Massaker in Syrien: "Wer Alawit war, wurde sofort erschossen"

Massaker an Zivilisten in Syrien:"Wer Alawit war, wurde sofort erschossen"

Ninve Ermagan

von Ninve Ermagan

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In Syrien haben Islamisten ein Massaker an Hunderten Alawiten verübt. Seitdem herrscht für die Minderheiten ein Klima der Angst. ZDFheute hat mit Überlebenden gesprochen.

Syrien, Jableh: Angehörige der syrischen Sicherheitskräfte patrouillieren auf einer Straße in der Stadt Jableh, 25 km südlich von Latakia. Der syrische Übergangspräsident al-Sharaa kündigte am Sonntag die Bildung eines Hohen Komitees für den zivilen Frieden an, das die Aufgabe hat, direkt mit den Gemeinschaften in der Küstenregion in Kontakt zu treten, um Bedenken auszuräumen und Stabilität zu gewährleisten.

Im Westen des Landes kämpfen wieder Anhänger des gestürzten Assad-Regimes und Truppen der neuen Regierung gegeneinander. Etwa 1.000 Zivilisten sollen dabei getötet worden sein.

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Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Layla (Name geändert) bereitet sich mit ihren Liebsten auf das Fastenbrechen vor. Es sollte ein besonderer Abend werden - ein Moment der Ruhe und Gemeinsamkeit. Doch innerhalb weniger Minuten würde ihre heile Welt in der syrischen Küstenregion Latakia zusammenbrechen. Sie erzählt, wie sie plötzlich die ersten Schüsse gehört habe: "Innerhalb weniger Minuten waren sie überall."

Islamisten brüllten: 'Wir kommen, um euch alle Alawiten abzuschlachten.'

Alawitin aus Latakia

Ein Aufruf zum Dschihad gegen die Minderheit. "Wir rannten mit nichts als unseren Kleidern davon", erzählt sie außer sich. "Wir waren nur noch eine Masse von Menschen, die versuchten, dem sicheren Tod zu entkommen." Um sie herum hätten Frauen geschrien, Kinder gekreischt. Überall seien Schüsse gefallen und Feuer ausgebrochen.

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"Unsere Familien wurden ohne Gnade getötet"

Sie sei weitergerannt, sagt Layla, zusammen mit anderen Überlebenden, in Richtung des russischen Militärstützpunkts Hmeimim. Doch nicht alle hätten das Glück gehabt, zu entkommen. "Unsere Verwandten, unsere Familien, die in ihren Häusern geblieben waren", seien ohne Gnade getötet worden, berichtet Layla. Danach sei es zu Plünderungen gekommen:

Sie nahmen alles mit, was sie tragen konnten, und zündeten den Rest an.

Alawitin aus Latakia

Layla berichtet, dass die Islamisten Wälder in Brand setzten, nachdem sie bemerkten, dass sich dort Zivilisten versteckt hielten.

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"Sie stürmten Häuser und fragten nach der religiösen Zugehörigkeit der Bewohner. Wer Alawit war, wurde sofort erschossen - ganze Familien wurden ausgelöscht, darunter auch Säuglinge", berichtet ein Alawit aus Latakia entsetzt. Leichen hätten tagelang auf den Straßen gelegen, und die Überlebenden seien gezwungen gewesen, ihre getöteten Angehörigen dort zurückzulassen, berichtet er erschüttert.

Bis jetzt geht das Töten Unschuldiger weiter, aber die Weltöffentlichkeit kriegt keine Notiz davon.

Alawit aus Latakia

Am 6. März griffen islamistische Kämpfer gezielt Städte in der syrischen Küstenprovinz Latakia und weiteren Orten an, nachdem Regierungstruppen zuvor von Pro-Assad-Kämpfern attackiert worden waren. Zur Vergeltung verübten islamistische Milizen Massaker, die vor allem gegen die alawitische Minderheit gerichtet waren. Laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in den folgenden 72 Stunden rund 1.450 Menschen getötet, darunter 973 Zivilisten in 39 verschiedenen Massakern. Zudem wurden 231 Mitglieder der Sicherheitskräfte sowie etwa 250 Kämpfer mit Verbindungen zur früheren Regierung getötet.


Syrien: Morde, Plünderungen, Entführungen

Nach dem Sturz des Diktators Assad im Dezember 2024 war der Jubel auf den Straßen groß - doch seitdem herrscht besonders für Angehörige der Minderheiten ein Klima der Angst. Obwohl der neue Machthaber al-Scharaa und seine islamistische Gruppe HTS versprachen, alle Minderheiten zu schützen, zeichnet die Realität ein anderes Bild.

Syrische Alawiten und Christen berichten, wie ihnen vorgeworfen wird, "Agenten des Assad-Regimes" zu sein - ein fadenscheiniger Vorwand, unter dem Morde, Plünderungen, die Zerstörung heiliger Stätten und Entführungen zunehmen würden. Ein syrischer Christ aus Homs beschreibt die Lage seit der Machtergreifung durch die islamistische HTS als unerträglich: "Kriminalität, Gewalt und Racheakte breiten sich aus, das Land versinkt im Chaos."

Jeder, der irgendwie mit dem alten Regime verbunden ist, wird willkürlich entlassen oder verhaftet, ohne Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Christ aus Homs

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Christen fürchten islamistische Machthaber

Seine bittere Bilanz: "Wir müssen Syrien verlassen, aber die Welt hat sich uns verschlossen - sogar Europa. Wir sind von extremistischen Islamisten umgeben." Offiziell würden Übergriffe auf Minderheiten als Einzelfälle heruntergespielt, doch das sei eine Lüge.

Viele Taten würden "mit Wissen und Ermutigung der Behörden begangen". Öffentlich würden sich die Täter zwar fügsam geben, doch in Wirklichkeit seien sie "Verbrecher, für die es leichter ist, Menschen zu töten, als Wasser zu trinken". Die Gefahr sei allgegenwärtig, sodass er für sich keine Zukunft mehr in dem Land sieht.

Mehrere Angehörige der christlichen und alawitischen Minderheiten berichten gegenüber ZDFheute von gezielten Massenentlassungen in Kliniken und Behörden, wodurch zahlreiche Familien ihr gesamtes Einkommen verloren und nun in Armut lebten.

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"Die Menschen sind voller Angst"

Neben dieser Diskriminierung berichten Angehörige auch von strengen Restriktionen. "Geschäfte, die Alkohol verkaufen, werden geschlossen, und Christinnen werden zum Tragen des Schleiers gedrängt", ergänzt ein syrischer Journalist, der anonym bleiben möchte. Videoaufnahmen zeigen, wie Dschihadisten Restaurants stürmen, Menschen anschreien, die Alkohol trinken oder rauchen, und ihnen Ungehorsam gegenüber Gott vorwerfen.

"Die Menschen sind voller Angst, niemand wagt es mehr, offen dagegen zu sprechen", erklärt ein Angehöriger der Alawiten.

Die Welt darf nicht länger wegschauen, sonst werden Minderheiten in Syrien bald nicht mehr existieren.

Alawit aus Latakia

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Quelle: dpa

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