Streit über Atomkraft und Energiewende:Deutschlands Atomausstieg: Fehler oder Erfolg?
Atommüll, Tschernobyl, teurer Strom: Jan Fleischhauer und die ehemalige Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn diskutieren, ob Deutschlands Atomausstieg vernünftig war - oder fatal.
Jan Fleischhauer meint: Der Atomausstieg war falsch-jetzt fehlt klimafreundlicher und günstiger Strom. Bärbel Höhn entgegnet: Erneuerbare Energie ist die sicherere Investition in die Zukunft.
07.05.2026 | 28:57 minBärbel Höhn hat jahrzehntelang für den Atomausstieg gestritten. Für die frühere Grünen-Politikerin und Ex-Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen ist er ein politischer Erfolg - und Teil ihres Lebenswerks. Jan Fleischhauer sieht genau darin das Problem: Was für die Grünen lange als Sieg galt, hält er heute für einen teuren Irrweg.
Atomausstieg: Sinnvoll oder ein Fehler?
Der Streit beginnt bei den Kosten. Fleischhauer erinnert an den Satz des früheren Grünen-Umweltministers Jürgen Trittin, die Energiewende werde nicht teurer als eine Kugel Eis. Heute, sagt Fleischhauer, blickten viele Menschen auf ihre Stromrechnung und sähen: Daraus sei eine sehr teure Kugel geworden. Höhn widerspricht nicht vollständig. "Auf jeden Fall ist es teurer geworden als eine Eiskugel", sagt sie. Aber sie wehrt sich gegen die Rechnung, alle Kosten allein den Erneuerbaren Energien zuzuschlagen. Netzausbau sei ohnehin nötig, weil Strom auch Wärme und Verkehr ersetzen solle.
"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer" ist eine Ergänzung etablierter Diskussionsformate. Ein schlichter Raum - fest installierte Kameras, kein Entkommen und zwei Diskutanten, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das Thema ist vorgegeben. Was sie daraus machen, bestimmen sie selbst. Eine rund 30-minütige Sendung, kontrovers, emotional und doch immer darum bemüht, den anderen zu überzeugen.
Für Höhn bleibt entscheidend: Erneuerbare Energien haben heute einen Anteil von rund 60 Prozent am Strommix.
ZDFheute Infografik
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Fleischhauer sieht darin keinen Triumph. Aus seiner Sicht wurde eine klimaneutrale Energiequelle durch eine andere ersetzt - nur teurer und unzuverlässiger. Höhn kontert knapp:
Affenartig teuer ist Atomkraft auch.
Bärbel Höhn, Ex-Umweltministerin
Mit dem Atommüll wird die Debatte grundsätzlicher. Höhn fragt, wie eine Technologie wirtschaftlich sein könne, die 50 oder 60 Jahre Strom liefere - aber "für alle nachfolgenden Generationen eine Million Jahre" Kosten für die Endlagerung hinterlasse. Für sie ist genau das der zentrale Widerspruch der Atomkraft: kurzer Nutzen, extrem lange Verantwortung.
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30.04.2026 | 0:22 minFleischhauer sieht das Problem ebenfalls, gewichtet es aber anders. Wenn die Alternative Endlager oder Erderwärmung laute, würde er sich für das Endlager entscheiden. Höhn hält dagegen: Bis heute gebe es kein Endlager in Deutschland, auch für die nächsten Jahrzehnte sei keine Lösung absehbar.
Atommüll bleibt je nach Art unterschiedlich lange gefährlich. Hochradioaktiver Müll enthält viele verschiedene Stoffe: Manche strahlen stark, klingen aber nach einigen Jahrhunderten ab, andere bleiben über Zehntausende Jahre problematisch.
Plutonium-239 hat etwa eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren, Technetium-99 von 211.000 Jahren. Deshalb muss ein Endlager laut Bundesumweltministerium mindestens eine Million Jahre sicher bleiben - und solange auch verhindern, dass radioaktive Stoffe in Boden, Trinkwasser oder Nahrung gelangen.
