Andy Burnham: Mit "Manchesterism" an die Spitze Großbritanniens

Debatte um Labour-Führung:Hat Andy Burnham eine neue Vision für Großbritannien?

von Sonja Dawson

|

Andy Burnham, bisher Bürgermeister Manchesters, gilt als möglicher nächster Labour-Anführer. Seine Erfolge aus Nordengland will er nach London bringen - doch was steckt dahinter?

ZDF-Korrespondent Wolf-Christian Ulrich

Großbritanniens Premierminister Keir Starmer hat seinen Rücktritt angekündigt. ZDF-Korrespondent Wolf-Christian Ulrich analysiert die Hintergründe und Folgen.

22.06.2026 | 1:38 min

Der "König des Nordens" - so nennen ihn seine Anhänger. Andy Burnham hat sich mit seinem Sieg bei den Nachwahlen im Wahlkreis Makerfield den Weg zurück nach Westminster, ins Regierungsviertel, gesichert. Der 56-Jährige stammt aus Nordwestengland. Seit seiner Jugend ist er in der Labour-Partei aktiv, war Gesundheitsminister unter dem damaligen Premierminister Gordon Brown.

Seit 2017 ist er Bürgermeister von Greater Manchester. Nach dem Rückzug von Keir Starmer gilt er als aussichtsreicher Kandidat für die Labour-Führung. Und so, wie Burnham Manchester regiert hat, könnte er auch das Vereinigte Königreich erfolgreich machen - er nennt sein Konzept "Manchesterism". Das zumindest ist die Hoffnung seiner Anhänger.

premier-ruecktritt-optimismus-nachfolger-

Der mögliche Nachfolger Andy Burnham müsse zunächst "Optimismus verbreiten", sagt Gerhard Dannemann, Professor für Englisches Recht. Der Experte ordnet ihn auf der "europafreundlichen Seite" ein.

23.06.2026 | 4:49 min

Burnhams Kritik am Neoliberalismus

Als erste Industriestadt der Welt gilt Manchester bis heute als Symbol für wirtschaftliche Innovation. Der Manchester-Liberalismus bezeichnet eine wirtschaftsliberale Bewegung des 19. Jahrhunderts, die für Freihandel, Wettbewerb und möglichst wenig staatliche Eingriffe stand. Ein System, das Burnham nicht mehr für zukunftsträchtig hält:

"Es ist das Ende des Neoliberalismus", so Burnham. "Das Ende des 'Trickle-Down-Effekts', von dem in Makerfield oder ähnlichen Orten nicht viel angekommen ist."

Wirtschaftsfreundlicher Sozialismus statt London-Zentralismus

"Trickle-down", die Annahme, dass Vorteile für Unternehmen nach unten durchsickern und so breite Wohlstandsgewinne erzeugen - laut Burnham gescheitert. Sein Modell beschreibt er als "business-friendly socialism" - wirtschaftsfreundlichen Sozialismus.

Burnham setzt auf mehr "Devolution" - eine Dezentralisierung der Regierung und von Zuständigkeiten von einer Zentralregierung auf regionale Ebenen. Wachstum soll so also gezielt auch außerhalb der Hauptstadt entstehen, durch mehr Mitspracherecht der Kommunen. Denn Großbritannien zählt laut OECD zu den am stärksten zentralisierten Industrieländern der Welt.

grossbritannien-ruecktritt-starmer-burnham-

Großbritannien steht vor einer neuen politischen Weichenstellung.

23.06.2026 | 2:25 min

Manchester als politisches Modell - "Manchesterism"

In weiten Teilen Nordenglands herrscht seit der Deindustrialisierung in den 1980er-Jahren noch immer Armut. Manchester dagegen hat sich zu einer der wirtschaftlich dynamischsten Regionen außerhalb Londons entwickelt. Burnham sieht die ausgeweitete regionale Selbstverwaltung als einen Grund für diesen Aufstieg.

