Unterstützer setzen auf Öffentlichkeit :Iran: Fotograf in akuter Gefahr?
von Christian Semm
Seit Beginn des Kriegs in Iran verschärft sich die Menschenrechtslage. Der Kunstfotograf Navid Irani befindet sich in Haft; seine Unterstützer fürchten um sein Leben.
Tausende politische Gefangene sitzen noch in iranischen Gefängnissen. Auch der Fotograf Navid Irani, dessen Geschichte das ZDF schon länger beobachtet.
02.10.2026 | 2:25 minSeine Arbeit als Kunstfotograf hat Navid Irani das Tor zur Welt geöffnet und ihn in viele Länder geführt: nach Tansania, in die Türkei, in den Libanon und nach Südafrika. Auf seiner Facebook-Seite sind noch einige seiner Aufnahmen zu sehen. Menschen und die Geschichten hinter ihren Gesichtern, ihre Persönlichkeiten und ihr Leben haben Navid Irani schon immer fasziniert. Seine Bilder waren in Ausstellungen, Büchern und Werbung zu sehen.
Seine Arbeit findet ein abruptes Ende, als er am 16. Januar 2026 in seiner Heimatstadt Maschhad zu Hause von Sicherheitskräften festgenommen wird. Das ZDF beobachtet seinen Fall schon länger.
"Die Versorgungslage ist auch katastrophal" und die Menschen müssten "schauen, dass sie da überleben", sagt Hans-Udo Muzel, Deutscher Botschafter a.D., unter anderem im Iran und Katar.
02.10.2026 | 5:55 minFestnahme während der Januarproteste
Seine Festnahme fällt in die Zeit landesweiter Proteste und einer massiven Repressionswelle. Warum genau die Behörden ihn festnahmen, ist nicht abschließend geklärt. Im Januar 2026 kommt es in Iran zu landesweiten Demonstrationen, die als "Januarproteste" bekannt werden. Das Regime kappt nahezu das gesamte Internet und die Telefonverbindungen. Die Revolutionsgarde schießt mit scharfer Munition in Menschenmengen.
Erst Wochen später zeigen aus dem Land geschmuggelte Handyaufnahmen das Ausmaß. Die Schätzungen zur Zahl der Getöteten reichen von 5.000 bis 30.000. Die Menschenrechtsorganisation HRANA sprach von mehr als 7.000 bestätigten Todesopfern. Gleichzeitig werden nach Regierungsangaben mehr als 6.000 Menschen festgenommen; unabhängige Nichtregierungsorganisationen sprechen von mehr als 10.000. Einer von ihnen ist Navid Irani.
Bei seiner Festnahme wird auch seine Fotoausrüstung beschlagnahmt. Navid Irani sitzt im Vakilabad-Gefängnis in Maschhad in Untersuchungshaft; sein Leben könnte in Gefahr sein.
Immer mehr Videos aus Iran dringen an die Öffentlichkeit, die die Brutalität der Sicherheitskräfte zeigen. Augenzeugen und Experten sprechen von Massakern an Protestierenden.
26.01.2026 | 3:06 minSorge um Navid Irani im Gefängnis
Die deutsch-iranische Filmemacherin Niloufar Taghizadeh kennt Navid Irani seit vielen Jahren und hat mit ihm als Kunstfotograf an einem gemeinsamen Buchprojekt gearbeitet.
Ich weiß, dass in diesem Gefängnis, in dem auch Navid sitzt, regelmäßig Folter und psychische Gewalt ausgeübt werden. Es sind dort auch sehr viele sehr junge Menschen inhaftiert, und es passieren regelmäßig Hinrichtungen.
