Machtwechsel nach Parlamentswahl:Serbien nach Vučić: Freude - und eine ungewisse Zukunft
von Michael Sommer
Jubel in Belgrad: Nach Jahren politischer Dominanz verliert Aleksandar Vučić gegen eine Studentenbewegung. Seine Niederlage erkennt er überraschend schnell an. Wie geht es weiter?
In Serbien hat die Studentenliste die Parlamentswahl gewonnen und Langzeitmachthaber Vucic eine herbe Niederlage zugefügt. Die Gespräche über einen Beitritt zur EU könnten nun vorankommen.
26.10.2026 | 1:54 minEs sind Szenen, die viele Serben wohl nicht mehr vergessen werden: Tausende Menschen feiern am Sonntagabend auf den Straßen von Belgrad. Autos fahren hupend durch die Hauptstadt, Menschen umarmen sich, manche weinen vor Freude, immer wieder hallt der Ruf "Pumpaj!" ("lasst nicht los!") - der Slogan der Studenten - durch die Straßen.
"Es ist noch immer schwer zu glauben. Es fühlt sich an wie ein Märchen. Aber wir hoffen, dass dies endlich das glückliche Ende einer Farce ist, in der wir 15 Jahre gelebt haben", sagt Katarina Jovanović.
Biljana fordert vor allem:
Neue Gesetze, Veränderungen, einen geordneten Staat, in dem das Gesetz für alle gleichermaßen gilt.
Biljana, Anhängerin der Studentenbewegung
Aleksandar Vucic hat bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Serbien seine Niederlage eingeräumt. "Ein schier übermächtiger Machthaber wurde besiegt", so ZDF-Korrespondent Michael Bewerunge.
26.10.2026 | 4:01 minVučić erkennt Niederlage überraschend schnell an
Dabei war die Anspannung vor der Wahl groß. Viele hatten befürchtet, Aleksandar Vučić werde seine Niederlage nicht akzeptieren. Doch dann ging alles überraschend schnell. "Es ist klar, dass wir diese Wahl verloren haben", erklärte der bisherige Machthaber noch am Wahlabend. Die Studentenliste habe gewonnen und werde zwischen 135 und 140 der insgesamt 250 Parlamentssitze erhalten.
Nach einer Hochrechnung der Nichtregierungsorganisation CeSID und dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos kommt die Studentenliste auf 140 Mandate, Vučićs Wahlbündnis auf 103. Die Wahlbeteiligung lag bei fast 70 Prozent. "Ich hätte niemals erwartet, dass er seine Niederlage eingesteht. Ich dachte, die Entscheidung würde auf der Straße fallen", sagt die junge Belgraderin Anđela.
Doch Vučić wäre nicht Vučić, würde er die Niederlage ohne Vorwürfe hinnehmen. Er sprach von einer Revolution, die mit direkter Unterstützung europäischer Länder und des US-amerikanischen "Deep State" zustande gekommen sei. Die Wahlsieger seien lediglich Handlanger fremder Interessen. Belege dafür nannte er nicht.
Vor einem Jahr stürzte die Bahnhofshalle im serbischen Novi Sad ein. Seitdem gibt es jeden Freitag Demos gegen Verantwortliche, denen Korruption und mangelhafte Bauaufsicht vorgeworfen wird.
31.10.2025 | 2:34 minVom Protest zur politischen Macht
Begonnen hatte die Bewegung mit einer Tragödie. Im November 2024 stürzte am Bahnhof von Novi Sad ein Vordach ein. 16 Menschen starben. Das Unglück wurde zum Symbol für Korruption und Vetternwirtschaft.
Studenten organisierten Demonstrationen, besetzten Universitäten und mobilisierten Hunderttausende. Aus einem Protest wurde eine landesweite Bewegung gegen das System Vučić. Und eine Partei entstand. Die Studentenliste, die nun gewonnen hat.
"Morgen beginnen wir damit, einen Rechtsstaat aufzubauen", erklärte Ilija Srdanović, Spitzenkandidat der Studentenliste. "Wir haben gezeigt, dass Veränderungen möglich sind, wenn der Wille dazu vorhanden ist.
Jetzt müssen wir beweisen, dass wir dieses Augenblicks würdig sind.
Ilija Srdanović, Spitzenkandidat der Studentenliste
"Students win" heißt die neue Partei, die Serbiens Ex-Präsident Vučić bei den nächsten Wahlen gefährlich wird. Sie kämpfen gegen Korruption und Amtsmissbrauch und für Bildungsreformen.
14.10.2026 | 6:42 minWer übernimmt jetzt die Regierung?
Doch auf den Wahlsieg folgt die vielleicht schwierigere Aufgabe. Wer wird Ministerpräsident? Wer übernimmt die wichtigsten Ministerien? Und wie geschlossen ist eine Bewegung, die Liberale, Konservative und Nationalisten vereint?
Die Studentenliste verspricht unabhängige Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und einen entschlossenen Kampf gegen Korruption. Außenpolitisch sind ihre Positionen bislang weniger eindeutig.
Hinzu kommt: Die bisherige Regierungspartei SNS hat über Jahre ein weitverzweigtes Netzwerk in Verwaltung, Wirtschaft und staatlichen Institutionen aufgebaut. Ihr Einfluss wird nicht mit einer verlorenen Wahl verschwinden.
Serbien wählt ein neues Parlament. Nach fast zwei Jahren Protest fordert die Studentenbewegung Vučić erstmals ernsthaft heraus. Wie groß ist ihre Chance? ZDFheute live analysiert.
25.10.2026 | 28:06 minNeue Chance für die EU am Balkan?
Besonders aufmerksam wird der Machtwechsel in Brüssel verfolgt. Seit 2012 ist Serbien EU-Beitrittskandidat, doch die Verhandlungen stagnieren seit Jahren. Eine neue Regierung könnte dem Land eine europäische Perspektive eröffnen.
Allerdings bedeutet der Wahlsieg der Studenten nicht automatisch eine Abkehr von Russland. Serbien ist bei seiner Gasversorgung stark von russischen Lieferungen abhängig. Moskau bleibt zudem ein wichtiger Verbündeter in der Kosovo-Frage. Die Unabhängigkeit der ehemaligen serbischen Provinz erkennt Belgrad bis heute nicht an.
Vučić hatte jahrelang versucht, zwischen Brüssel, Moskau und Peking zu balancieren. Ob die neue Regierung diesen Kurs fortsetzt oder sich stärker nach Westen orientiert, ist offen.
Die Erwartungen sind jedenfalls gewaltig. "Werden wir morgen endlich wieder frei atmen können?", fragt die Belgraderin Sakina Dragović unter Tränen.
Die Studentenbewegung hat geschafft, was lange unmöglich schien: Vučić an der Wahlurne zu besiegen. Jetzt muss sie beweisen, dass sie Serbien auch regieren und verändern kann.
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