Kritik, Konsequenzen - und ihre Grenzen:Bedroht Cancel Culture die Meinungsfreiheit?
Ist Cancel Culture eine reale Gefahr - oder nur ein Schlagwort für Kritik? Jan Fleischhauer und Leonie Plaar streiten über Meinungsfreiheit und Verantwortung.
Jan Fleischhauer meint: Cancel Culture bedroht die Meinungsfreiheit. Aktivistin Leonie Plaar hält dagegen: Niemand wird gecancelt, Cancel Culture ist eine Erfindung der Rechten.
30.04.2026 | 28:24 minWas ist Cancel Culture überhaupt? Schon bei der Definition gehen die Positionen im ZDF-Format "Keine Talkshow" weit auseinander. Für Jan Fleischhauer beschreibt der Begriff ein Muster: Jemand äußert eine umstrittene Meinung - und wird daraufhin aus der Öffentlichkeit gedrängt, verliert Aufträge oder seinen Job.
Die Influencerin und politische Aktivistin Leonie Plaar hält diese Sicht für grundlegend falsch:
Cancel Culture ist für mich so ein Begriff, der immer für das steht, womit man sich gerade nicht auseinandersetzen möchte.
Leonie Plaar
Für sie wird Kritik so zum Angriff umgedeutet - und der Begriff selbst zum politischen Werkzeug. Schon hier wird klar: Beide sprechen über dasselbe Phänomen, ziehen aber gegensätzliche Schlüsse.
"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer" ist eine Ergänzung etablierter Diskussionsformate. Ein schlichter Raum - fest installierte Kameras, kein Entkommen und zwei Diskutanten, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das Thema ist vorgegeben. Was sie daraus machen, bestimmen sie selbst. Eine rund 30-minütige Sendung, kontrovers, emotional und doch immer darum bemüht, den anderen zu überzeugen.
Fleischhauer sieht eine reale Gefahr für die Meinungsfreiheit. Plaar stellt die Existenz einer solchen "Kultur" grundsätzlich infrage. "Dass jetzt einzelne Leute kritisiert werden, das heißt ja einfach nur, dass wir einen funktionierenden Meinungsaustausch haben."
Fleischhauer beschreibt Cancel Culture als Dynamik, die über bloße Kritik hinausgeht. Am Ende stehe oft die Forderung: "Der muss jetzt seinen Posten verlieren."
Die Grünen-Politikerin Renate Kynast hält die sogenannte "Cancel Culture" nicht für demokratiegefährdend. Problematischer sei beispielsweise das Infragestellen von Grundrechten.
29.05.2025 | 0:42 minKonkrete Fälle - unterschiedliche Deutungen
An Beispielen wird der Konflikt greifbar. Fleischhauer nennt etwa den Fall des Journalisten Thilo Mischke. Dieser sollte ein Kulturmagazin moderieren, verlor den Posten jedoch nach öffentlicher Kritik an einem älteren Buch mit dem Titel "In 80 Frauen um die Welt", das vielen als sexistisch erschien.
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Für Fleischhauer ein "klassischer Fall von Cancel Culture". Für ihn zeigt der Fall, wie schnell sich Kritik verselbstständigen kann - und am Ende konkrete Konsequenzen hat. Entscheidend sei nicht nur die Kritik selbst, sondern der Druck, der daraus entsteht. Oft gehe dieser Druck von einer kleinen, aber besonders lauten und aggressiven Gruppe aus, die Betroffene öffentlich an den digitalen Pranger stelle.
Plaar widerspricht der Einordnung. Kritik an Personen in öffentlichen Rollen sei legitim - gerade, wenn es um deren Positionen und ihr öffentliches Auftreten gehe. "Niemand hat ein Recht auf ein Publikum", sagt sie. Sie betont, dass es sich im Fall Mischke nicht um eine geschlossene Bewegung gehandelt habe, sondern um viele einzelne Stimmen - etwa aus dem Kulturbetrieb -, die sich äußern und ihre Perspektive einbringen. Dass daraus Konsequenzen entstehen, sei Teil eines offenen Diskurses, nicht dessen Einschränkung.
