Schülerproteste in Frankreich:Soziologin: Proteste "Symbol einer verzweifelten Jugend"
Soziologin Agnès van Zanten sieht in den Schülerprotesten in Frankreich ein Symptom tieferer Krisen. Grund für Gewalt sei auch die Polizeireaktion - und eine "verzweifelte Jugend".
Nach den heftigen Protesten der letzten Wochen haben Schülerverbände eine landesweite Demonstration angekündigt. Ihre Forderungen werden auch von Lehrkräften und Gewerkschaften unterstützt.
06.10.2026 | 2:03 minBilder von brennenden Schulen und Festnahmen: Vor rund einer Woche begannen Schüler und Studenten in Frankreich für bessere Lernbedingungen und gegen die Sparpolitik der Regierung zu demonstrieren. Inzwischen protestieren landesweit auch Eltern, Lehrkräfte und Gewerkschaften. Im Interview spricht die Soziologin über die Beweggründe der Schüler, die Fehler der Polizei und die Handlungsoptionen der Regierung.
ZDFheute: Die Gelbwesten, Demonstrationen gegen die Rentenreform - Frankreich kennt Demonstrationen und Streiks, wie schätzen Sie das Ausmaß der Schüler- und Studierendenproteste ein?
Agnès van Zanten: Es stimmt, dass wir in Frankreich an Demonstrationen gewöhnt sind, sie kommen bei jungen Leuten ziemlich häufig vor. Diese Bewegung unterscheidet sich durch ihr Ausmaß und die nationale Reichweite. Außerdem wurde sie, anders als in Frankreich üblich, nicht durch eine Reform ausgelöst, sondern es handelt sich um eine allgemeine Frustration unter Schülern und Studierenden. Diese ist schwerer zu deuten und die Politik hat Schwierigkeiten, darauf zu reagieren.
Agnès van Zanten, geboren 1957, ist Bildungssoziologin und emeritierte Forschungsdirektorin der französischen Forschungsorganisation Centre National de la recherche scientifique (CNRS). Sie beschäftigt sich insbesondere mit den sozialen Ungleichheiten und Dynamiken im Bildungssystem, in Frankreich und im Ländervergleich. Van Zanten ist Ehrendoktorin der Universitäten Uppsala, Turku, Genf und Brüssel.
ZDFheute: Die Schüler sprechen von akutem Lehrermangel, zu langen Schultagen und schwer sanierungsbedürftigen Gebäuden - wie dramatisch ist die Situation in den Schulen tatsächlich?
van Zanten: Es handelt sich um ein Zusammenspiel verschiedener schulpolitischer Maßnahmen und großer Ungleichheiten zwischen den Schulen. Zunächst einmal gibt es allgemein gesehen eine sehr große Anzahl von Schülern, die derzeit in die Oberstufe kommen. Daher sind die Klassen in den Gymnasien sehr überfüllt. Gleichzeitig herrscht ohnehin großer Lehrermangel, es fehlt der Nachwuchs. Das führt dazu, dass es tatsächlich an Lehrkräften für alle Schüler mangelt.
Frankreich sei sehr hoch verschuldet, es gebe einen Verteilungskampf, so ZDF-Korrespondent Walde. Die Regierung gebe mehr Geld für ihre Schulden aus als für den Bildungsetat.
02.10.2026 | 13:15 minAußerdem kritisieren die Schüler eine Reform von 2018. Vorher war das französische System sehr homogen, mit drei verschiedenen Zweigen, die jedoch innerhalb jedes Zweigs recht einheitlich waren. Jetzt gibt es viel mehr Wahlfächer und Wahlmöglichkeiten. Man hat nicht vorausgesehen, wie das die Stundenpläne durcheinanderbringen würde. Das führt dazu, dass die Schüler oft von 8 Uhr bis 18 Uhr in der Schule bleiben müssen, allerdings viele Lücken im Stundenplan haben.
Und zudem wurde die Zuständigkeit für die Schulen vom Staat auf die Regionen übertragen. Diese sind aber nicht alle gleichermaßen in der Lage, sich um die Schulen, oftmals alt und renovierungsbedürftig, zu kümmern. Hier kommt es zu Ungleichheiten, die Schulen in den Vororten sind oftmals vernachlässigt.
