Rechenzentren-Boom in den USA:Das laute Surren, das Tech-Konzerne und US-Bürger entzweit
von Julian Schmidt-Farrent & David Sauer, Washington, D.C.
Quer über die USA verteilt entstehen immer mehr Rechenzentren, um die Techbranche zu versorgen. Wachstumsmotor für die einen, Umweltsünde für die anderen: Wer profitiert wirklich?
In den USA wächst der Widerstand gegen Datencentren. Für Konzerne wie Meta sind sie zwar unerlässlich, verbrauchen aber viel Energie und belasten das Grundwasser.
07.08.2026 | 2:59 minDas beschauliche Loudoun County ist etwa eine halbe Stunde vom Polittrubel in Washington entfernt. Eine ruhige, klassische Vorstadtgegend - nun, wäre da nicht manchmal dieses wahnsinnig laute Rasenmäher-Geräusch. Und die Milliardenindustrie hinter dem Geräusch, auf die große Techkonzerne wie Microsoft und Amazon setzen.
Loudoun County gilt als das Daten-Mekka der USA, und eigentlich der ganzen Welt. Nirgendwo ist die Dichte an Rechenzentren so hoch wie hier. Doch während die Branche wächst, kämpfen Menschen im ganzen Land dagegen an, dass auch ihre Wirklichkeit bald so aussieht wie die von Hari Doue und ihrer Familie.
Hari Doue führt eigentlich ein amerikanisches Durchschnittsleben. Sie arbeitet als Angestellte in einer Finanzberatung, hat zwei Söhne, ein kleines Reihenhaus - und eben diesen riesigen, dunkelblauen Klotz als Nachbarn.
Rechenzentren werden notfalls mit Diesel betrieben
In dem gewaltigen Industriebau schwirren Daten hin und her, und das rund um die Uhr. Ein Rechenzentrum schläft nicht, erst recht nicht beim wachsenden Hunger der KI-Branche. "Wenn es richtig laut ist, dann hatten sie wieder einen Stromausfall und sind nicht am Netz", erklärt Doue.
Das bedeutet, sie laufen wieder mit Dieselgeneratoren.
Hari Doue, Anwohnerin
Wie man sich das vorstellen kann? Na so, als würden 45 Rasenmäher gleichzeitig laufen, erklärt Doue. Doch es sei nicht nur das Geräusch, das sie beunruhige. "Wir wissen nicht, was wir da einatmen."
Präsident Macron fordert, Europa müsse souveräner werden. Frankreich macht es vor, will zum führenden KI-Standort in Europa werden und investiert Milliarden in entsprechende Infrastruktur.
23.04.2026 | 2:05 minRechenzentren: Goldesel oder Dystopie?
Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass das Rechenzentrum beinahe an Doues Vorgarten grenzt. Schon lange vor dem KI-Boom galt Loudoun als Rückgrat der Techbranche. "Wir waren das Zuhause von AOL, das damals für die meisten Menschen praktisch das Internet war", erklärt Buddy Rizer. Er kümmert sich um die wirtschaftliche Entwicklung des Countys.
Ein großer Teil des weltweiten Internetverkehrs sei einst durch die Region geflossen, erzählt Rizer. Irgendwann ploppten an anderen Orten auf der Welt neue Internetknotenpunkte auf, doch die gute Infrastruktur in Loudoun blieb. Und mit ihr ein Plan, für den Rizer später vom Wall Street Journal bescheiden als "Godfather of Data Centers" getauft wurde.
In den USA sind große Datenzentren ein Milliardenmarkt, der von der Trump-Regierung gefördert wird. Der Wasserverbrauch der Rechenzentren könnte Dürren, zum Beispiel in Wyoming, verschlimmern.
22.04.2026 | 6:28 minMehrheit der Amerikaner lehnt Datacenters ab
Die Techkonzerne suchten neue Standorte für ihre Rechenzentren - und Loudoun County bot sie ihnen. Rund 45 Prozent der Steuereinnahmen entfallen hier inzwischen auf die Datenindustrie. Quer über den County verteilt finanziere sie die Ausgaben für neue Schulen, Parks oder Bibliotheken, betont Rizer.
Inzwischen stehen rund 200 Rechenzentren in der Region. Und die Nachfrage der Branche bleibt hoch: Seit mehr als 15 Jahren habe es keinen Tag mehr gegeben, an dem in Loudoun nicht an einem Datenzentrum gebaut wurde, wirbt der County auf seiner Website.
