Wahlkampf in den USA:Warum J.D. Vance Wähler gegen sich aufbringt
Trump-Vize J.D. Vance fällt mit Kommentaren über kinderlose Frauen auf und wird zum Gespött im Netz. Seine Umfragewerte sind derweil im Keller.
Der Vizepräsidentschaftskandidat der Republikaner, J.D. Vance, rutscht zurzeit von einer Kontroverse in die nächste.
Quelle: AFPDer Jubel war kurzlebig. Schon kurze Zeit, nachdem der Autor und Senator von Ohio, J.D. Vance, auf dem Parteitag der Republikaner Mitte Juli zum Vizepräsidentschaftskandidaten gekürt wurde, sind seine Beliebtheitswerte in den Umfragen in den Keller gerutscht.
J.D. Vance: Kandidat der MAGA-Bewegung
Die Entscheidung für Vance war von Beobachtern weitgehend als ein Ausdruck der Siegessicherheit des Teams um Donald Trump gewertet worden. Denn von allen möglichen Kandidaten galt er als derjenige, der der "Make America Great Again"-Bewegung (MAGA) am nächsten steht.
- Wie Donald Trump die Republikaner unterworfen hat
Donald Trump hatte Vance ernannt, als sein Gegner Joe Biden hieß und ihm nach dem Schuss-Attentat eine Welle der Sympathie entgegenschlug. Trump setzt damit auf einen möglichen Vize, der seine Perspektiven teilt, statt durch eine breitere Koalition mehr Wählergruppen anzusprechen - wie es zum Beispiel der kubanisch-stämmige Marco Rubio getan hätte. Trump hat so die Möglichkeit, im Falle eines Wahlsiegs, sein Vermächtnis zu zementieren.
Vize-Kandidat eckt bei Frauen an
Doch seit seiner Nominierung stolpert Vance von einer Kontroverse in die nächste und bringt so wichtige Wählergruppen gegen sich auf. Ein Beispiel: Weiße Frauen spielten 2016 eine zentrale Rolle bei Trumps Wahlsieg - trotz dessen frauenfeindlicher Äußerungen im Vorfeld der Wahl, die damals noch als "Locker Room Talk", also "typisches Männergeschwätz eben", abgetan wurden.
- Von Clinton bis Haley: Trump und sein Umgang mit Gegnerinnen
2024 ist die Ausgangssituation aber eine andere: Die extreme Anti-Abtreibungspolitik der Republikaner hat diese Wählergruppe neu ins Spiel gebracht. Hierbei dürften Vances abfällige Äußerungen über kinderlose Frauen ("childless cat ladies"), sowie seine früheren Aussagen, er unterstütze ein nationales Abtreibungsverbot, nicht hilfreich sein.
Demokraten und Social Media nutzen Angriffsfläche
Vance bietet seinen Gegnern damit Angriffsfläche, welche diese zu nutzen versuchen, nach vielen Wochen in der Defensive aufgrund von Zweifeln über die Fitness von Präsident Biden. Zuletzt benutzte auch Kamala Harris in diesem Zusammenhang das Wort "weird" - Vance sei einfach merkwürdig. Dem Wort hängt im Sprachgebrauch ein Beigeschmack von gruselig an.
Zeitgleich liefern die sozialen Medien scheinbar ununterbrochen fragwürdige alte Posts des Republikaners, über die sich das Internet wohl endlos lustig macht. Reiches Futter bietet dabei auch sein Wandel, vom "Never Trump Guy", der Trump einst als Hochstapler ("Total Fraud") und sogar "Amerikas Hitler" bezeichnete, zum "Running Mate".
Bereut Donald Trump seine Wahl?
Innerhalb des konservativen Lagers haben sich bereits wichtige Stimmen von Vance distanziert. Das konservative "Wall Street Journal" verurteilte in einem Kommentar seine Äußerung zu kinderlosen Frauen als "die Art von Klugscheißerei, die vielleicht in bestimmten rechen Männergruppen gut ankommt, aber Millionen weibliche Wähler abschreckt, viele von ihnen Republikanerinnen."
Der einflussreiche konservative Kommentator Ben Shapiro sagte, seiner Meinung nach bereue Trump die Wahl bereits. Theoretisch könnte Trump sich noch umentscheiden, doch die Zeit ist sehr knapp: In einigen Staaten darf bereits ab September gewählt werden, die Wahlzettel werden bald gedruckt. Offiziell steht Trump zu seiner Entscheidung.
Mit Trump und Vance im Rennen ums Weiße Haus wird deutlich: Europa muss sich warm anziehen, sollten sie die Wahl gewinnen. Auch wenn die erste Rede eher moderat ausfällt.
18.07.2024Umfragewerte in den USA reflektieren Umschwung
Auch die Umfragewerte reflektieren eine verheerende erste Bilanz. Innerhalb einer Woche verlor Vance in Umfragen massiv. Zuletzt betrachteten ihn 24 Prozent der Befragten als positiv, 39 Prozent als negativ. Die Differenz dazwischen: wächst. Gleichzeitig legte Kamala Harris seit ihrem Debüt als voraussichtliche Kandidaten der Demokraten an Sympathie zu.
Dies sind Momentaufnahmen, beschwingt von überwiegend Erleichterung über den Rückzug Bidens und einem neuen Hoffnungsschimmer für die Demokraten in einer Wahl, deren Ausgang für ein paar Wochen schon fast ausgemacht schien. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Kamala Harris diese Welle der Euphorie aufrechterhalten kann, und ob J.D. Vance es doch schafft, auch außerhalb der MAGA-Republikaner Sympathien zu gewinnen.
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