Netanjahu bedroht? Experte schätzt Knesset-Wahl ein

Interview

Experte über Knesset-Wahl:Kommt der Machtwechsel in Israel?

|

Während sich die Krisen häufen, wählt Israel ein neues Parlament. Experte Jan Busse erklärt, weshalb Netanjahu eine Niederlage fürchtet.

Bilder der Experten im ZDF-Studio

Die Wahl in Israel sei ein enges Rennen zwischen Netanjahu und Herausforderer Eisenkot, so ZDF-Korrespondent Reichart. Laut Nahost-Experte Busse werden auch die arabischen Parteien entscheidend.

23.10.2026 | 16:41 min

Gaza-Krieg, der Konflikt mit Iran - und nun auch eine Eskalation im Westjordanland: Inmitten multipler Krisen wählt Israel ein neues Parlament. Nach dem Tod zweier israelischer Soldaten im besetzten Westjordanland kündigte Premierminister Benjamin Netanjahu eine Abriegelung des Gebiets an. Ein klares Kalkül, vermutet Nahostexperte Jan Busse: Mitten im Wahlkampf wolle Netanjahu bei der Bevölkerung punkten.

Dem israelischen Premier droht bei der Wahl am 27. Oktober eine Niederlage. Umfragen sahen zuletzt das Lager rund um Herausforderer Gadi Eisenkot vorne. Doch welche Optionen hat Eisenkot - und was würde sich für die Palästinenser mit ihm ändern?

Sehen Sie das ganze Interview oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen.

Experte: Das könnte sich unter Eisenkot ändern

Auch unter Netanjahus Herausforderer Gadi Eisenkot würde die Besetzung des Westjordanlandes weitergehen, glaubt Experte Busse. In der israelischen Gesellschaft werde zwischen vermeintlich "legalen" und "illegalen" Siedlungen unterschieden. Gegen diese "illegalen" Siedler würde Eisenkot vermutlich vorgehen, da er sie für ein Sicherheitsrisiko halte.

Dabei falle in der aktuellen israelischen Debatte immer wieder das Wort des "Siedlerterrorismus", erklärt Experte Busse. Die Anzahl der israelischen Siedler im Westjordanland sei auf einem historischen Höchststand.

Wir haben eine massive Eskalation der Gewalt durch die militanten Siedler.

Jan Busse, Universität der Bundeswehr München

Die Regierung Benjamin Netanjahus toleriere die Übergriffe - und rühme sich gleichzeitig damit, einen palästinensischen Staat unmöglich zu machen. Zum Gesamtbild gehöre allerdings dazu, dass große Teile der israelischen Gesellschaft die Situation akzeptierten, erklärt Busse.

Israelische Soldaten versammeln sich am Ort eines Schussangriffs, den palästinensische Bewaffnete an einer Kreuzung in der Nähe von Hebron im besetzten Westjordanland verübt haben.

Kurz vor den israelischen Parlamentswahlen droht im Westjordanland eine neue Eskalation. Als Reaktion auf einen Angriff plant Israel anscheinend die komplette Abriegelung des Gebiets.

23.10.2026 | 1:42 min

Unter Eisenkot würde sich das Leben der Palästinenser nicht schlagartig verbessern - sondern eher "nicht mehr ganz so unerträglich" werden.

Das ist natürlich völlig unzureichend, aber in der aktuellen Situation besser als nichts.

Jan Busse, Universität der Bundeswehr München

daniel-gerlach

Die Abriegelung des Westjordanlands ist eine "extreme Einschränkung der Lebensqualität der Palästinenser und zeigt, dass die israelische Seite extrem nervös ist", so Nahost-Experte Daniel Gerlach.

23.10.2026 | 4:18 min

Diese Machtoptionen hat Gadi Eisenkot

Aktuelle Umfragen sehen Eisenkots Lager bei 53 Sitzen in der Knesset, Amtsinhaber Netanjahu läge mit 50 Sitzen knapp dahinter. Eine Mehrheit in dem 120-köpfigen Parlament verfehlen jedoch beide. Dadurch könnten die arabischen Parteien zum Zünglein an der Waage werden, so Busse.