Es ist wirklich ein Geldsegen für uns.
Buddy Rizer, Leiter der Abteilung für Wirtschaftsförderung, Loudoun County
Anderswo wollen sie verhindern, zum nächsten Loudoun zu werden. Mehr als 70 Prozent der Amerikaner lehnen ein Rechenzentrum in der eigenen Gegend ab, ergab eine Umfrage des Gallup-Instituts. Zuletzt verhängte der Bundesstaat New York sogar ein einjähriges Moratorium gegen den Bau großer Rechenzentren. Die Begründung: Der Energiebedarf würde die Stromrechnungen der Anwohner in die Höhe kraxeln lassen, außerdem belasteten die Standorte die Umwelt.
In Hessen sollen mehrere neue Rechenzentren mit eigenem Gaskraftwerk entstehen. Doch das stößt auf Widerstand der Anwohner. Sie kritisieren den hohen Wasser- und Energieverbrauch.
14.07.2026 | 1:55 minUmweltschützer kritisieren Wasserverschwendung
Auch in Loudoun County sorgen sich Naturschützer um die Auswirkungen der unzähligen Rechenzentren. "Wir wissen nicht, wie viel Wasser die Rechenzentren für ihre Kühlung entnehmen", sagt Renee Grebe vom Umweltverband "Nature Forward". Den Stromhunger der Rechenzentren müssten auch Kohle- oder Gaskraftwerke stillen - und wenn es sein muss, dann eben die rasselnden Dieselgeneratoren vor Ort.
Was das für die Bevölkerung bedeuten könnte, rechnete der Harvard-Forscher Michael Cork für ein ausgewähltes Rechenzentrum in Loudoun aus. Der Standort wird mit Gasturbinen und Notstrom-Generatoren betrieben - dadurch könnten laut der Modellrechnung jährliche Gesundheitskosten zwischen 53 und 99 Millionen US-Dollar entstehen. Dafür sei laut der Schätzung vor allem der zusätzliche Feinstaub in der Luft verantwortlich.
Luft, die Anwohner wie Hari Doue und ihre kleine Familie vor Ort direkt einatmen. Als sie in ihr Haus zog, blickte sie auf ein braches Bauland. Seit dort das riesige Rechenzentrum in die Höhe ragt, spielen ihre Söhne seltener im Garten. "Wir wissen nicht, was aus diesem Gebäude ausgestoßen wird", sagt Doue. "Diese Gesundheitsprobleme zeigen sich ja erst nach zehn, 20 oder 30 Jahren."
Microsoft hat mit dem Bau des ersten von drei KI-Rechenzentren in Nordrhein-Westfalen begonnen. Das Projekt ist Teil der Unternehmensstrategie, die Cloud-Infrastruktur in Deutschland auszubauen.
13.03.2026 | 0:36 minRechenzentren sorgen für Tausende Jobs
County-Verantwortlicher Buddy Rizer teilt diese Sorgen nicht. Die Luft in der Region sei besser als noch vor zehn Jahren, sagt er. Außerdem hätten die Datenzentren ein "Job-Ökosystem" geschaffen - rund 50.000 Beschäftigte hingen direkt oder indirekt an der Industrie. "Es hat uns zu einer der finanziell gesündesten Kommunen im ganzen Land gemacht", so Rizer.
Und trotzdem sei nicht jede Baugenehmigung in der Rückschau richtig gewesen, gesteht Rizer. Doch der County lerne, mit der neuen Industrie umzugehen und die Bürger besser zu schützen. Für ihn bleiben die Rechenzentren eine Erfolgsgeschichte - trotz aller Umwelteinwände und Sorgen der Bürger.
Ich glaube auch nicht, dass man die Automobilindustrie anhand ihrer ersten 20 Jahre beurteilen sollte.
Buddy Rizer, Leiter der Abteilung für Wirtschaftsförderung, Loudoun County
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Rechenzentren
Investitionen in Cloud und KI:Wie Lidls Tech-Sparte Google und Microsoft den Kampf ansagt
von Laura Ozdobamit Video2:41Rechenleistung für KI:SpaceX schließt Milliarden-Deal mit Google ab
mit Video6:28Mehr eigene Chips und Rechenzentren:EU will bei digitaler Infrastruktur unabhängig werden
mit Video2:48- Interview
Experte über Musk-Pläne im Weltraum:Datenzentren werden "im großen Maße" im All existieren
mit Video11:41