Feminismus-Streit: Sind Männer das Problem?

Debatte über Rollenbilder:Feminismus-Streit: Sind Männer das Problem?

|

Jan Fleischhauer und Ex-Grüne-Jugend-Chefin Jette Nietzard streiten bei "Keine Talkshow" über Feminismus, Macht und die Frage, wie viel Generalisierung erlaubt ist.

"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer": Inszenierte Szene in einem Raum mit grauer Betonwand und industriellem Charakter: Jan Fleischhauer hält ein Bügeleisen über einem Bügelbrett, auf dem mehrere Krawatten liegen. Neben ihm steht Jette Nietzard und hält einen Hammer in der Hand. Beide schauen in die Kamera. Hinter ihnen steht eine Werkbank, über der eine Lochwand mit Werkzeugen hängt.

Jette Nietzard, Ex-Vorsitzende der Grünen Jugend, will weniger Macht für Männer und meint: "Bitches brauchen Gerechtigkeit". Jan Fleischhauer sagt: Starre Täter-Opfer-Schemata helfen nicht weiter.

16.04.2026 | 28:25 min

"Die armen Männer", sagt Jette Nietzard im ZDF-Format "Keine Talkshow" ein bisschen spöttisch zu Jan Fleischhauer. Sofort ist klar: Das Mitleid mit den Männern meint die Ex-Grüne-Jugend-Vorsitzende nicht wirklich ernst. Für sie ist Feminismus keine abstrakte Theorie, sondern eine Frage von Alltag und Erfahrung.

Wie Sie durchs Leben gehen, wie ich durchs Leben gehe, ist ja schon unterschiedlich.

Jette Nietzard

Nietzard verweist auf Situationen, die für viele Frauen selbstverständlich seien - und für viele Männer nicht: Angst im Alltag, Unsicherheit im öffentlichen Raum.

Fleischhauer hält dagegen - weniger konkret, mehr prinzipiell. Ihn störe die Verallgemeinerung. Die Vorstellung, Männer seien im Zweifel Täter, sei ein Denkfehler - und politisch gefährlich. Doch genau hier setzt Nietzard an. Es gehe nicht um alle Männer, aber "jede Frau kennt jemanden, der belästigt wurde".

Am Internationalen Frauentag fanden bundesweit Protestaktionen statt.

Anlässlich des Internationalen Frauentags protestieren Frauen auf der ganzen Welt für mehr Gleichberechtigung. Auch in Deutschland finden bundesweit Demonstrationen statt.

09.03.2026 | 1:31 min

Das Problem sei nicht individuell, sondern strukturell. "Wenn das meine Realität ist, dann kann man doch nicht radikal genug sein, dagegen vorzugehen", sagt die 27-Jährige.

"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer" ist eine Ergänzung etablierter Diskussionsformate. Ein schlichter Raum - fest installierte Kameras, kein Entkommen und zwei Diskutanten, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das Thema ist vorgegeben. Was sie daraus machen, bestimmen sie selbst. Eine rund 30-minütige Sendung, kontrovers, emotional und doch immer darum bemüht, den anderen zu überzeugen.


Streit um die Unschuldvermutung

Fleischhauer widerspricht dieser Meinung nicht grundsätzlich, wohl aber der Schlussfolgerung. Dass ein Problem existiere, rechtfertige nicht jede politische Antwort. Vor allem nicht, wenn dabei Grundprinzipien infrage gestellt würden.

Jette Nietzard ist nach ihrem Rückzug aus der Grünen Jugend weiter eine polarisierende Figur. Für Kritik sorgte auch ihr später gelöschter Tweet: "Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen." Derzeit arbeitet sie in einer Übergangslösung im Bundestag, ihre berufliche Zukunft ist offen.


Jan Fleischhauer gilt als liberal-konservative Stimme, arbeitete lange für das Magazin "Spiegel" und ist Kolumnist beim Focus. Er setzt auf den direkten Schlagabtausch: pointiert, kontrovers und mit dem Anspruch, auch harte Debatten fair zu führen. Sein neues Format soll zeigen, dass politische Auseinandersetzung nicht nur scharf, sondern auch unterhaltsam sein kann.


Das zeige sich ihm zufolge besonders deutlich in der Debatte um #MeToo und den Umgang mit Vorwürfen. Fleischhauer schildert den Fall des Grünen-Politikers Stefan Gelbhaar, der durch Anschuldigungen seine Karriere verloren habe. Er stellt die Frage, wie weit der Verzicht auf die Unschuldsvermutung gehen dürfe.

Im Dezember 2024 werden Belästigungsvorwürfe gegen den Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar bekannt. Mehrere Frauen hatten sich teilweise anonym bei der Ombudsstelle der Partei gemeldet. Daraufhin zog Gelbhaar seine Kandidatur für den Landeslistenplatz fünf Wochen vor der Bundestagswahl zurück. Der RBB berichtete über die Vorwürfe gegen Gelbhaar und berief sich auf die Aussagen von Betroffenen. Gelbhaar selbst streitet die Vorwürfe ab.