Der Journalist Thilo Mischke sollte Anfang 2025 Moderator der ARD-Kultursendung "titel thesen temperamente" werden. Kurz nach der Ankündigung gab es jedoch Kritik - vor allem wegen seines Buchs "In 80 Frauen um die Welt" aus dem Jahr 2010. Darin reist Mischke nach eigenen Angaben im Rahmen einer Wette um die Welt, um mit möglichst vielen Frauen sexuelle Kontakte zu haben. Kritiker warfen ihm ein sexistisches Frauenbild vor und bemängelten, er habe sich nicht ausreichend von dem Buch distanziert.
Mehr als 100 Kulturschaffende unterzeichneten einen offenen Brief und kündigten an, nicht mit ihm zusammenarbeiten zu wollen. Die ARD hielt zunächst an Mischke fest, entschied nach der heftigen Debatte aber, ihn doch nicht einzusetzen. In der Begründung heißt es, die "heftige Diskussion" um seine Person überlagere die zentralen Themen der Sendung so stark, dass ein gemeinsamer Austausch mit dem Publikum nicht mehr möglich sei. Zudem wolle man weiteren Rufschaden für Sendung und Moderator vermeiden.
Der Fall gilt als prominentes Beispiel für die Frage, wann öffentliche Kritik legitimer Teil von Debatten ist - und wann sie als "Cancel Culture" wahrgenommen wird.
Gefühlte oder reale Einschränkung?
Fleischhauer verweist auf Umfragen, nach denen viele Menschen das Gefühl haben, ihre Meinung nicht mehr frei äußern zu können. Für ihn ein alarmierendes Signal. Der Anteil derjenigen, die glauben, ihre Meinung frei sagen zu können, sei zuletzt deutlich gesunken. "Das ist ein ziemlich alarmierender Befund", sagt er.
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04.10.2025 | 2:05 minPlaar zweifelt die Aussagekraft solcher Zahlen an. Umfragen würden vor allem Stimmungen messen, nicht aber tatsächliche Realitäten. Zudem verweist sie auf andere Formen von Druck: Auch marginalisierte Gruppen könnten sich nicht immer frei äußern - etwa aus Angst vor Anfeindungen.
Ich muss Angst haben, zu meiner queeren Identität zu stehen.
Leonie Plaar
So beschreibt Plaar ihre eigene Perspektive. Meinungsfreiheit sei deshalb keine einheitliche Erfahrung, sondern hänge stark davon ab, wer spricht und in welchem Kontext.
Wer bestimmt die Regeln?
Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Streit auf eine grundsätzliche Ebene: Es geht nicht mehr nur um einzelne Fälle, sondern darum, wie mit strittigen Aussagen generell umgegangen wird. Fleischhauer sieht ein Problem darin, wie missverständliche oder provokante Äußerungen bewertet werden. Statt sie wohlwollend auszulegen, werde oft die schärfste Interpretation gewählt - und darauf reagiert. "Wir machen es genau umgekehrt", sagt er mit Blick auf die Rechtsprechung, die im Zweifel zugunsten des Sprechenden entscheiden solle.
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27.05.2025 | 58:56 minPlaar setzt einen anderen Schwerpunkt. Für sie beginnt die Dynamik nicht bei der Reaktion, sondern bei der ursprünglichen Aussage. Kritik sei zunächst eine Einladung zur Auseinandersetzung. Erst wenn diese zurückgewiesen werde, eskaliere die Debatte.
Am Ende zeigt die Diskussion vor allem, wie unterschiedlich derselbe Vorgang bewertet wird. Für Fleischhauer kippt Kritik dort, wo sie in Druck umschlägt und reale Konsequenzen hat - er sieht darin ein Klima, das Meinungsfreiheit einschränkt. Für Plaar ist genau diese Diskussion Teil einer offenen Debatte, in der Kritik ausgehalten und ausgehandelt werden muss.
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