Zwischen Kolonialismus und Unabhängigkeit:Grönland und Dänemark: Eine stark belastete Beziehung
von Winnie Heescher
Viele kritisieren US-Präsident Donald Trump wegen seines Machthungers auf Grönland. Doch auch Dänemark beanspruchte die arktische Insel über Jahrhunderte für sich.
Nach Jahrhunderten als dänische Kolonie und dann Autonomieregion ringen die Grönländer um Unabhängigkeit. Doch US-Präsident Trumps Ansprüche auf die Insel gefährden das Vorhaben.
27.01.2026 | 2:03 minMancher Beziehungsstatus ist kompliziert. Der von Grönländern und Dänen allemal. Einige Eindrücke: Vor einem Haus in der grönländischen Hauptstadt Nuuk stehen zwei Flaggen, gar nicht weit auseinander, beide rot-weiß, auf Augenhöhe. Ein schönes Bild fürs Fernsehen, so kann man die derzeitige Verbundenheit der beiden Länder darstellen.
"Das gefällt mir gar nicht", knurrt Siiva Klamer neben mir. Der 37-jährige Reiseführer hilft uns, uns während unseres Aufenthalts auf der eisigen Insel zurechtzufinden.
Die dänische Flagge gehört hier nicht her.
Siiva Klamer, Reiseführer
Komischer Kauz, denke ich noch, Dänemark versucht doch gerade alles, um Grönland vor den USA zu schützen? Johannes Ostermann, ein Jura-Student, sagt auf diese Frage ironisch:
Grönländer haben keine gute Erfahrung mit Dänen gemacht. Sie wissen absolut nichts über uns. Jetzt durch die ganze Aufmerksamkeit wissen sie, dass wir nicht in Iglus leben und WLAN haben.
Johannes Ostermann, Student
US-Präsident Trump hat die zusätzlichen Zölle gekippt - dafür soll in Davos über neue US-Militärstützpunkte auf Grönland verhandelt worden sein. ZDFheute live analysiert, was das bedeutet.
23.01.2026 | 11:49 minDänemark bestimmt bis heute Grönlands Außen- und Verteidigungspolitik
Hinter der Ironie steckt eine lange, teilweise dunkle Geschichte. Über 230 Jahre lang war Grönland offiziell eine dänische Kolonie. 1953 wurde es zu einer dänischen Provinz, eingegliedert ins dänische Königreich. Es bekommt zwei Sitze im Parlament in Kopenhagen. Aber es ändert sich nicht viel. Dänemark finanziert zum größten Teil den grönländischen Haushalt und bestimmt über die grönländische Wirtschaft.
Die Insel wird modernisiert, was auch bedeutet, dass die Inuit ihre kleinen Siedlungen aufgeben und in größere Küstenorte umziehen müssen. Die Versorgung wird besser: Krankenhäuser, Schulen, Altenheime. Doch: "Diese Modernisierung entwurzelte die Menschen", sagt der Historiker Thorkild Kjærgaard.
Es verbreitete sich bei vielen das Gefühl, Zuschauer ihres eigenen Lebens zu sein.
Thorkild Kjærgaard, Historiker
US-Präsident Trump hat darauf verzichtet, Grönland gewaltsam einzunehmen. Schwedens Vizeministerpräsidentin Busch sagt, hätte er es doch gewollt, wäre ihr Land kampfbereit gewesen.
26.01.2026 | 6:12 min1979 wurde der nächste große Schritt Richtung Unabhängigkeit gemacht: Grönland erhält ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung, die aber nicht in allen Fragen das Sagen hat. Trotz weitgehender Autonomie - über die Außen- und Verteidigungspolitik Grönlands entscheidet Kopenhagen bis heute.
Zwangssterilisierungen in den 60er und 70er Jahren
Es gab auch grausame Versuche, aus Inuit-Kindern Dänen zu machen: Sie wurden nach Dänemark entführt, damit sie von kinderlosen dänischen Paaren adoptiert werden konnten. Erst 2022 wurde ein besonders dunkles Kapitel vom dänischen Rundfunk aufgedeckt: Tausenden von sehr jungen Grönländerinnen wurden in den 60er und 70er Jahren Spiralen eingesetzt - gegen ihren Willen oder ohne sie darüber zu informieren.
Dänemark wollte damit das Bevölkerungswachstum der Inuit begrenzen. Im vergangenen Jahr hat sich die dänische Ministerpräsidentin dafür entschuldigt. Heute will die Mehrheit der Grönländer unabhängig sein, doch das Thema steht gegenwärtig nicht an. Zu groß ist die Bedrohung durch die USA. Und zu abhängig ist Grönland immer noch von den Überweisungen aus Dänemark in Höhe von rund 600 Millionen Euro pro Jahr.
Das hat es in 77 Jahren Nato nicht gegeben – Europa gegen Amerika. Wir erleben eine Kraftprobe, die die westliche Wertegemeinschaft vor scheinbar unlösbare Probleme stellt.
22.01.2026 | 28:39 minDebatte über dänische Kolonialzeit
Wie groß der innere Widerstand gegenüber Dänemark heute noch ist, davon zeugt auch eine Statue, an der man, wenn man in Nuuk ist, nicht vorbei kann, weil sie prominent auf einer Anhöhe über der Stadt thront: Sie stellt den norwegischen Pfarrer Hans Egede dar, der 1721 vom norwegischen-dänischen Königreich Richtung Grönland gesandt wurde.
Die umstrittene Statue von Hans Egede in Nuuk.
Quelle: AFPEr wollte Wikinger bekehren, doch die waren lange ausgestorben. So baute er eine Kirche, versuchte, die Inuit zu bekehren, die Stadt Nuuk entstand. Heute wollen viele Grönländer sie abmontieren, erzählt mir Siiva Klamer. Man nimmt dem Missionar die Schilderung ihrer Vorfahren übel ("Sie sind so furchtsam und dumm wie ihre Hunde.") und sieht in ihm den Beginn einer grausamen dänischen Kolonialzeit. Hans Egede war der erste, der eine dänische Flagge auf Grönland hisste.
Winnie Heescher ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Kiel.
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