Gesellschaftliche Verrohung:Krawalle in Belfast: Ein Königreich im perfekten Sturm
von Hilke Petersen
Pogromartige Szenen in Belfast, Misstrauen und rechte Proteste gegen die Polizei: Bei migrantischen Tätern explodiert der Hass im Netz und den Straßen im Vereinigten Königreich.
Brennende Autos, Wurfgeschosse und ausländerfeindliche Parolen: In Belfast kam es zu schweren Ausschreitungen. Auslöser war ein Messerangriff, bei dem ein Mann schwer verletzt wurde.
10.06.2026 | 2:47 minIn der Lendrick Street im Osten Belfasts stehen noch ausgebrannte Autowracks. Absperrband der Polizei flattert umher. Anwohner huschen in ihre Häuser, bevor Reporter und Fotografen aus aller Welt sie erwischen können, um die schlimme Frage zu stellen: Was haben sie erlebt in der Nacht, als die Brandstifter kamen?
Blutiges Video aus Belfast geht viral
Vermummte Randalierer waren unter "Ausländer raus"-Rufen durch das Viertel gezogen. Angestachelt durch ein Video: Hadi A. versucht mit einem Küchenmesser auf offener Straße einen Mann zu köpfen. Der Täter kam 2023 aus dem Sudan, erhält Asyl im Vereinigten Königreich. Das Video der Tat macht offenbar eine junge Frau, die ihre Handykamera wie unter Schock draufhielt auf die brutale Szene, erzählen sie in ihrem Umfeld. Sie habe Morddrohungen bekommen, heißt es.
Ihre Bilder werden sofort millionenfach geteilt, auch vom rechtsextremen Aktivisten Tommy Robinson. Und von US-Billionär Elon Musk. Sie füttern gezielt, was im Vereinigten Königreich seit langem schwelt: Hass gegen Ausländer. Und das Gefühl vieler Briten und Nordiren, dass staatliche Fürsorge vor allem für diese Gruppe noch funktioniere.
Die Bilder der blutigen Tat in Belfast gehen um die Welt - ebenso die der anschließenden Krawalle. Wie konnte es so weit kommen?
Quelle: AFPBenachteiligte weiße Bürger?
Erst vor Kurzem hatte Tommy Robinson zu Protesten in Southampton aufgerufen. Denn dort war ein katastrophales Polizeiversagen Wasser auf die Mühlen der Rechten. Beamte glaubten an einem Tatort zunächst der Lüge des mittlerweile lebenslänglich-verurteilten Mörders aus der Sikh-Gemeinschaft und legten das sterbende Opfer in Handschellen, den 18-jährigen Studenten Henry Nowak. Dass dessen Vater öffentlich zu Besonnenheit aufrief, nützte wenig.
In Belfast brodelt "eine wahnsinnige Gerüchteküche", erklärt ZDF-Korrespondentin Hilke Petersen.
12.06.2026 | 8:13 minRechtspopulist Nigel Farage, dessen Partei Reform UK seit langem in den Umfragen führt, bezichtigte sofort die Polizei, vor allem zugunsten nicht-weißer Täter zu handeln.
Diese Tragödie auszuschlachten, ist umso schlimmer, weil die Familie das ausdrücklich nicht wollte. Das zeigt genau, wer Nigel Farage ist.
Keir Starmer, Britischer Premierminister
Paul Reilly, Medienwissenschaftler an der Uni Glasgow, spricht von einem vergifteten politischen Diskurs rund um das Thema Einwanderung.
Dazu haben viele Menschen sehr starke Meinungen. Online-Plattformen und Medien verstärken das oft so sehr, dass es zu einer Art Pulverfass wird.
Paul Reilly, Medienwissenschaftler an der Uni Glasgow
Brennende Autos in Belfast, Hass und Gerüchte auf X: Welche Rolle spielen Elon Musk und rechte Influencer wie Tommy Robinson bei den Krawallen? ZDFheute live ordnet ein.
