Wahlen nach Dauerprotesten in Serbien:Bringt die Studentenbewegung Vučić zu Fall?
von Christian von Rechenberg
Seit mehr als zehn Jahren lenkt Aleksandar Vučić Serbien im Stile eines autoritären Alleinherrschers. Am Sonntag könnte seine Macht enden. Mit mindestens einer Einschränkung.
Mit Sternmärschen mobilisiert Serbiens Studentenbewegung vor der Parlamentswahl für Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit. Kann ihr Protest die Macht des Präsidenten Aleksandar Vučićs brechen?
23.10.2026 | 2:31 minZehntausende liefen sich tagelang die Füße wund. Aus drei Richtungen strömten sie vor wenigen Tagen Richtung Belgrad: Sternmärsche der neuen und immer bedeutender werdenden Studentenbewegung in Serbien.
Wir müssen hart kämpfen. All diese Wunden sind es wert. Und wir werden siegen.
Jelena, Unterstützerin der Studentenbewegung
Eine letzte Machtdemonstration. Am Sonntag wählt Serbien ein neues Parlament, und zum ersten Mal seit 2012 könnte Aleksandar Vučić die Macht verlieren. Herausgefordert von einer Bewegung, die als lokaler Protest gegen Korruption und Pfusch am Bau begann.
Der serbische Staatspräsident Vučić hat seinen Rücktritt erklärt. Er will in vier Wochen bei den vorgezogenen Parlamentswahlen als Spitzenkandidat seiner Partei antreten.
28.09.2026 | 0:23 minAus Trauer wird eine Bewegung
Am 1. November 2024 stürzte am renovierten Bahnhof von Novi Sad ein Betonvordach ein, 16 Menschen starben. Korruption gilt als Ursache, undurchsichtige Aufträge wurden an ungeeignete Firmen vergeben. Studenten forderten Aufklärung und dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Erfüllt wurde in ihren Augen nichts - der Protest wuchs und wurde spätestens dann zur politischen Bewegung, als Vučić Polizeiknüppel und Tränengas gegen friedliche Demonstranten schickte.
Weil die Opposition zerstritten ist und nur wenige ihr vertrauen, gründen die Studenten eine eigene Liste: "Studenten gewinnen". Was sie wollen: Polizei, Justiz und Medienaufsicht von der Parteipolitik befreien, Staatsaufträge offenlegen.
Vučićs Kundgebung fand zeitgleich mit der letzten Wahlkampfveranstaltung der von jungen Menschen getragenen "Studentenliste" statt, die ebenfalls in Belgrad abgehalten wurde.
23.10.2026 | 0:51 minEine Liste aus 250 Fachleuten
Ihre Märsche sind mehr als Symbolik. Sie führen in Dörfer, in die der Staatsrundfunk nur Regierungspropaganda sendet. Dort erklären die Studenten ihre Ziele: Institutionen befreien, Rechtsstaat und Medienfreiheit zurückholen. Ihr Spitzenkandidat ist Ilija Srdanović, Kardiologe aus Novi Sad, vor zwei Jahren noch unbekannt. Auch er mischt sich unter die Marschierenden, macht Selfies, gibt sich nahbar. Die Studentenliste tritt bei der Wahl bewusst nicht mit Berufspolitikern an, sondern mit 250 Expertinnen und Experten wie Srdanović.
Ja, ich stehe an erster Stelle auf dieser Liste, aber all diese Menschen stehen an erster Stelle. Ich bin nicht mehr wert als die Bürger, die hier demonstrieren.
Ilija Srdanović, Spitzenkandidat
Der Spirit auf den Märschen ist mit Händen zu greifen. Entschlossene Gesichter und in jedem Ort viel Zuspruch von den Bewohnerinnen und Bewohnern.
So viele Bürgerinnen und Bürger sind daran beteiligt, und alle bringen selbstlos ihre Energie, Zeit und Ressourcen dafür ein.
Natalija, Unterstützerin der Studentenbewegung
Etwa Dragan und Slađana Varadinac aus dem Dorf Kumane. Hoch auf ihrem blauen Traktor fahren sie in den Sternmärschen mit, zu Hause haben sie Milchvieh und bauen Gemüse an. Sie fragen sich, wie lange noch: Der Liter Milch bringt 32 bis 40 Dinar, also maximal etwas mehr als 30 Cent - ein halber Liter Wasser kostet 60, was etwa 50 Cent entspricht. Schuld seien Kartelle und unkontrollierte Importe. Subventionen gebe es nur gegen eine Unterschrift für die Regierungspartei.
Alle Angestellten in unserer Gemeinde, Firmenchefs, Bürgermeister und Gemeindevorsteher, alle sind korrupt und alle gehören der regierenden SNS-Partei an.
Slađana Varadinac, Landwirtin
"Students win" heißt die neue Partei, die Serbiens Ex-Präsident Vučić bei den nächsten Wahlen gefährlich wird. Sie kämpfen gegen Korruption und Amtsmissbrauch und für Bildungsreformen.
14.10.2026 | 6:42 minVučić will seine Macht retten
Kritik, die Vučić und seine Anhänger an sich abprallen lassen. Auch er eilt dieser Tage von Veranstaltung zu Veranstaltung, teilt gegen die Studentenliste aus und verspricht finanzielle Wohltaten für alle. Weil er als Präsident keine dritte Amtszeit haben darf, versucht der Mann, der die Geschicke Serbiens seit mehr als zehn Jahren unangefochten lenkt, seine Macht zu sichern, indem er als Ministerpräsident seiner SNS-Partei antritt.
Ich stelle mich dieser historischen Verantwortung - für unser Serbien, für unsere Zukunft und für das, was unser Volk braucht.
Aleksandar Vučić
Tausende jubeln ihm in Belgrad zu - doch es sind deutlich weniger Unterstützer, als die Studenten auf die Straße bringen. Dennoch sind sie siegessicher.
Ich unterstütze ihn wegen der Rentner. Ich unterstütze ihn wegen der Arbeitnehmer, die ihren Lohn erhalten. Ich unterstütze ihn wegen meiner Kinder.
Marina Šušić, SNS-Wählerin
Die Umfragen widersprechen sich. Fest steht, es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Abstand beider Lager, so Politikwissenschaftler Florian Bieber, entscheide darüber, ob in Serbien wirklich ein Machtwechsel möglich wäre. Vučić könne bei einem knappen Resultat eher Tricks einsetzen oder Koalitionspartner mit viel Druck auf seine Seite ziehen, um die Macht zu erhalten.
Diesmal geht es für Vučić wirklich ums Ganze. Und deshalb kann man davon ausgehen, dass auch er versuchen wird, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben. Dazu gehört auch Wahlbetrug.
Florian Bieber, Südosteuropa-Experte Universität Graz
Bei Protesten in der serbischen Hauptstadt Belgrad haben Zehntausende Neuwahlen gefordert. Sie werfen der Regierung von Präsident Vucic Korruption und Misswirtschaft vor.
24.05.2026 | 0:24 minWechselstimmung auf den Straßen
Deshalb schicken die Studenten Beobachter in möglichst alle Wahllokale. Und mobilisieren weiter. Der Einzug der Studenten von den Sternenmärschen jedenfalls glich einem Volksfest. Und auch gestern gingen schätzungsweise150.000 Menschen in Belgrad mit ihnen auf die Straße.
Das Volk wird siegen. Die Studierenden haben diese Welle ausgelöst; sie erkannten, was nötig war, damit das Volk aufwacht.
Branislav, Unterstützer der Studentenbewegung
Die Wechselstimmung ist da - gewonnen hat die Studentenliste aber noch nicht.
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