Entertainer, Klimaforscherin, Fußballer:Wie Promis mit Hass im Netz umgehen
von Julia Lösch
Digitale Hassbotschaften treffen immer mehr Menschen. Während Polizei und Justiz versuchen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen, fühlen sich Opfer oft hilflos. Was sie erleben.
Beleidigungen, Drohungen, Hass im Netz sind längst Realität. Die Doku zum Spielfilm "Eine bessere Welt" zeigt, wie digitale Gewalt Leben verändert und wie man sich dagegen wehren kann.
14.03.2026 | 28:54 min"Ich habe diese Kraft nicht jeden Tag", sagt der Entertainer und Aktivist Riccardo Simonetti. "Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht auch Tage hätte, an denen ich total traurig bin, verletzt bin, an denen ich mein Handy nicht mal in die Hand nehmen möchte."
Hate Speech: Fast jeder zweite Deutsche betroffen
Hass im Netz ist für viele längst Alltag. Fast jede zweite Person in Deutschland wurde schon einmal online beleidigt oder bedroht. Was früher am Stammtisch gesagt wurde, verbreitet sich heute millionenfach in Sekunden. Die Grenzen zwischen Meinung, Beleidigung und Straftat verschwimmen - für Betroffene oft mit realen Folgen.
Simonetti steht seit Jahren im öffentlichen Leben. Als Entertainer, Autor und Aktivist nutzt er seine Reichweite, um für Vielfalt einzutreten. Doch mit der Sichtbarkeit wächst auch die Angriffsfläche.
Ich weiß manchmal nicht, ob das Internet nicht einfach nur liebt, zu hassen.
Riccardo Simonetti, Entertainer
Gut jeder dritte deutsche Internetnutzer hat Hate Speech wahrgenommen - 34 Prozent im ersten Quartal 2025. Das sind sechs Prozent mehr als im Jahr 2023, so das Statistische Bundesamt.
27.11.2025 | 0:30 minKlimaforscherin Kemfert: Hetze durch Social Media intensiver
Besonders queere Menschen seien Zielscheibe von Anfeindungen. Studien zeigen: Ein Großteil der Betroffenen gehört Minderheiten an - ethnischen, religiösen oder sexuellen.
Auch die Ökonomin Claudia Kemfert kennt digitale Angriffe seit Jahrzehnten. Die Klimaforscherin kommuniziert wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlich - und erlebt seit mehr als 20 Jahren Beleidigungen und Hetze. Mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke habe sich die Intensität verschärft. Frauen würden dabei häufig sexualisiert angegriffen.
Wichtig ist, dass wir kommunizieren und nicht aufhören.
Claudia Kemfert, Energieökonomin und Klimaforscherin
Schweigen bedeute, den Lautesten das Feld zu überlassen.
Deutsche Sportler werden bei den Olympischen Winterspielen online angefeindet. Wird der Hass im Netz immer mehr? Rennrodler Felix Loch erklärt bei ZDFheute live, wie er sich davor schützt.
16.02.2026 | 27:14 minNach Auftritt mit AfD: Drohungen gegen Ex-Fußballer Kevin Plath
Wie schnell aus Online-Hass reale Bedrohung wird, zeigt der Fall von Kevin Plath. Der ehemalige Fußballer wollte als Influencer Vorbild sein. Nach einem TV-Auftritt mit der AfD-Politikerin Alice Weidel kippt die Stimmung.
Das Interview von Kevin Plath mit AfD-Chefin Alice Weidel ging viral - doch im Nachhinein war der Influencer Hate-Kommentaren bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt.
Quelle: Jürgen TodtRassistische Beleidigungen, Drohungen, Mordfantasien. "Du gehörst auf die Baumwollplantage", schreiben ihm Nutzer. Plath zeigt an - doch der Weg durch Polizei und Justiz ist für viele Betroffene oft intransparent und langwierig.
Beleidigung in Posting führte zu Geldstrafe von 30 Tagessätzen
Dabei hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Ermittler wie Franz Findeisen betonen, dass digitale Spuren meist nachvollziehbar sind. Die Aufklärungsquote bei angezeigter Hassrede liege hoch.
Ein Beispiel: Eine einzelne Beleidigung wie "Drecksau" unter einem reichweitenstarken Posting führte zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen. Entscheidend ist die Öffentlichkeit des Raums - was online gesagt wird, erreicht potenziell Tausende.
Hate Speech: BKA registriert 2024 rund 11.000 Straftaten
Auch strukturell rüstet die Polizei auf. In Bayern gibt es seit 2025 verpflichtende Fortbildungen für alle Beamtinnen und Beamten zum Thema Hasskriminalität. Ziel: sensiblerer Umgang mit Betroffenen, mehr Transparenz über Ermittlungen. Denn viele fühlen sich nicht ernst genommen. Laut Bundeskriminalamt wurden 2024 rund 11.000 Straftaten im Bereich Hate Speech registriert, Tendenz steigend.
Organisationen wie HateAid unterstützen Betroffene juristisch und psychologisch. Gleichzeitig geraten sie politisch unter Druck. Seit 2024 verpflichtet der Digital Services Act große Plattformen stärker, gegen rechtswidrige Inhalte vorzugehen. Doch die Debatte um Meinungsfreiheit und Regulierung bleibt aufgeheizt.
Social-Media-Plattformen kommen ihrer Verantwortung nicht nach, rechtswidrige Inhalte zu löschen, so Rechtsanwältin Jessica Flint. Zusätzlich unterstützten sie die Strafverfolgung oft nicht.
16.02.2026 | 9:45 minFür Simonetti ist klar: Rückzug ist keine Option. Er veröffentlicht eigene Gerichtsurteile, spricht offen über Anfeindungen, sucht teils sogar das Gespräch mit Hatern. "Man ist immer in diesem Zwiespalt", sagt er. Stärke zeigen - und zugleich verletzlich bleiben.
Hass im Netz - was gilt rechtlich?
Das Netz ist kein rechtsfreier Raum. Auch online gelten die Gesetze des Strafrechts. Beschimpfungen, ehrverletzende Aussagen oder entwürdigende Kommentare können als Beleidigung verfolgt werden - auch in sozialen Netzwerken.
Wer anderen online Gewalt androht, macht sich strafbar. Das gilt auch für Mord- oder Gewaltdrohungen in Kommentaren oder Direktnachrichten.
Wer rechtswidrige Inhalte weiterverbreitet - etwa durch Teilen, Retweeten oder liken - kann sich ebenfalls strafbar machen, wenn dadurch strafbare Inhalte verbreitet werden.
Hetze gegen Bevölkerungsgruppen, etwa wegen Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung, ist nach deutschem Strafrecht verboten.
Ermittler können in vielen Fällen nachvollziehen, welche Identität hinter einem Täter-Account steht. Laut Ermittlern liegt die Aufklärungsquote bei Hate-Speech-Delikten sehr hoch, vorausgesetzt Strafanzeige wurde erstattet.
Neben Polizei und Staatsanwaltschaft unterstützen Beratungsstellen wie HateAid Menschen, die von digitaler Gewalt betroffen sind - etwa juristisch oder psychologisch.
Der europäische Digital Services Act verpflichtet große Online-Plattformen, stärker gegen illegale Inhalte vorzugehen und mehr Transparenz zu schaffen.
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