Als Bürgermeister baute er die regionalen Kompetenzen bei Verkehr, Wohnen, Bildung und Infrastruktur aus. Als größter Erfolg gilt das öffentlich verwaltete Verkehrssystem "Bee Network". 16- bis 18-Jährige können die lokalen Busse kostenlos nutzen.

Außerdem baute er die Obdachlosenhilfe um: Menschen sollen einfacher einen Platz in Notunterkünften bekommen und dann schneller in eine eigene Wohnung mit intensiver Betreuung ziehen können.

Strukturprobleme im Norden Englands bestehen fort

Aber seine Vorhaben in Manchester ergeben eine gemischte Bilanz: Das Zentrum hat gewonnen, die Stadt wächst wirtschaftlich. In den Außenbezirken ist davon aber nicht viel angekommen. Kinderarmut und soziale Ungleichheit bleiben hoch. Als größtes ungelöstes Problem gilt die Wohnungskrise mit steigenden Mieten und Wohnungsmangel. Viele Menschen können sich zentrale Stadtteile jetzt nicht mehr leisten.

Britain's Prime Minister Keir Starmer speaks to the media outside 10 Downing Street to announce his resignation in London, Monday, June 22, 2026.

Keir Starmer erklärte seinen Rücktritt nach weiter schlechten Zustimmungswerten.

22.06.2026 | 2:28 min

Die meisten Probleme kann Burnham allerdings bisher nicht allein lösen. Als Bürgermeister hat er keine Kontrolle über die Steuer- und Rentenpolitik oder über große Teile der Gesundheitsausgaben. Etwas, das sich bald ändern könnte: "Was wir in der Region Manchester aufgebaut haben, muss auf das Land ausgeweitet werden", sagte Burnham während des Wahlkampfs in Makerfield.

Ich weiß, was es heißt, Orte zu verändern.

Andy Burnham, möglicher Starmer-Nachfolger

Die Frage bleibt: Kann er als Premierminister dieselbe "Devolution" - die Umverteilung der Zuständigkeiten auf die Kommunen - umsetzen, die er schon als Bürgermeister gefordert hat?

Reicht Manchester als Vorbild für Großbritannien?

Burnham möchte Wirtschaftswachstum mit sozialer Gerechtigkeit verbinden. Auch auf nationaler Ebene. Wie genau er diese als Premierminister umsetzen würde, wenn er Premierminister wird, dazu äußerte er sich bisher nur in Grundzügen. Vor allem die Frage der Finanzierung bleibt offen.

Burnham verspricht gleichzeitig, die bestehenden Fiskalregeln einzuhalten, die Finanzmärkte nicht zu verschrecken, keine höheren Einkommenssteuern für Arbeitnehmer - und zugleich mehr Investitionen in Wohnen, Pflege und öffentliche Dienstleistungen.

Wie all das unter einen Hut passen soll, sagt er nicht. Ob "Manchesterism" also auf die nationale Ebene übertragbar ist, muss sich erst noch zeigen.

Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Über dieses Thema berichteten die heute-Nachrichten am 22.06.2026 ab 19:00 Uhr.

Mehr Nachrichten aus Großbritannien

  1. EU-Flaggen wehen auf einer Brexit-Demo in London. Im Hintergrund sieht man den "Big Ben".

    Zehn Jahre nach der Abstimmung:Wie Großbritannien mit dem Brexit lebt - und leidet

    Sonja Dawson, London
    mit Video1:39

  2. König Charles in Windsor Castle, Bershire. (Archiv)

    Wie viele Steuern zahlt ein König?:Charles III. will als erster Monarch Steuern offenlegen

    mit Video0:23

  3. Britischer Premierminister Keir Starmer

    Militäreinsatz im Ärmelkanal:Starmer: Britisches Militär setzt russischen Öltanker fest

    mit Video0:21

  4. Die Polizei versucht, Demonstranten zu zerstreuen, während in der Nähe von Newtownabbey bei Belfast (Nordirland) ein Feuer brennt.
    Analyse

    Gesellschaftliche Verrohung:Krawalle in Belfast: Ein Königreich im perfekten Sturm

    von Hilke Petersen
    mit Video2:47