Parlamentswahlen in Monarchie:Der Frust der marokkanischen Jugend
von Luis Jachmann, Agadir
Den Wahlen in Marokko bleiben viele junge Menschen fern. Sie sehen für sich selbst im Land kaum Aufstiegschancen. Ihr Traum von einer besseren Zukunft heißt häufig Europa.
Arbeitslosigkeit, hohe Lebenshaltungskosten und fehlende Mitsprache prägen die Stimmung vor der Parlamentswahl in Marokko. Welche Rolle spielen Soziale Netzwerke für die junge Generation?
23.09.2026 | 3:32 minEine halbe Stunde Autofahrt südlich von Agadir ist vom Charme der Küstenmetropole nichts zu sehen. Wo andernorts Ferienhotels und breite Sandstrände Touristen anlocken, stapelt sich im abgehängten Vorort Ait Melloul Müll. Straßenverkäufer breiten an provisorischen Ständen Obst aus.
Zakaria verkauft auf 10 Quadratmetern in einer Boutique traditionelle Kleider und westliche Plagiatsmode. Mit umgerechnet 300 bis 400 Euro Lohn im Monat kommt der 25-jährige so gerade über die Runden.
Ich versuche möglichst viel Geld anzusparen, um dann auszuwandern.
Zakaria, Marokkaner aus Ait Melloul
Zakaria möchte sich um ein Visum bewerben. Nach seinem Jura-Bachelor hat er in der Region um Agadir keinen passenden Job gefunden. "Wenn ich nicht legal nach Europa einreisen kann, bin ich auch bereit, es auf irregulärem Weg zu probieren."
Migration wegen Perspektivlosigkeit in Marokko
Als sich Ende Juli 70.000 Personen auf den riskanten Weg nach Ceuta machten, hat Zakaria die massenhaften Grenzübertritte in die spanische Exklave in Nordafrika über die sozialen Netzwerke verfolgt. Etliche Menschen sind beim Fluchtversuch gestorben.
Viele junge Marokkaner und Marokkanerinnen sehen in ihrem Land keine Zukunftsperspektive. In einem Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist, der Mindestlohn umgerechnet bei rund 300 Euro liegt und die Kaufkraft zunehmend schwindet. Das Vertrauen, dass die Politik ihr Leben verbessert, haben sie verloren.
Die Regierung hat eine Million neue Jobs versprochen. Und sie wollten den Mindestlohn auf 500 Euro erhöhen. Bis heute sind das leere Versprechen.
Marouan Blaiha, Politikwissenschaftler Universität Agadir
Mehr als 70.000 Flüchtlinge hatten versucht, die spanische Exklave zu erreichen. Während viele bereits zurückgeschickt wurden, blieben viele Kinder und Jugendliche allein zurück.
07.08.2026 | 2:37 minJugend geht nicht wählen
Der Politologe rechnet mit einer geringen Wahlbeteiligung, gerade bei der jungen Generation. Diese mit geringem politischen Interesse gleichzusetzen, sei aber falsch. Die Jugend organisiere sich in Chatgruppen, tausche sich dort über Missstände in der Bildung und im Gesundheitswesen aus. So hat die Generation Z auch während der Straßenproteste im Herbst 2025 landesweit mobilisiert.
Ein Jahr später bleiben Demonstrationen vor der Parlamentswahl aus. Der Staat hat hart durchgegriffen. Laut marokkanischen Menschenrechtsorganisationen sind noch immer mehrere hundert junge Demonstrierende aus dem Protestherbst 2025 in Haft.
Während Marokko den Afrika-Cup ausrichtet, demonstriert die Gen Z gegen Prestigeprojekte und fordert unter anderem bessere Schulen. Was haben die Proteste bisher bewirkt?
14.01.2026 | 5:44 minRepression vor der Parlamentswahl
Vor wenigen Tagen wurden Mitglieder einer zur Wahl zugelassenen Oppositionspartei festgenommen. Sie hatten zum Boykott aufgerufen. Die bisherigen Regierungsparteien, die dem mächtigen König Mohammed VI. nahestehen, haben gute Chancen auch die neue Regierung zu bilden. Vier Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land investieren sie in neue Straßen, Stadien und Flughafenterminals. Die Wirtschaft boomt. Beim Großteil der Bevölkerung kommt aber wenig vom Wachstum an.
Comedian Abdelkarim und Autorin Sineb El Masrar über den WM-Erfolg von Marokkos Nationalteam und was er für die arabische Welt und die marokkanische Community in Europa bedeutet.
13.12.2022 | 30:58 minIn Tiznit, im strukturschwachen Süden machen Mohamed und Hamza nächstes Jahr ihr Abitur. Schon jetzt spielen sie mit dem Gedanken, sich für ein Studienvisum in Europa oder China zu bewerben.
Ich würde nicht nach Ceuta gehen. Dort kannst du ohne Papiere und Visum nicht studieren, nichts machen.
Mohamed, Marokkaner aus Tiznit
Eine irreguläre Flucht kommt für Mohamed nicht infrage. Seine Zukunft aber sieht er wie viele junge Marokkanerinnen und Marokkaner fernab der Heimat.
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