Massaker in Syrien: "Wer Alawit war, wurde sofort erschossen"

Massaker an Zivilisten in Syrien:"Wer Alawit war, wurde sofort erschossen"

Ninve Ermagan

von Ninve Ermagan

|

In Syrien haben Islamisten ein Massaker an Hunderten Alawiten verübt. Seitdem herrscht für die Minderheiten ein Klima der Angst. ZDFheute hat mit Überlebenden gesprochen.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Layla (Name geändert) bereitet sich mit ihren Liebsten auf das Fastenbrechen vor. Es sollte ein besonderer Abend werden - ein Moment der Ruhe und Gemeinsamkeit. Doch innerhalb weniger Minuten würde ihre heile Welt in der syrischen Küstenregion Latakia zusammenbrechen. Sie erzählt, wie sie plötzlich die ersten Schüsse gehört habe: "Innerhalb weniger Minuten waren sie überall."

Islamisten brüllten: 'Wir kommen, um euch alle Alawiten abzuschlachten.'

Alawitin aus Latakia

Ein Aufruf zum Dschihad gegen die Minderheit. "Wir rannten mit nichts als unseren Kleidern davon", erzählt sie außer sich. "Wir waren nur noch eine Masse von Menschen, die versuchten, dem sicheren Tod zu entkommen." Um sie herum hätten Frauen geschrien, Kinder gekreischt. Überall seien Schüsse gefallen und Feuer ausgebrochen.

"Unsere Familien wurden ohne Gnade getötet"

Sie sei weitergerannt, sagt Layla, zusammen mit anderen Überlebenden, in Richtung des russischen Militärstützpunkts Hmeimim. Doch nicht alle hätten das Glück gehabt, zu entkommen. "Unsere Verwandten, unsere Familien, die in ihren Häusern geblieben waren", seien ohne Gnade getötet worden, berichtet Layla. Danach sei es zu Plünderungen gekommen:

Sie nahmen alles mit, was sie tragen konnten, und zündeten den Rest an.

Alawitin aus Latakia

Layla berichtet, dass die Islamisten Wälder in Brand setzten, nachdem sie bemerkten, dass sich dort Zivilisten versteckt hielten.

"Sie stürmten Häuser und fragten nach der religiösen Zugehörigkeit der Bewohner. Wer Alawit war, wurde sofort erschossen - ganze Familien wurden ausgelöscht, darunter auch Säuglinge", berichtet ein Alawit aus Latakia entsetzt. Leichen hätten tagelang auf den Straßen gelegen, und die Überlebenden seien gezwungen gewesen, ihre getöteten Angehörigen dort zurückzulassen, berichtet er erschüttert.

Bis jetzt geht das Töten Unschuldiger weiter, aber die Weltöffentlichkeit kriegt keine Notiz davon.

Alawit aus Latakia

Am 6. März griffen islamistische Kämpfer gezielt Städte in der syrischen Küstenprovinz Latakia und weiteren Orten an, nachdem Regierungstruppen zuvor von Pro-Assad-Kämpfern attackiert worden waren. Zur Vergeltung verübten islamistische Milizen Massaker, die vor allem gegen die alawitische Minderheit gerichtet waren. Laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in den folgenden 72 Stunden rund 1.450 Menschen getötet, darunter 973 Zivilisten in 39 verschiedenen Massakern. Zudem wurden 231 Mitglieder der Sicherheitskräfte sowie etwa 250 Kämpfer mit Verbindungen zur früheren Regierung getötet.


Syrien: Morde, Plünderungen, Entführungen

Nach dem Sturz des Diktators Assad im Dezember 2024 war der Jubel auf den Straßen groß - doch seitdem herrscht besonders für Angehörige der Minderheiten ein Klima der Angst. Obwohl der neue Machthaber al-Scharaa und seine islamistische Gruppe HTS versprachen, alle Minderheiten zu schützen, zeichnet die Realität ein anderes Bild.

Syrische Alawiten und Christen berichten, wie ihnen vorgeworfen wird, "Agenten des Assad-Regimes" zu sein - ein fadenscheiniger Vorwand, unter dem Morde, Plünderungen, die Zerstörung heiliger Stätten und Entführungen zunehmen würden. Ein syrischer Christ aus Homs beschreibt die Lage seit der Machtergreifung durch die islamistische HTS als unerträglich: "Kriminalität, Gewalt und Racheakte breiten sich aus, das Land versinkt im Chaos."

Jeder, der irgendwie mit dem alten Regime verbunden ist, wird willkürlich entlassen oder verhaftet, ohne Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Christ aus Homs

Collage: Porträt Ahmad al-Scharaa - linke Hälfte Fahnungsfoto als einer der meistgesuchten Männer der Welt, rechte Bildhälfte Foto als Machthaber von Syrien

Ahmed al-Scharaa: Bis vor Kurzem war er einer der meistgesuchten Männer der Welt. Wer ist er?

17.01.2025 | 17:38 min

Christen fürchten islamistische Machthaber

Seine bittere Bilanz: "Wir müssen Syrien verlassen, aber die Welt hat sich uns verschlossen - sogar Europa. Wir sind von extremistischen Islamisten umgeben." Offiziell würden Übergriffe auf Minderheiten als Einzelfälle heruntergespielt, doch das sei eine Lüge.