Das alles wurde durch die Hitzewelle im Sommer verschlimmert. Interessant ist die Solidarität der Schüler der Stadtzentren mit denen in den Vororten, wo die Probleme ein anderes Ausmaß haben.
Die Schulproteste seien klar von denen linksextremer Gruppen zu trennen, sagt Politikwissenschaftler Ross. Auch sozial schwache, gewaltbereite Jugendliche mischten sich unter die Demonstranten.
02.10.2026 | 12:09 minZDFheute: Ausschreitungen bei Demonstrationen sind nicht ungewöhnlich, nun sehen wir viele gewaltsame Auseinandersetzungen mit Einsatzkräften, woher kommt diese Eskalation?
van Zanten: Etwas, was mich und viele Beobachter sehr schockiert hat und worüber heute in den Medien viel berichtet wird, war die zunächst repressive und polizeilich geprägte Reaktion. Die hat eine Dynamik der Gewalt ausgelöst. Die ist allerdings nicht überall verbreitet, es gibt viele Orte, an denen die Lage sehr friedlich ist.
Das Eingreifen der Polizei und bestimmter Polizeikräfte, die es nicht gewohnt sind, mit der Bevölkerung umzugehen, geschweige denn mit Jugendlichen, hat eine Dynamik ausgelöst, die sich kaum noch aufhalten lässt.
Agnès van Zanten, Soziologin
In dieser ersten Reaktion liegt also die größte Verantwortung. Doch das allgemeine Fehlen von Dialogen in Frankreich - im politischen und auch sozialen System - führt zu einer Haltung, sich erst einmal Gehör verschaffen zu müssen. Dahinter steht die Überzeugung, dass Verhandlungen in Frankreich nur dann stattfinden, wenn die Politiker große Angst haben - und sie haben große Angst, wenn die Bewegung an Fahrt gewinnt und die Gefahr besteht, dass es zu Ausschreitungen kommt.
Zudem ist es mittlerweile oft so, dass solche Momente unterwandert werden. Von den Black Blocks, Gruppen, die mit der Absicht kommen, zu zerstören. Auch dieses Mal.
In Frankreich demonstrieren Hunderttausende für bessere Bedingungen an Schulen und Universitäten. Erstmals beteiligen sich Gewerkschaften. Bei Ausschreitungen gab es Festnahmen und Verletzte.
07.10.2026 | 0:22 minZDFheute: Die Regierung hat kaum Handlungsspielraum, macht aber beispielsweise Vorschläge zum Dialog. Was kann man sich davon versprechen?
van Zanten: Die Regierung befindet sich in einer sehr schwierigen Lage, mit erheblicher Finanzkrise, die das Funktionieren der Institutionen stark belastet, und einer Regierung, deren Handlungsspielraum durch fehlende Mehrheiten stark eingeschränkt ist. Gleichzeitig wird es ohne konkrete Antworten auf die Forderungen weiterhin zu großer Unzufriedenheit kommen.
Es mangelt immer an Weitsicht, schon bei der Einführung neuer Reformen, was die Auswirkungen betrifft, wo sie an ihre Grenzen stoßen. Aber in den beiden Mandaten Emmanuel Macrons und auch schon während der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy wurde sich nicht um die Jugend gekümmert.
Es fehlt eine ganzheitliche Vision einer umfassenden Jugendpolitik, die nicht nur die Schule betrifft, sondern auch die berufliche Zukunft der neuen Generation. Daher ist die Regierung völlig ratlos. Das ist schrecklich, es ist gewissermaßen das Symbol einer verzweifelten Jugend und eines Landes ohne Zukunft.
Das Interview führte Carolin Auen, Reporterin im ZDF-Studio Paris.
Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr Nachrichten aus Frankreich
Blockaden, Proteste, Festnahmen:Die Wut der Schüler auf Frankreichs Straßen
von Susanne Freitag-Carteronmit Video1:56Auszeichnung für Geisterteilchen:Physik-Nobelpreis 2026 geht an Astrophysiker Francis Halzen
mit Video2:40Diebstahl-Serie in Frankreich:Wieder Einbruch in Museum: Mehrere Renoir-Gemälde gestohlen
mit Video0:22Frankreich schickt Militär ans Rote Meer:Macron: Werden wichtigen Ölhafen in Saudi-Arabien schützen
mit Video0:19