Wahl in Ungarn:Peter Magyar: Wird dieser Mann Viktor Orban stürzen?
von Christian von Rechenberg
Ungarn steht vor einer historischen Wahl: Am 12. April könnte Oppositionsführer Peter Magyar den langjährigen Ministerpräsidenten Viktor Orban stürzen. Aber was kommt dann?
Vor der Parlamentswahl am 12. April spitzt sich der Ton zu: Gerüchte, Vorwürfe und politische Angriffe prägen den ungarischen Wahlkampf.
08.04.2026 | 4:45 minGyal liegt im Gürtelbezirk von Budapest. Eine Siedlungsstadt, am Reißbrett entworfen, umrahmt von zwei Autobahnen. Vor dem Einkaufszentrum steht ein Lastwagen, auf der Ladefläche steht ein Mann und spricht zu einer aufgewühlten Menge. Ungarische Fahnen wehen, die Leute rufen seinen Namen. Peter Magyar. Er ist ihre Hoffnung, er könnte am 12. April Geschichte schreiben.
Laut den meisten Umfragen liegt seine Partei Tisza vor Viktor Orbans Fidesz. Es wäre das Ende einer 16 Jahre langen Herrschaft in Ungarn. Gabriella Szentkereszti ist gekommen und hat leuchtende Augen: "Ich werde für Veränderung stimmen, darauf setze ich meine Hoffnung, und ich denke, viele von uns hoffen das auch."
In Umfragen liegt Orban hinter Herausforderer Magyar. Politikwissenschaftlerin Barlai warnt dennoch davor, Zustimmungswerte mit Parlamentsmandaten gleichzusetzen.
15.03.2026 | 11:23 minPeter Magyar: Orban an der Zimmerwand
Peter Magyar ist ihr Hoffnungsträger. Er steht für das Ende eines Systems, eines Staates, den Viktor Orban in der Sprache der Experten "gekapert" und in eine Autokratie verwandelt hat. Aber wofür steht Magyar wirklich? Ist er die Lichtgestalt, die seine Anhänger in ihm sehen?
Der 44-Jährige kommt aus dem Inneren des Systems, das er heute bekämpft. Er wurde 1981 in eine Juristenfamilie geboren, studierte selbst Jura und arbeitete im ungarischen diplomatischen Dienst. Jahrelang war er mit Judit Varga verheiratet - Orbans Justizministerin. Er saß in Aufsichtsräten staatsnaher Betriebe, leitete eine Studienkreditagentur. Er war, kurz gesagt, ein Günstling der Fidesz-Partei. Als Kind klebte er sogar ein Foto von Viktor Orban an seine Zimmerwand. Doch im Frühjahr 2024 war es damit vorbei.
Kurz vor der Wahl in Ungarn erhält Viktor Orban Unterstützung aus den USA. US-Vizepräsident JD Vance trat am Dienstag bei einer Wahlkampfveranstaltung der Fidesz-Partei auf.
07.04.2026 | 2:35 minVom Insider zum Herausforderer
Der Bruch kam, als seine Ex-Frau Varga nach einem öffentlichen Begnadigungsskandal alle politischen Ämter niederlegte. Magyar distanzierte sich sofort von Fidesz, warf der Partei Korruption und Propaganda vor. Nur Monate später gründete er - genauer: übernahm er - die kleine Partei Tisza und führte sie bei den Europawahlen im Juni 2024 aus dem Stand auf fast 30 Prozent. Das war für Orban ein Schock. Tobias Spöri, Politikwissenschaftler an der Universität Wien, erklärt:
Er ist auf eine Art und Weise eine jüngere Version von Viktor Orban, der einfach zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ein wirklicher Herausforderer von Viktor Orban ist.
Tobias Spöri, Politikwissenschaftler Universität Wien
Seine Fidesz-Vergangenheit ist Magyars größte Stärke, so analysiert es auch Ernst Gelegs, ehemaliger Ungarn-Korrespondent des ORF mit mehr als 20 Jahren Erfahrung: "Wenn der sagt: Fidesz und Orban sind korrupt, dann glaubt man ihm, weil man sich sagt: Der muss es wissen. Der kommt aus dem 'Inner Circle'."
Der Auftritt von US-Vizepräsident Vance habe kaum einen Mobilisierungseffekt für Orban, sagt Ungarn-Expertin Dr. Melani Barlai. Ein Machtwechsel in Ungarn sei realistisch, aber nicht sicher.
