Umgang mit Atommüll:Regierung ohne Plan für Endlager - aber der Druck steigt
von Elisa Miebach und Simon Pfanzelt
Vor drei Jahren wurden die letzten AKW in Deutschland abgeschaltet, ein Endlager-Standort ist noch nicht gefunden. Eine Gesetzesänderung könnte die Entscheidung weiter verzögern.
Der Transport von Atommüll durch Nordrhein-Westfalen hat begonnen. Der erste Konvoi mit einem Castor-Behälter erreichte nachts das Zwischenlager in Ahaus im Münsterland.
25.03.2026 | 1:27 minEnde März war es wieder so weit: Lkw transportierten Atommüll von einem Zwischenlager zum nächsten. Die Castor-Transporte, ein Sinnbild dafür, dass Deutschland von einem finalen Endlager noch weit entfernt ist. Wohin mit dem strahlenden Müll? Eine heikle Frage, die ein neues Gesetz nun noch weiter aufschieben könnte.
Der Atomforscher Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sagt:
Das ist schon ein schwieriges Thema und wäre sicherlich für jede Regierung ein schwieriges Thema, weil es eben kein Gewinnerthema ist.
Walter Tromm, Atomforscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
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Zwischenlager kosten halbe Milliarde im Jahr
Drei Jahre sind seit dem deutschen Atomausstieg vergangen. Der hochradioaktive Atommüll steht deutschlandweit in 16 Zwischenlagern - eine Notlösung, die jedes Jahr eine halbe Milliarde Euro kostet.
Ein sicheres Endlager tief unter der Erde gilt als einzig dauerhaft tragfähige Lösung für den Atommüll - politisch aber bleibt es ein Minenfeld. Denn wer will schon den radioaktiven Abfall vor der eigenen Haustür haben?
Noch immer ist unklar, wo in Deutschland der hochradioaktive Atommüll für die nächsten Jahrtausende gelagert werden soll. Bisher gibt es nur Zwischenlager, aber kein Endlager.
21.11.2025 | 1:52 minEndlagersuche: Regierung will Zieldatum streichen
Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sucht seit 2017 nach dem Standort für ein Endlager - nach rein geologischen Kriterien geht sie 90 mögliche Regionen in Deutschland durch - ein langwieriger Prozess. Laut Gesetz muss ein Standort eigentlich bis 2031 gefunden werden. Laut Studien: unrealistisch.
Nach ZDF-Informationen will die Bundesregierung die Jahreszahl aus dem Gesetz streichen. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verteidigt diese Entscheidung:
Das Zieljahr war von Anfang an nicht realistisch. Ich habe das geerbt, ich bereinige das jetzt. Ich habe in Auftrag gegeben, so schnell wie möglich den Standort für das Endlager zu finden und das auf einer realistischen Zeitgrundlage.
Carsten Schneider, Bundesumweltminister (SPD)
Möglichst bis Mitte des Jahrhunderts solle die Entscheidung fallen, ergänzt Schneider.
Wissenschaftler mahnen zur Eile
"So schnell wie möglich" statt einer konkreten Jahreszahl: Wird die Suche nach einem Endlager zur unendlichen Geschichte? Das wäre nicht unproblematisch, sagt Dagmar Dehmer, Kommunikationschefin der BGE, in Bezug auf die überirdischen Zwischenlager, die rund um die Uhr bewacht werden müssen: "Die Gefahr ist, dass das Risiko vergessen wird. Ich nenne das immer die politische Amnesie." Auch Wissenschaftler mahnen zur Eile:
Wir wissen nicht, wie lange die Brennelemente in den Castorbehältern stabil sind. Das ist also eine Zeitkomponente, die wir durchaus berücksichtigen müssen. Und das spricht dafür, dass wir die Endlagersuche wirklich zügig durchführen.
Walter Tromm, KIT
Debatte über neue Atomkraft
Andere Länder sind schon weiter. Finnland und die Schweiz etwa haben ihren Standort längst gefunden. Deutschland hangelt sich von Zwischenlösung zu Zwischenlösung. Das Endlager: eine heiße Kartoffel.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte schon 2023: "Ich kenne keinen Ministerpräsidenten in Deutschland, der sagt, ich möchte eins haben." Ein Endlager in Bayern hat Söders Koalition im bayerischen Koalitionsvertrag aus geologischen Gründen ausgeschlossen.
Auf Anfrage von ZDFfrontal relativiert die bayerische Landesregierung jetzt und sagt zur Suche der Bundesgesellschaft für die Endlagerung: Etwa 95 Prozent der bayerischen Teilgebiete wurden als ungeeignet oder nur gering geeignet eingestuft, lediglich fünf Prozent werden weiterhin geprüft.
Und weiter: Nach den bisherigen Erkenntnissen des Bayerischen Geologischen Dienstes stehen solche Gesteinsformationen in Bayern jedoch nicht zur Verfügung.
Die Müllfrage: bis auf Weiteres ungeklärt. Dennoch plant Söder ein Pilotprojekt zu sogenannten "Mini-AKW". Die könnten vergleichsweise einfacher zu bauen sein. Strahlenden Müll würden auch sie produzieren, während der alte Atommüll noch immer auf ein Endlager wartet.
Bestärkt durch einen Kurswechsel in der EU will Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auf Mini-Atomkraftwerke setzen. Scharfe Kritik kommt von den Grünen.
15.03.2026 | 0:18 minElisa Miebach und Simon Pfanzelt berichten aus dem ZDF-Landesstudio in Bayern.
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