12.06.2026 | 31:06 minReform UK vs. Labour
Den Kampf darum, ob sich der Staat eigentlich zuerst um seine eigenen Bürger kümmert, tragen sie auch politisch in Makerfield aus. Das ist ein Wahlkreis nahe Manchester, in dem sich demnächst das Schicksal der Starmer-Regierung entscheiden dürfte. Wenn hier Labour-Mann Andy Burnham gewinnt, hätte der alle Chancen, den geschwächten Premierminister Keir Starmer bald aus Downing Street 10 zu vertreiben. Und Labour endlich mehr Schlagkraft zu geben, wie Burnham verspricht.
Sein härtester Gegner ist ein Kandidat von Reform UK. Damit passiert im kleinen Makerfield, was im ganzen Land vor sich geht: Die Rechte versucht, die Macht an sich zu reißen. Um die 300 Wahlkreise könnte Reform UK bei einer landesweiten Wahl jetzt erringen. Das letzte Mal im Sommer 2024 waren es nur fünf Sitze im Unterhaus.
In der Nähe von Belfast war es seit Montag an mehreren Abenden zu gewalttätigen ausländerfeindlichen Protesten gekommen.
Quelle: APGewalt-Erbe aus dem Nordirland-Konflikt
In Belfast leben viele Migranten jetzt in Angst. Tagelang schlossen Geschäfte vorzeitig, stellten Buslinien schon am Nachmittag ihren Betrieb ein. Arbeitgeber schickten Angestellte mit ausländischem Aussehen früher nach Hause, aus Sicherheitsgründen. So erzählt es der Palästinenser Rami, der im Gesundheitswesen arbeitet und vor fünf Jahren nach Belfast kam.
Ich fühle mich noch halbwegs sicher, weil ich denke, nicht so arabisch auszusehen. Aber um meine Mutter im Osten Belfasts mache ich mir Sorgen.
Rami, Palästinenser
Im Osten der Stadt liegen die Wohnviertel der Loyalisten. Sie standen im Nordirland-Konflikt, der von den 1960er-Jahren bis zum Karfreitags-Abkommen 1998 andauerte, treu zur britischen Krone, identifizieren sich selbst als 'working class'. In ihren Vierteln hatte es vor allem gebrannt, denn hier sind die meisten Migranten untergebracht. Sie störten die einheimische Community, heißt es, wenn man sich auf der Shankill Road umhört, im Zentrum der Loyalisten-Gegend.
Wir haben Angst. Immerhin könnten unsere Kinder die nächsten sein. Diese Migranten lassen sich nicht integrieren.
Andrea, Anwohnerin
Nachdem ein Sudanese einen Mann bei einem Messerangriff schwer verletzt, kommt es in der nordirischen Hauptstadt zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen und Angriffen auf die Polizei.
10.06.2026 | 2:13 minDas Vereinigte Königreich im perfekten Sturm
Gerüchte machen die Runde, dass paramilitärische, loyalistische Strukturen den Aufstand und die Brandstifter orchestrieren, die jungen Randalierer steuern. Auch nach dem Friedensabkommen von 1998 existieren paramilitärische Gruppen in Nordirland weiter, unter der Oberfläche. Sie haben Macht in ihren Vierteln. Und viel Adrenalin, wenn der 12. Juli naht, denn das ist jedes Jahr der große Tag der Märsche, mit denen die loyalistisch-unionistische Gemeinschaft und die katholisch-nationalistischen Gruppen ihre Identitäten demonstrieren.
Auf der Shankill Road sitzt Jacky mit einem Kaffee in der Sonne - ein Mann, der die "Troubles" miterlebt hat. Der Polizei würden sie hier seit jeher misstrauen, erzählt er und schickt einen argwöhnischen Blick hoch zu einem kreisenden Helikopter.
Die Welt da draußen mag eigenartig finden, was sich in unseren Vierteln tut. Wir sind seit den Troubles an Gewalt gewöhnt.
Jacky, Anwohner
Das Vereinigte Königreich scheint sich in einem perfekten Sturm zu befinden, in einer Spirale von gesellschaftlicher und politischer Verrohung. Die globalen Strippenzieher im Netz werden immer mächtiger - mit dem einzigen Ziel, Einfluss zu nehmen auf reale Politik.
Hilke Petersen ist Studioleiterin im ZDF-Studio London.
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