Viele Taten würden "mit Wissen und Ermutigung der Behörden begangen". Öffentlich würden sich die Täter zwar fügsam geben, doch in Wirklichkeit seien sie "Verbrecher, für die es leichter ist, Menschen zu töten, als Wasser zu trinken". Die Gefahr sei allgegenwärtig, sodass er für sich keine Zukunft mehr in dem Land sieht.

Mehrere Angehörige der christlichen und alawitischen Minderheiten berichten gegenüber ZDFheute von gezielten Massenentlassungen in Kliniken und Behörden, wodurch zahlreiche Familien ihr gesamtes Einkommen verloren und nun in Armut lebten.

Deutscher IS-Anhänger Dirk Pleil im Gefängnis in Nordostsyrien blickt hinter Gefängnistür hervor

In Nordostsyrien sitzen mehr als 11.000 Mitglieder der Terrororganisation Islamischer Staat in Gefängnissen, darunter auch Deutsche.

11.02.2025 | 12:09 min

"Die Menschen sind voller Angst"

Neben dieser Diskriminierung berichten Angehörige auch von strengen Restriktionen. "Geschäfte, die Alkohol verkaufen, werden geschlossen, und Christinnen werden zum Tragen des Schleiers gedrängt", ergänzt ein syrischer Journalist, der anonym bleiben möchte. Videoaufnahmen zeigen, wie Dschihadisten Restaurants stürmen, Menschen anschreien, die Alkohol trinken oder rauchen, und ihnen Ungehorsam gegenüber Gott vorwerfen.

"Die Menschen sind voller Angst, niemand wagt es mehr, offen dagegen zu sprechen", erklärt ein Angehöriger der Alawiten.

Die Welt darf nicht länger wegschauen, sonst werden Minderheiten in Syrien bald nicht mehr existieren.

Alawit aus Latakia

Icon von whatsapp
Quelle: dpa

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.


Thema

Aktuelle Nachrichten zu Syrien

  1. Ein Mann sitzt in einem Obstladen auf der Insel Aruad.

    Wiederaufbau nach Assad-Regime:Syrien zwischen Trümmern und Tourismus

    Susana Santina, Tartus
    mit Video6:36

  2. Der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa (r) trifft sich im Präsidentenpalast mit dem Kommandeur der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte, Mazloum Abdi (M,l).

    Eingliederung in Armee:Syrien: Militärbündnis SDF aufgelöst

    Video0:23

  3. Maslum Abdi hält eine Rede.

    Kämpften gegen den IS:Auflösung der kurdischen SDF in Syrien vollzogen

    mit Video0:23

  4. Menschen im syrischen Najha arbeiten auf einem Feld neben den Überresten einer israelischen Raketen.

    Nach erneuten Angriffen:Syrien und Israel führen erstmals direkte Gespräche

    mit Video1:43

  5. junge in behandlung im krankenhaus nach vermeintlicher giftgasattacke

    Nachrichten | heute journal:Syrien nach Assad: Wo steht das Land heute?

    von Susana Santina
    Video1:43

  6. Mourners carry the coffin of Mohammad Ghamira, a former White Helmets volunteer who died shortly after his release from jail, for burial in the village of al-Haffa, in Latakia province, Syria, Monday, Aug. 17, 2026.

    Nachrichten | heute journal update:Syriens schwieriger Neuanfang

    von Susanna Santina
    Video2:30

  7. Blick auf den Justizpalast in Damaskus, Syrien.

    Juristische Aufarbeitung:Syrien nach der Assad-Diktatur: Sehnsucht nach Gerechtigkeit

    Susana Santina, Damaskus
    mit Video1:43

  8. Prozess in Damaskus

    Nachrichten | heute journal update:Syrien: Prozesse gegen Assad-Funktionäre

    von Susana Santina
    Video2:32

  9. Wasim al-Assad, ein Cousin des gestürzten syrischen Machthabers Bashar al-Assad, wird im Gerichtssaal zur Urteilsverkündung in den Angeklagtenkäfig geführt.

    Nachrichten | heute 19:00 Uhr:Todesstrafe gegen Assad-Cousin

    von Susana Santina
    Video1:43

  10. Ein Schild mit Bundesadler und den Farben Schwarz-Rot-Gold weist auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hin.

    Wegen neuer Lage im Herkunftsland:Syrer verlieren immer häufiger ihren Schutzstatus

    mit Video0:22

  11. Ehemaliger syrischer Präsident Bashar al-Assad in Damaskus, Syrien.

  12. Kämpfer der Opposition zerreißen ein riesiges Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in Aleppo (Syrien)

  13. Extremismus-Experten Hans-Jakob Schindler

    Genozid des IS an Jesiden:"Die gesamte Volksgruppe entmenschlicht"

    Video12:07

  14. syrischer pass wird auf echtheit geprueft - symbolfoto

    Rückkehr von Geflüchteten:Wer zurück nach Syrien will - und wer nicht

    von Jakob Rhein
    mit Video1:49

  15. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa

  16. Syrer in Deutschland

    Nachrichten | heute - in Deutschland:Heimat statt Exil?

    von Homeira Rhein
    Video1:49