Tschernobyl, Fukushima - und das Risiko
Beim Thema Sicherheit geht es um die Frage, wie viel Restrisiko eine Gesellschaft akzeptieren kann. Höhn erinnert an schwere Atomunfälle und sagt: Das Restrisiko könne "uns den Rest geben". Sie verweist auf Majak, Harrisburg, Tschernobyl, Forsmark und Fukushima - für sie Belege dafür, dass die Gefahr nicht theoretisch ist. Fleischhauer trennt scharf:
Das Einzige, wo richtig Menschen schwer zu Schaden gekommen sind, das war Tschernobyl.
Jan Fleischhauer, Moderator
Fleischhauer ergänzt: Fukushima sei vor allem eine Tsunami-Katastrophe gewesen, nicht der Beweis gegen deutsche Atomkraftwerke. Die seien aus seiner Sicht sicher gewesen - "die sichersten Atomkraftwerke der Welt". Hier geht es nicht mehr nur um Zahlen, sondern um Vertrauen: Fleischhauer traut deutscher Ingenieurskunst, Höhn traut der Atomtechnik grundsätzlich nicht.
Bei der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl sind 30 direkte Todesfälle belegt: zwei Menschen starben durch die Explosion, 28 weitere kurz danach an der Strahlenkrankheit. Andere Schätzungen liegen deutlich höher, weil sie auch mögliche spätere Krebstodesfälle einrechnen - teils reichen sie bis in die Hunderttausende. Genau deshalb gehen die Zahlen so weit auseinander: Gezählt werden entweder direkte, eindeutig nachweisbare Todesfälle - oder auch langfristige Krebsfälle.
Beim Atomunglück in Fukushima wurden zunächst zwei tote Arbeiter im Kraftwerk gefunden; sie starben laut späterer Untersuchungen durch die IAEA durch Ertrinken infolge der Überschwemmung durch den Tsunami, nicht durch Strahlung. Später erkannte Japan erstmals einen Krebstod eines früheren Arbeiters als Folge der Strahlenbelastung an. Die UN-Strahlenexpertengruppe UNSCEAR erwartet jedoch keine klar messbare Zunahme von Krebserkrankungen durch die Strahlenbelastung von Fukushima. Zudem gab es laut japanischen Behörden mehr als 2.000 katastrophenbedingte Todesfälle, etwa infolge von Evakuierung, Stress, und Unterbrechung medizinischer Versorgung - eine eindeutige Unterscheidung zwischen Todesfällen aufgrund des AKW-Unfalls und der Naturkatastrophe ist nicht möglich.
Die Zukunft: Gas, Batteriespeicher oder Atomkraft?
Beim Blick nach vorn wird der Konflikt praktischer. Fleischhauer fragt, was die Alternative sei, wenn Wind und Sonne nicht liefern und antwortet selbst: "Gas!" Höhn widerspricht: "Die Alternative zu Gas sind Batterien" - und ein dynamischer Stromtarif. Für Fleischhauer reicht das nicht. Er verweist auf steigenden Strombedarf, durch Elektromobilität, Wärmepumpen und Künstliche Intelligenz. Rechenzentren bräuchten stabilen Strom, keinen "Flatterstrom".
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24.04.2026 | 10:47 minHöhn setzt dagegen auf Speicher, Digitalisierung und den weiteren Ausbau der Erneuerbaren. Für sie ist die Zukunft nicht die Rückkehr zur Atomkraft, sondern eine bessere Organisation des Erneuerbaren Systems.
Ein Streit über Vergangenheit und Zukunft?
Am Ende bleibt der Konflikt auch eine Generationenfrage. Fleischhauer fordert, man müsse auch im fortgeschrittenen Alter bereit sein, frühere Überzeugungen zu überprüfen - und vielleicht zu sagen: "War möglicherweise doch ein Fehler."
Höhn bleibt dabei: Die Katastrophenszenarien seien nicht eingetreten. "'Der Preis wird doppelt so hoch'. 'Wir haben Blackouts.' Das ist alles nicht eingetroffen, obwohl wir die Atomkraftwerke abgeschaltet haben", sagt sie. So stehen am Ende zwei Lesarten derselben Entscheidung nebeneinander. Für Fleischhauer war der Atomausstieg ein ideologischer Fehler mit hohen Kosten. Für Höhn war er der notwendige Abschied von einer riskanten Technologie - und der Schritt in eine unabhängige Energiezukunft, an der noch gebaut wird.
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