Ex-Außenminister von Luxemburg:Asselborn warnt vor "orbanisierter Demokratie" in Europa
Hat Ungarn EU-Interna an Russland weitergegeben? Neue Berichte darüber sorgen für Kritik. Luxemburgs Ex-Außenminister Asselborn fordert härtere Maßnahmen der EU.
Sehen Sie hier das gesamte Interview mit Jean Asselborn.
24.03.2026 | 16:45 minDie Empörung in Brüssel über die Regierung von Viktor Orban in Ungarn ist wieder einmal groß. Jahrelang soll sie sensible Details aus EU-Sitzungen direkt mit Russland geteilt haben. Die US-Zeitung "Washington Post" hatte unter Berufung auf einen früheren ungarischen Geheimdienstmitarbeiter und Sicherheitsbeamte Details über das Ausmaß bekannt gemacht.
Jean Asselborn, fast 20 Jahre lang Außenminister des EU-Mitgliedstaats Luxemburg, sprach bei ZDFheute live über die Folgen der Vorwürfe. Für die Orban-Regierung fand er deutliche Worte.
Sehen Sie das gesamte Interview mit ZDFheute live oben im Video und lesen Sie es hier in Auszügen.
Das sagte Asselborn über...
... die Anti-EU-Haltung der Orban-Regierung
Die jüngsten Berichte der "Washington Post" hätten ihn nicht überrascht - im Gegenteil: Orban habe seit Beginn seiner zweiten Amtszeit vor 16 Jahren immer versucht, einerseits von den EU-Milliarden zu profitieren, aber andererseits auch immer versucht, "die Europäische Union als Institution schachmatt zu setzen", so Asselborn.
Das ist sein System. Und da hat er jetzt zwei große Alliierte auf dem Globus. Der eine heißt Putin, der andere heißt Trump.
Jean Asselborn, ehem. luxemburgischer Außenminister
Laut Recherchen gab Orbans Regierung EU-Geheimnisse an Russland weiter. Brüssel spricht von Vertrauensbruch - nun mehren sich Forderungen nach Sanktionen bis zum Stimmrechtsentzug.
24.03.2026 | 2:47 minWenn etwa im Europäischen Rat über Strategien der Außenpolitik beraten würde, und "dann plappert einer, der im Rat sitzt, in der Pause oder er geht raus und informiert dann Putin", sei das ein "Verrat" an der Funktionsfähigkeit der EU, sagt der erfahrene Diplomat. Es gehe dabei nicht um die Frage, ob man überhaupt mit Politikern und Diplomaten aus Nicht-EU-Staaten spreche. "Es geht darum, was man sagt und wie man da entweder die Europäische Union verteidigt oder die Europäische Union nicht verteidigt." Das Konzept Orbans sei klar: "Wo er nur kann, greift er die Europäische Union an."
... Versuche der EU-Staaten, Ungarns Regierung zu umgehen
Es werde zwar "nicht an die große Glocke" gehängt, aber die EU arbeite bereits jetzt mit alternativen Strukturen, "wo eben dann die nicht dabei sind, denen man nicht mehr traut". Das geschehe etwa in der Verteidigungspolitik in Zusammenarbeit mit der Nato sowie mit Großbritannien, Kanada und Norwegen.
Und es gäbe ein Mittel, das laut Asselborn zu seiner Amtszeit (2004 bis 2023) "die Atombombe" genannt worden sei: "Der Entzug des Stimmrechts ist schon etwas, mit dem man, sagen wir mal, drohen kann und drohen muss in diesen Fällen."
Die EU-Kommission verlangt eine Aufklärung zu den Spionagevorwürfen. In Brüssel hoffe man, dass sich das "Problem Orban" durch die Wahl erledigen könnte, sagt ZDF-Reporterin Isabelle Schäfers.
24.03.2026 | 6:57 minDas Problem sei die Umsetzung: Bei solchen Entscheidungen verlange der Verfassungsvertrag der EU Einstimmigkeit. "Und die hat man eben nicht", so Asselborn resigniert. Bei der Gründung sei an fast alles gedacht worden, jedoch nicht daran, "dass in Europa einmal die Presse nicht mehr frei ist - wie in Ungarn - dass die Richter kontrolliert werden, die Unabhängigkeit der Justiz nicht mehr garantiert wird - wie in Ungarn - und dass die Gewaltentrennung auch nicht mehr funktioniert".
Legal sind wir nicht in der Lage, etwas zu tun, was die Ungarn dann aus der Europäischen Union hinausführt.
Jean Asselborn, ehem. luxemburgischer Außenminister
Im Endeffekt müsse man also "einen neuen Vertrag machen mit denen, die effektiv zu den Werten der Europäischen Union stehen".
Die EU hat sich zu dem Spionageverdacht gegen Ungarns Regierung geäußert. Es sei "äußerst besorgniserregend", dass Ungarn EU-interne Informationen an Russland weitergegeben haben könnte.
23.03.2026 | 0:33 min... die Zukunft der EU
Die Anti-EU-Strategie Orbans mache in Europa mittlerweile Schule, sagt Asselborn unter Verweis auf rechtspopulistische Kräfte wie Fico (Slowakei), Le Pen (Frankreich), Wilders (Niederlande), Salvini (Italien). Er hoffe darauf, dass "vielleicht die Demokratie jetzt hilft bei den Wahlen im April" und die Orban-Regierung in Ungarn abgewählt wird. Falls nicht, müsse Brüssel eine Konsequenz ziehen:
Wenn wir das noch vier Jahre machen (...), dann hat dieser Orban, würde ich so sagen, die Europäische Union orbanisiert, hat seinen Illiberalismus propagiert. Und das will keiner.
Jean Asselborn, ehem. luxemburgischer Außenminister
Jemand, der Kinder und Enkelkinder habe, "will, dass Europa eine reine Demokratie bleibt und keine illiberale Demokratie, orbanisierte Demokratie". Asselborn forderte, dass die EU deutlicher machen müsste, welche Bedingungen für eine Mitgliedschaft erfüllt sein müssen:
Wenn man in die Europäische Union eintritt, muss man die Bedingungen erfüllen, insbesondere auch die Bedingungen der Solidarität. Wir sind eine Union. Ohne Solidarität geht keine Union.
Jean Asselborn, ehem. luxemburgischer Außenminister
Das Interview bei ZDFheute live führte Sara Bildau, zusammengefasst hat es Torben Heine.
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