Nach Recherchen des Tagesspiegels stellte sich dann jedoch heraus, dass mindestens eine der Frauen, die Vorwürfe gegen Gelbhaar erhob, wahrscheinlich gar nicht existiert habe. Der RBB musste daraufhin den veröffentlichten Bericht in Teilen zurückziehen. Jette Nietzard kommentierte den Fall unter anderem so: "Es gilt, als feministische Partei Betroffenen zu glauben […]. Die Unschuldsvermutung gilt immer vor Gericht. Aber wir sind eine Organisation, und wir sind kein Gericht."


Vor Gericht gelte die Unschuldsvermutung selbstverständlich, so Nietzard. In Parteien und Organisationen könne es aber andere Regeln geben. Viele Grenzüberschreitungen seien rechtlich gar nicht erfasst - würden aber dennoch erlebt. Zwischen beiden Positionen liegt ein grundlegender Konflikt: Wie viel Schutz brauchen Betroffene, und wie viel Rechtssicherheit Beschuldigte?

Gleichberechtigung - und was sie bedeutet

Dann verschiebt sich die Debatte auf die Wirtschaft. Es geht um Frauen in Führungspositionen - eigentlich ein klassisches Thema feministischer Politik. Hier erklärt Nietzard, ihr sei diese Messlatte für Gleichberechtigung gar nicht so wichtig. Ob mehr Frauen in Vorständen sitzen, sei für die Mehrheit der Frauen kaum entscheidend. "Das hilft jetzt dem Feminismus nur bedingt", sagt sie.

Stattdessen spricht sie über Strukturen: Steuern, Betreuung, Pflege. Über Bedingungen also, die darüber entscheiden, wer welche Möglichkeiten hat. Fleischhauer bleibt skeptisch. Für ihn droht der Feminismus an diesem Punkt, sich von konkreten Problemen zu entfernen und in Systemkritik zu verlieren.

Eine Frau im schwarzen Kleid hält ihre erhobene Hand zur Abwehr gegen die Hand eines Mannes. Beide Gesichter sind nicht zu erkennen.

Sie ist schön, jung und engagiert – er ist der erfolgreiche Boss, der mehr will. Acht Frauen berichten davon, wie Männer ihre Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft missbrauchen.

11.10.2023 | 89:18 min

Sind junge Männer die wahren Verlierer?

Zum Schluss wird der Blick noch einmal weiter. Nietzard spricht von einem "Männlichkeitsproblem" in der Gesellschaft. Männer müssten ihre Rolle neu definieren - und könnten das nicht allein auf den Feminismus schieben. Fleischhauer hält dagegen: Gerade junge Männer seien heute oft die Verlierer. In Schule und Ausbildung hinkten sie hinterher, gleichzeitig hätten sie das Gefühl, politisch nicht mehr gemeint zu sein. Wer nicht zu einer benachteiligten Gruppe zähle, müsse sich "ganz hinten anstellen", so sein Eindruck.

Damit prallen zwei Diagnosen aufeinander: Für Nietzard liegt das Problem in überkommenen Machtstrukturen, für Fleischhauer in einer neuen Form von Ungleichgewicht, in dem sich manche zunehmend übersehen fühlen.

Eine Annäherung gibt es auch am Ende nicht. Stattdessen stehen zwei Deutungen nebeneinander: Für Jette Nietzard ist Feminismus eine notwendige Antwort auf bestehende Ungleichheit. Für Jan Fleischhauer droht er, neue Ungleichgewichte zu schaffen.

Archivaufnahme Stereotyp Mann

Welche Rolle der Mann in der Gesellschaft einnimmt - dazu gibt es viele Vorstellungen. Doch geht es nicht darum, den eigenen Weg, die eigene Identität als Mann zu finden?

19.11.2025 | 2:50 min

Über dieses Thema berichtete "Keine Talkshow" am 16.04.2026 um 10 Uhr.

Mehr zu Feminismus und Frauenrechten

  1. Tausende Menschen demonstrierten gegen sexualisierte digitale Gewalt vor dem Brandenburger Tor in Berlin

    "Collien Fernandes ist kein Einzelfall":Schutz von Frauen im Netz: Lang stellt Zehn-Punkte-Plan vor


  2. Proteste zum Internationalen Frauentag in Berlin

    Initiative "Enough! Genug!":Frauenstreik in Berlin: Hunderte bei Demo für Gleichstellung

    mit Video1:31

  3. Chefin, Frauenquote, Symbolbild

    Gleichstellung in Chefetagen:Mehr Frauen an der Spitze: Was sich ändern müsste

    von Eva Schmidt

  4. Eine Frau hebt ihre Faust in die Höhe.

    30 Jahre nach Pekinger Konferenz:Frauenrechte: Fortschritte und Rückschritte

    Susanne Lingemann, New York