spatenstich für den IPAI Campus in Heilbronn teil. Auf dem 30 Hektar großen Areal entsteht ab sofort ein zukunftsweisendes KI-Quartier, das Forschung, Anwendung und industriellen Transfer im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) auf europäischer Ebene maßgeblich vorantreiben soll. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

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21.10.2025 | 2:26 min

Aber ich bin unglaublich zuversichtlich und positiv gestimmt, was gerade in Deutschland in diesem Bereich passiert, und da müssen wir uns nicht verstecken. Vor allen Dingen haben wir den Intellekt, wir haben die Talente, dass wir mit der Rechenpower, die gebaut wird, richtig was anfangen können.

ZDF: Aber insgesamt sagen Experten, dass der jetzt schon riesige Vorsprung, den die USA in Sachen KI haben, noch weiter wächst. Wie sollen denn Deutschland und Europa das aufholen?

Wildberger: Mit der Einstellung hätten die Chinesen es vor, sag ich mal, 40 Jahren nicht an die Spitze geschafft. Jetzt fangen wir an und dann fangen die nächsten Probleme an und wir sagen, das ist aber jetzt nicht groß genug. Machen wir doch jetzt mal. Und dann schauen wir doch mal, was wir dann wirklich hinbekommen.

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Sie gehören zu den reichsten Männern der Welt. Seit Trump an der Macht ist, sitzen die Chefs der großen US-Tech-Konzerne wie Meta und X sozusagen direkt im Weißen Haus - eine gefährliche Allianz.

20.05.2025 | 9:02 min

ZDF: Sie sagen, dass digitale Souveränität keine komplette Abschottung von den USA bedeutet. Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie ein gewisses Risiko immer in Kauf nehmen, dass die USA uns doch den Stecker ziehen?

Wildberger: Wir müssen uns ehrlich machen: Risiko haben wir immer im Leben. Ich möchte mir keine Welt ausmalen, wo wir nicht über Partnerschaften nachdenken. Wir öffnen uns ja gerade in besonderer Weise auch neuen Partnerschaften, mit Kanada zum Beispiel, mit Indien, mit europäischen Partnern sowieso.

Wir wollen doch wirklich nicht in einer Welt leben, wo wir nicht partnerschaftlich zusammenarbeiten.

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30.07.2025 | 13:35 min

Aber richtig ist auch: Da, wo unsere Werte bedroht sind, unsere Souveränität infrage gestellt wird, dass wir da den Rücken gerade machen, selbstbewusst, aber trotzdem die Tür nicht ganz zumachen und offen lassen. Und ich sage auch, wir haben viele amerikanische Unternehmen, mit denen wir ja selbstverständlich in toller Partnerschaft zusammenarbeiten. Auch das entwickelt sich weiter.

Das Interview führte Katja Belousova für die Redaktion ZDF frontal.

Über dieses Thema berichtete ZDF frontal am 27.01.2026 ab 21 Uhr.

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