Russische Deserteure berichten:Wie die russische Armee ihre eigenen Soldaten tötet
von Sebastian Ehm
Folter, Erniedrigung und Mord gegen die eigenen Soldaten. Es werden immer mehr Verbrechen in der russischen Armee bekannt. In einer BBC-Doku sprechen jetzt einige über das Grauen.
Mit Folter, Erniedrigung und Mord zwingt die russische Armee ihre eigenen Leute, den verlustreichen Kampf in der Ukraine zu kämpfen. Das berichtet eine BBC-Doku über einen geflohenen Deserteur.
01.04.2026 | 2:00 minDas russische Verteidigungsministerium präsentiert in seinem eigenen Fernsehsender stolz, wie die Rekrutierung neuerdings abläuft. Nämlich vollelektronisch und automatisiert. Die russische Armee, ein moderner Arbeitgeber, so die Botschaft.
Russlands Werbung für Wehrdienst
Zu Wort kommt ein junger Mann namens Artjom, der den Dienst an der Waffe als Familientradition präsentiert. Sein Vater und sein Großvater seien bereits in der Armee gewesen. Seine Familie diene im Prinzip seit Generationen. Genau das ist das Ziel dieser Beiträge. Zu zeigen, dass der Wehrdienst und der Kampf für das Vaterland zum russischen Leben dazugehören. Jeder muss seinen Beitrag leisten.
Das russische Verteidigungsministerium wirbt im ganzen Land und auf allen Kanälen um Nachwuchs. Martialisch produzierte Propaganda-Videos rufen junge Russen dazu auf, zur Armee zu kommen. Jeder, so die Botschaft, könne zum Krieger, ja sogar zum Helden, werden und Großes schaffen. Doch die Glitzerwelt der Werbevideos ist nicht die Realität. Die sieht anders aus.
Hunderte Beschwerde-Briefe russischer Bürger sind durch eine IT-Panne an die Öffentlichkeit gelangt. Sie offenbaren den brutalen Umgang der russischen Armee mit ihren Soldaten.
28.01.2026 | 6:32 minDesertierte Soldaten in BBC-Doku
Nur selten sprechen desertierte russische Soldaten mit Journalisten. Jetzt zeigt die BBC-Dokumentation "The Zero Line", wie brutal die russische Armee wirklich ist. Sie berichten von schweren Misshandlungen, Folter und vielfachem Mord durch ihre eigenen Vorgesetzten.
"Dein Schicksal hing vom Kommandeur ab," sagt einer. "Er ist am Funkgerät und sagte: Erschieß den, erschieß den auch." Der in der Doku namenlose Soldat beschreibt auch, wie ihn seine Vorgesetzten regelmäßig erniedrigt hätten. "Sie benutzten mich als Toilette. Der Kommandeur sagte allen: 'Wer auf Toilette muss: Wir haben eine neue Toilette hier.'"
Dieser ehemalige Soldat war früher Lehrer für autistische Kinder im Ural. Er wurde gegen seinen Willen rekrutiert. Seine Grundausbildung hatte er 2024 mit 78 anderen Eingezogenen. Alle seien mittlerweile ums Leben gekommen, sagt er. Er sollte schließlich an einem Angriff teilnehmen, der ihn höchstwahrscheinlich das Leben gekostet hätte. Doch er konnte fliehen.
Die BBC-Doku "The Zero Line" kontrastiert russische Propaganda mit der Realität an der Front. Sie erzählt vom propagierten Heldenstatus, Gewalt gegen eigene Soldaten und hohe Verluste an der Front.
01.04.2026 | 2:38 minMisshandlung ist gängige Praxis
Der Angriffskrieg ist für Russland enorm verlustreich. Die Ukraine spricht von rund 30.000 toten oder schwer verletzten gegnerischen Soldaten pro Monat. Russen nennen die Front umgangssprachlich Fleischwolf. Und wer einen Befehl verweigert, ist in Lebensgefahr.
Grigori Swerdlin arbeitet aus dem Exil seit Jahren mit russischen Soldaten zusammen. Seine Organisation hilft Männern, aus der Armee zu entkommen.
Das sind ganz sicher keine Einzelfälle. Das wird keineswegs von der höheren Führung verfolgt, im Gegenteil - es wird eher gefördert. Es ist ein Ansatz nach dem Motto: "Schlag die Deinen, damit die Fremden Angst haben."
Grigori Swerdlin, Menschenrechtler
In der russischen Armee ist der Begriff "Dedowschtschina" berüchtigt. Es ist der Überbegriff für die Misshandlung von Rekruten. In der russischen Armee seit Jahrzehnten gängige Praxis, um Neulinge auf Linie zu bringen. Doch im Ukraine-Krieg hat diese Gewalt ein neues Level erreicht.
Junge Männer aus Kenia werden mit Job-Versprechen nach Russland gelockt - angeblich als Fahrer mit gutem Verdienst. In Wirklichkeit landen sie an der ukrainischen Front.
09.02.2026 | 3:28 minVideos von Erniedrigungen auf Telegram
Auf Telegram gibt es Dutzende Videos von Erniedrigungen. Soldaten, denen Befehlsverweigerung vorgeworfen wird, werden im Winter über Stunden an Bäume gefesselt. Es gibt Berichte von Geld-Erpressungen. Kommandeure sollen sich den Sold ihrer Untergebenen erpressen.
Brutalität gegen die eigenen Soldaten gibt es seit langem in der russischen Armee. Vor allem im Zweiten Weltkrieg griff Stalin zu drastischen Mitteln, um den Rückzug der Roten Armee zu stoppen. Er gab den legendären Befehl 227: "Nicht einen Schritt zurück."
Das hieß in der Praxis: Jeder Rotarmist, der fliehen wollte, wurde von den eigenen hinter der Front operierenden Männern erschossen.
Meiner Meinung nach ist das leider eine russische Tradition - mangelnder Respekt vor menschlichem Leben und menschlicher Würde. Leider hat die russische Armee fast immer so gekämpft.
Grigori Swerdlin, Menschenrechtler
Russland verliert in der Ukraine jeden Monat Tausende junge Männer an der Front und auch von den Neu-Rekrutierten werden viele in diesen Krieg ziehen und von dort nicht zurückkommen. Getötet vom Gegner oder von den eigenen Soldaten.
Sebastian Ehm berichtet als Korrespondent über Russland, Zentralasien und den Kaukasus.
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