Nigel Farage kandidiert erneut: Für "Mr. Brexit" geht es um viel

Entscheidende Wahl für Nigel Farage:Scheitert "Mr. Brexit" an "Graf Mülleimergesicht"?

von Julia Schulze, London

|

Anfang Juli legte der Vorsitzende der Partei Reform UK, Nigel Farage, sein Parlamentsmandat nieder. Nach einer Spendenaffäre war er in die Kritik geraten. Nun tritt er erneut an.

Der britische Comedian Count Binface beim Wahlkampf in London

Nigel Farage legte zuletzt sein Mandat nieder, um sich in Clacton-on-Sea neu ins britische Unterhaus wählen zu lassen. Sein bekanntester Gegner im Wahlkampf: ein Comedian im Mülleimer-Kostüm.

12.08.2026 | 6:14 min

Nachdem die Zeitung "The Guardian" im April eine Zuwendung des Krypto-Milliardärs Christopher Harborne in Höhe von fünf Millionen Pfund an den britischen Rechtspopulisten offengelegt hatte, sah Nigel Farage sich mit Vorwürfen konfrontiert.

Rücktritt nach Berichten über Millionenspende

Harborne unterstützte auch die rechtspopulistische Reform UK mit rund 25 Millionen Pfund (29,24 Millionen Euro). Die umgerechnet 5,86 Millionen Euro wiederum hatte Farage kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten erhalten und nicht als Spende deklariert.

Er selbst sieht sich zwar als Opfer einer Hetzkampagne, die von Medien und politischen Gegnern ausgehe. Dennoch verkündete er, dass er sein Mandat niederlege, wohl auch, weil der Druck in den eigenen Reihen gewachsen ist. Wie Farage das Geld verwendete, dazu will er sich nicht rechtfertigen. In einem Interview mit der BBC sagte er:

Das geht Sie gar nichts an!

Nigel Farage, Vorsitzender von Reform UK

Unverzüglich nach dem Rücktritt kündigte Farage dann an, bei der Nachwahl erneut anzutreten, um sein Mandat wiederzugewinnen.

Mr. Brexit gibt sich als Heilsbringer für die Rettung Großbritanniens

Nigel Farage stand schon auf dem Abstellgleis, war Gast im Dschungel-Camp, ein politischer Außenseiter. Heute rechnet er sich sogar Chancen aus, Regierungschef zu werden. Was ist passiert?

07.11.2025 | 14:59 min

Clacton als idealer Schauplatz?

2024 konnte die rechtspopulistische Partei Reform UK bei den landesweiten Parlamentswahlen zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Damals gewann sie fünf Sitze, einen davon erhielt ihr Vorsitzender Nigel Farage. Nun erhofft er sich in seinem Wahlkreis Clacton im Südosten Englands erneut Rückenwind. Rund 80.000 Menschen sind wahlberechtigt.

Ich habe entschieden, dass die Menschen in Clacton-on-Sea die Richter meines Handelns sein sollen.

Nigel Farage, Vorsitzender von Reform UK

Siebenmal hatte er sich im Laufe seiner Karriere erfolglos als Abgeordneter aufstellen lassen. Erst die Wähler Clactons brachten ihm bei den Parlamentswahlen 2024 die nötigen Stimmen.

Auch dieses Mal soll die Stadt ihm Rückendeckung bieten. Clacton gilt als Hochburg EU-skeptischer Wähler. Etwa 70 Prozent stimmten vor zehn Jahren beim Brexit-Referendum für den Austritt aus der EU.

Nigel Farage

Der Chef der britischen Rechtspopulisten, Nigel Farage, legte sein Parlamentsmandat aufgrund eines umstrittenen Geldgeschenks nieder.

07.07.2026 | 0:35 min

Nachwahl ohne große Parteien

Der wegen seines langjährigen Einsatzes für den Brexit oft als "Mr. Brexit" bezeichnete Politiker kann sich gute Chancen auf einen Wahlsieg ausrechnen.

Zwar treten insgesamt 34 Kandidaten an. Die großen Parteien aber, unter anderem auch die Regierungspartei Labour, verzichten darauf, einen Kandidaten aufzustellen. Sie sehen die Nachwahl als politischen Stunt - also als Trick - an. Oppositionsführerin Kemi Badenoch von der Konservativen Partei erklärte, die Tories würden sich nicht an "der Scheinnachwahl, die Nigel Farage inszeniert, um die Menschen davon abzulenken, was gerade passiert", beteiligen.

Die laufenden Ermittlungen der Parlamentskommission gegen Farage sind durch seinen Rücktritt vorläufig auf Eis gelegt. Fortgesetzt würden sie jedoch, sollte Farage erneut ins Parlament einziehen. Im extremsten Fall könnten sie zu seinem Ausschluss aus dem Unterhaus führen.

Fotomontage: Der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson mit blauem Helm hängt an einem Seil über dem Ärmelkanal und hält britische Flaggen in den Händen, daneben ein das gelbe auslandsjournal-Logo

Mit Lügen, Feindbildern und radikalen Ideen haben die Populisten die Briten vom Brexit überzeugt. Die Bilanz: düster.

30.01.2024 | 12:33 min

Kurioser Konkurrent für Farage

Es scheint, als sei der in England bekannte Comedian "Graf Mülleimergesicht" (Count Binface) Farages größter Gegner. Der Name dieser politischen Kunstfigur ist wörtlich zu verstehen, verkörpert wird sie vom Londoner Komiker Jon Harvey. Einige der zwanzig Vorschläge von Count Binface sind ein Referendum über die Wiedereinstufung Plutos als Planet oder die Finanzierung von Solarzellen für alle durch Öl- und Gasfirmen.

Andy Burnham, mittlerweile britischer Premier, sagte am Rande einer Veranstaltung Anfang Juli:

Count Binface, Sie tragen die Hoffnungen der Nation. Enttäuschen Sie uns nicht.

Andy Burnham, Premierminister von Großbritannien

Politische Bewährungsprobe

Diesen Donnerstag dürften sich im Vereinigten Königreich alle Augen auf Nigel Farage richten. Die Nachwahl wird zeigen, ob die Wähler ihm erneut das Vertrauen aussprechen. Es könnten sich auch sämtliche Kritiker gegen ihn stellen - und etwa geschlossen für Count Binface stimmen.

Für Nigel Farage, den Politiker, der sich Chancen auf das Amt des britischen Premierministers ausrechnet, steht dabei viel auf dem Spiel.

Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.


Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 12.08.2026 ab 22:15 Uhr.

Weitere Nachrichten aus Großbritannien

  1. Nach dem Tod von Brexit-Politikerin Ann Widdecombe: Ermittlungen in ihrem Zuhause in der Grafschaft Devon

    Mutmaßlicher Mord an Brexit-Politikerin:Fall Ann Widdecombe: Erneut Verdächtiger festgenommen

    mit Video0:46

  2. Porträt von Andy Burnham.

    Debatte um Labour-Führung:Hat Andy Burnham eine neue Vision für Großbritannien?

    von Sonja Dawson
    mit Video1:38

  3. EU-Flaggen wehen auf einer Brexit-Demo in London. Im Hintergrund sieht man den "Big Ben".

    Zehn Jahre nach der Abstimmung:Wie Großbritannien mit dem Brexit lebt - und leidet

    Sonja Dawson, London
    mit Video1:39

  4. Katherina Reiche und Peter Kyle

    Gemeinsame Reserven geplant:Seltene Erden: Großbritannien und Deutschland kooperieren

    mit Video0:42