Niloufar Taghizadeh, Filmemacherin
Navid Irani gehört der religiösen Minderheit der Bahá’í an. Die Gläubigen werden in Iran seit Jahrzehnten systematisch unterdrückt und in ihren Grundrechten eingeschränkt. Seine Unterstützer sind der Ansicht, dass es Navid Irani wohl auch so ergangen sei. Wegen seines Glaubens habe man ihn in Iran daran gehindert, seine Arbeiten als Fotograf in Ausstellungen zu zeigen. Außerdem sei er dauerhaftem Druck und der Diskriminierung durch die Behörden ausgesetzt gewesen.
Auslöser waren die akute Wirtschaftskrise, der Verfall der Landeswährung, die steigende Inflation und extrem hohe Lebenshaltungskosten. Die Proteste begannen am 28. Dezember 2025. Die intensivste Phase war wohl um den 8. und 9. Januar 2026. Die Straßendemonstrationen wurden vom Regime brutal niedergeschlagen. Bilder gingen um die Welt, obwohl das Internet wochenlang vollständig gesperrt war. Einige Aufnahmen wurden zu Symbolen des Widerstands.
Die Proteste weiteten sich auf mehr als 50 Städte aus und entwickelten sich zu einer politischen Bewegung. Demonstrierende forderten grundlegende Freiheiten, ein Ende der Unterdrückung und teils den Sturz der Islamischen Republik und des Mullah-Regimes. Donald Trump drohte mehrfach mit einem Eingreifen der USA, sollten friedliche Demonstrierende getötet werden. Nach Angaben der iranischen Behörden kamen bei den Protesten im Januar mehr als 3.000 Menschen ums Leben. Die Menschenrechtsorganisation HRANA sprach von mehr als 7.000 bestätigten Todesopfern.
Ab dem 12. Januar wurden die Straßendemonstrationen vom Regime brutal niedergeschlagen.
Die Bahá’í sind Angehörige einer Universalreligion, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Iran entstand. Weltweit gibt es rund fünf bis acht Millionen Gläubige. Ihre Glaubenslehre ist monotheistisch: Sie glauben an einen einzigen Gott, der die Menschen aus Liebe geschaffen hat. Zur Lehre gehören außerdem die Einheit der Religionen und die Einheit der Menschheit. Persönlichkeiten wie Abraham, Krishna, Buddha, Zarathustra, Moses, Jesus und Mohammed gelten als gleichwertige Gesandte Gottes; jede Religion baut demnach auf der vorherigen auf. Die Bahá’í treten für die Überwindung von Vorurteilen wie Rassismus und Nationalismus, die vollständige Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie für den Weltfrieden ein.
Das iranische Regime betrachtet Bahá’í als Abtrünnige und Ketzer und stuft ihre Gemeinschaft als politisch subversive Sekte ein.
Inhaftierten Bahá’í werden häufig ähnliche Delikte zur Last gelegt; pauschal werden sie etwa als Randalierer oder Spione bezeichnet. Im Umfeld der Proteste wurden zahlreiche Bahá’í gezielt festgenommen.
Nach Angaben unabhängiger Menschenrechtsorganisationen tauchen in Anklagen und Urteilen immer wieder Vorwürfe auf wie "Kriegsführung gegen Gott", "Propaganda gegen das Regime" oder "Spionage". Die formulierten Vorwürfe beziehen sich meist nicht ausdrücklich auf die Religionszugehörigkeit der Bahá’í. Stattdessen werden andere Tatbestände angeführt: "Propaganda gegen das Regime" wegen der Ausübung ihres Glaubens, "Gründung oder Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppe oder Vereinigung" mit Blick auf Gemeindeorganisationen und religiöse Stätten sowie "Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" durch die Teilnahme an Versammlungen.
Die Todesstrafe droht, wenn das Regime Vorwürfe erhebt, die die nationale Sicherheit oder das islamische Strafrecht betreffen.
Zu den Vorwürfen zählen Spionage und die Zusammenarbeit mit feindlichen Staaten wie Israel. Das geistige Zentrum der Bahá’í befindet sich aus historischen Gründen in Haifa in Israel. Das Regime nimmt dies zum Anlass, Angehörige der Religionsgemeinschaft pauschal als "Spione des zionistischen Staates" zu bezeichnen.