07.04.2026 | 19:13 minMagyar auf zweijähriger Wahlkampftour
Das sei ein entscheidender Unterschied zur bisherigen Opposition. Dazu kommt, dass Magyar einen unermüdlichen Wahlkampf geführt hat. Seit mehr als zwei Jahren reist er durch ganz Ungarn, auch in die kleinsten Dörfer. Dorthin, wo Orban bisher seine Machtbasis hatte. Magyar macht Selfies, hört zu, gibt sich nahbar. Das gab es so noch nicht in der ungarischen Politik. Orban hingegen isoliert sich, spricht nur vor ausgesuchtem Publikum.
Zuletzt erlaubte er sich sogar einen Wutausbruch auf offener Bühne, als aus dem Publikum Buh-Rufe ertönten. Er wirkt angeschlagen, entsprechend schmutzig sei sein Wahlkampf gegen Magyar, so Beobachter. Der sieht sich regelmäßig mit KI-generierten Fake-Videos und einer Verleumdungskampagne konfrontiert. Doch Magyar ging an allen aufgestellten Fallen vorbei und wurde jedes Mal ein wenig stärker.
Laut Recherchen gab Orbans Regierung EU-Geheimnisse an Russland weiter. Brüssel spricht von Vertrauensbruch – nun mehren sich Forderungen nach Sanktionen bis zum Stimmrechtsentzug.
24.03.2026 | 2:47 minKonservativ wie Orban - aber ohne Feindbild
Peter Magyar ist politisch konservativer, als viele westliche Beobachter erwarten würden. Er spricht kaum über LGBTQ-Rechte, nicht über Migration in einer anderen Sprache als Orban, nicht über einen schnellen EU-Beitritt der Ukraine. Er meidet jene Themen, mit denen Orban Feindbilder aufgebaut hat. Das ist keine Schwäche - das ist laut Spöri Strategie.
Viktor Orban kann sicherlich auf eine Art und Weise nur von der rechten Seite abgewählt werden, weil einfach die öffentliche Meinung mittlerweile so stark von Viktor Orban beeinflusst ist, dass ein radikal anderer Gegenentwurf sicherlich nicht ankommen würde.
Tobias Spöri, Politikwissenschaftler Universität Wien
Stattdessen konzentriert sich Magyar auf Themen, die die Menschen im Alltag bewegen: das marode öffentliche Gesundheitswesen, ein unterfinanziertes Bildungssystem, grassierende Korruption. Als er im vergangenen August ein öffentliches Krankenhaus besuchte und dort mit dem Thermometer 33 Grad Raumtemperatur maß - die Klimaanlage war defekt, kein Geld für Reparaturen -, wurde das zu einem Symbol seines Wahlkampfs.
Ungarn vor der Wahl: Katalin Kukléta, Aktivistin und ungarische Roma, zeigt den Alltag "ihrer Leute". An den Rand der Gesellschaft gedrängt, in baufälligen Häusern, oft mit Drogenproblemen und minderwertiger Arbeit.
08.04.2026 | 2:11 minKritisch gegenüber Russland - aber nicht zu sehr
Zum Thema Russland hat Magyar eine klare, wenn auch nüchterne Haltung. Er verurteilt, dass Russland versuche, die ungarischen Wahlen zu beeinflussen, etwa durch Hacker oder Wahlkampfhelfer. Gleichzeitig will er keine scharfe Konfrontation: Beide Länder seien souveräne Staaten, die sich gegenseitig nicht in die inneren Angelegenheiten einmischen sollten.
Und auch bei der Energie bleibt Magyar pragmatisch. Wichtig sei, die Leitungskapazitäten auszubauen und internationale Verbindungen nach Süden, Westen und Osten herzustellen - damit Ungarn im Ernstfall auf andere Quellen zurückgreifen könnte. "Das heißt nicht, dass wir morgen aufhören müssen, russisches Öl zu beziehen", sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Langfristig will er die Abhängigkeit von russischer Energie beenden.
Gegenüber der Europäischen Union gibt sich Magyar deutlich konstruktiver als Orban. Er will die eingefrorenen EU-Gelder zurückbringen und Ungarn wieder zu einem verlässlichen Partner in Brüssel machen.
Dennoch warnen Experten vor zu großen Erwartungen: Bei Themen wie Migration oder einem EU-Beitritt der Ukraine werde Magyar nicht einfach mitziehen. Er werde kein Orban sein - aber auch kein bequemer Partner für Brüssel.
Am 12. April wird sich zeigen, ob die Ungarn bereit sind, diesen Kurs zu wählen.
Christian von Rechenberg ist Korrespondent im ZDF-Studio Wien.
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