Rund 20 Prozent der Wahlberechtigten seien arabische Israelis, allerdings schließen beide großen Lager eine Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien aus. Das zeige einen Stimmungswandel unter den jüdischen Israelis, meint Busse - immerhin hätte noch 2020 eine arabische Partei die damalige Minderheitsregierung im Parlament gestützt.

Bilder der Experten im ZDF-Studio

Seit Monaten herrsche enorme Spannung im Westjordanland. Die Gewalt erreiche eine neue Qualität, oft provoziert von radikalen Siedlern, so die ZDF-Korrespondenten Eigendorf und Reichart.

23.10.2026 | 11:28 min

Auch für Eisenkot sei das eine Machtoption, so Busse, allerdings verstecke sich dahinter ein Risiko. Denn auch er lehnte zuletzt immer wieder eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien ab. Breche er dieses Versprechen, könnten andere Parteien aus seinem Lager abspringen.

Bekommt Israel eine große Koalition?

Denkbar sei auch eine Zusammenarbeit mit den orthodoxen Parteien. Bislang sei dies jedoch ausgeschlossen, da sie sich für umstrittene Ausnahmeregelungen für orthodoxe Juden beim Wehrdienst einsetzten.

Und dann gäbe es noch die Option einer großen Koalition - kein Netanjahu oder Eisenkot, sondern ein Netanjahu und Eisenkot. Im Falle eines unklaren Wahlergebnisses werde derzeit auch eine Zusammenarbeit der beiden Lager diskutiert, so Busse. Doch gerade die jüngsten Entwicklungen im Wahlkampf machten ein solches Szenario unwahrscheinlich.

gaza-einmarsch

Am Dienstag wählt Israel – am dritten Jahrestag des Einmarschs in Gaza. Die Versorgungslage dort bleibt dramatisch. Laut Hilfsorganisationen wurden in den vergangenen drei Jahren 1,7 Millionen Menschen vertrieben.

23.10.2026 | 2:29 min

Aufregung um mittlerweile gelöschtes KI-Video

So sorgte im Wahlkampf ein inzwischen gelöschtes KI-Video für Aufsehen, das Benjamin Netanjahu auf X gepostet hatte. Der Clip zeigt seinen Kontrahenten, der mit offenen Armen auf den eigenen Sohn zuläuft, der im Gaza-Krieg als Soldat verstorben ist. In letzter Sekunde dreht sich Eisenkot jedoch von seinem toten Sohn ab und läuft dem Vertreter einer arabischen Partei entgegen.

"Dieses Video ist natürlich hochgradig problematisch", so Experte Busse. Die Trauer von Eisenkot werde instrumentalisiert und verteufele zugleich die arabischen Parteien. Doch das Fake-Video unterstreiche auch, wie verzweifelt sich Netanjahu vor einer Niederlage am 27. Oktober sorge.

Netanjahu

Inmitten geopolitischer Konflikte und Gewalt im Westjordanland will die Regierung Netanjahu bei den anstehenden Parlamentswahlen die Macht behalten. Die Analyse bei ZDFheute live.

23.10.2026 | 39:24 min

Über dieses Thema berichtete ZDFheute live am 23.10.2026 ab 19:30 Uhr.

Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen

Jetzt aktivierenMehr erfahren

Mehr zu Israel

  1. Nahostkonflikt - Libanon

    Israel gegen Hisbollah in Dauerkonflikt:"Der Krieg ist nicht zu Ende": Leben im Südlibanon

    von Jenifer Girke
    mit Video6:30

  2. Regierungsgegner halten um 6:29 Uhr morgens eine Schweigeminute für die Opfer der von der Hamas angeführten Angriffe vom 7. Oktober ab; dabei halten sie ein großes Transparent mit der Aufschrift „Das Volk wird sich an seine Söhne und Töchter erinnern“ und blockieren eine Hauptverkehrsstraße in Tel Aviv

    Mögliche Fehler der Regierung:Hamas-Massaker: Israelis fordern staatliche Untersuchung

    mit Video2:09

  3. US-Präsident Donald Trump (r.) begrüßt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu (l.) bei dessen Ankunft in Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Palm Beach, Florida. (Archiv)
    Analyse

    Drei Jahre Krieg in Gaza:Unter Druck, nicht zerbrochen: Die US-Beziehung zu Israel

    Katharina Schuster, Washington D.C.

  4. Teilnehmer zeigen die Fahne Israels bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel auf dem Bebelplatz.