Mindestens 31 Personen sollen laut Iran Human Rights im Zusammenhang mit den Januarprotesten hingerichtet worden sein. Zwischen einer Festnahme im Januar und der Vollstreckung eines Urteils liegen oftmals nur wenige Monate. Zuletzt wurden laut Iran Human Rights (IHRNGO) am 30. September 2026 Ali Hemmati Sistani und Madjid Nikandisch in Maschhad gehängt. Laut Amnesty International sind aktuell mehr als 60 Menschen unmittelbar von einer Hinrichtung bedroht.
Narges Mohammadi setzt sich für die Menschenrechte im Iran ein - 2023 erhält sie den Friedensnobelpreis. In der Haft schreibt sie ein Buch über ihr Leben und die Zustände im Iran.
28.09.2026 | 3:00 minSeit Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe auf Iran im Februar 2026 habe sich die Lage für die Menschen in Iran, die im Visier des Regimes stehen, noch einmal verschärft - vor allem für die Bahá’í, erzählt Mariam Claren von der Menschenrechtsorganisation HAWAR.help im ZDF-Interview.
Im Fall von Navid glauben wir, dass der primäre Faktor seiner Verhaftung seine Tätigkeit als Fotograf ist. Aber es ist ganz wichtig: Dass er der Gruppe der Baha'i angehört, spielt dem Regime weiterhin auch mit in die Karten.
Mariam Claren, HAWAR.help
In Iran gehen die Menschen seit Wochen auf die Straße. Erst gegen die hohen Preise, weiteten sich die Demonstrationen zu Protesten gegen das Regime aus. Und das schlägt mit aller Härte zurück.
14.01.2026 | 6:40 minUnterstützer setzen auf Öffentlichkeit
HAWAR.help und andere Menschenrechtsgruppen setzen sich für die Freilassung Tausender Gefangener ein, darunter Navid Irani. Mariam Claren weiß, wovon sie spricht: Vier Jahre lang war ihre Mutter Nahid Taghavi in Iran inhaftiert. Claren ist überzeugt, dass unermüdlicher, lautstarker Protest aus Politik und Zivilgesellschaft Wirkung zeigen kann - so wie im Fall ihrer Mutter.
"Meine Mutter ist seit Januar 2025 wieder gesund zurück in Deutschland. Trotzdem sehe ich es als meine Aufgabe an, andere Familien, Freunde und Bekannte, denen dasselbe widerfährt, wie mir widerfahren ist, zu unterstützen. Und dabei gibt es eine goldene Regel: Öffentlichkeit schützt den Gefangenen", sagt sie.
Im besten Fall, und da haben wir noch und nöcher Fälle, wird der Fall von der Islamischen Republik Iran ernst genommen. Sie sehen, dass die internationale Gemeinschaft darauf achtet. Und für den Gefangenen selbst bedeutet das, nicht vergessen worden zu sein.
Mariam Claren, HAWAR.help
Dass Navid Irani nicht vergessen wird, dafür will auch der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen sorgen. Er begleitet den Fall und fordert die Freilassung des Fotografen: "Navid Irani sitzt im Gefängnis. Ihm wird der Prozess gemacht und es droht eine schwere Strafe."
Er hat aber nichts gemacht und dieses brutale Unrecht, das ihm schon widerfahren ist und das ihm droht, das soll jedenfalls nicht im Dunkeln und unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen. Das ist unter anderem das, was wir tun können.
Norbert Röttgen, CDU-Außenpolitiker
Gerichtstermin in den kommenden Tagen erwartet
Navid Irani ist einer von tausenden politischen Gefangenen in iranischen Gefängnissen. Nach ZDF-Informationen soll er in den kommenden Tagen in Maschhad vor Gericht gestellt werden. Seine Unterstützer befürchten eine schwere Strafe; sie fürchten um sein Leben.
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