Ukraine-Krieg: Russische Jetdrohnen fordern Kiews Flugabwehr

Angriffswellen mit Jetdrohnen:Wie Russlands schnelle Drohnen Kiews Flugabwehr fordern

von Christian Mölling

|

Russland setzt zunehmend jetgetriebene Drohnen ein - sie verkürzen die Reaktionszeit der ukrainischen Flugabwehr und binden Kampfflugzeuge und Raketen, die anderswo fehlen.

Ukrainische Soldaten testen das Skylock-System zur Drohnenabwehr. (Archivbild)

Ukrainische Soldaten testen das Skylock-System zur Drohnenabwehr. Es wird in mobilen Einheiten eingesetzt, um Drohnen zu erkennen, zu verfolgen und zu zerstören. (Archivbild)

Quelle: action press

Die Ukraine steht bei der Flugabwehr vor einer neuen Herausforderung. Neben ballistischen Raketen und Marschflugkörpern setzt Russland inzwischen massenhaft jetgetriebene Drohnen ein. Sie bedrohen das gesamte Land und erschweren besonders den Schutz großer Städte wie Kiew.

Die Waffe selbst ist nicht neu: Anfang 2024 wurden in der Ukraine erstmals Trümmer einer Jetdrohne gefunden. Neu ist der Umfang ihres Einsatzes. Ende August sprach Präsident Wolodymyr Selenskyj von fast 1.500 russischen Drohnen in vier Tagen, darunter rund 800 mit Strahltriebwerk. Die Angabe ist nicht unabhängig überprüfbar.

Diese Größenordnung deutet darauf hin, dass Russland die Systeme inzwischen in Serie fertigt. Die schnellen Modelle sind inzwischen massenhaft verfügbar und damit fester Bestandteil der Angriffswellen.

Torge Bode | ZDF-Reporter in Kiew

Trotz Trumps Ankündigung halten die Angriffe auf die Energieinfrastruktur an. Russlands Attacken auf Tankstellen seien weniger Militärstrategie als "blanker Terror aus der Luft", sagt ZDF-Reporter Torge Bode.

16.09.2026 | 3:02 min

Schnellere Drohnen - weniger Zeit zur Abwehr

Während die seit 2022 eingesetzte Geran-2 mit Kolbenmotor und Propeller fliegt, besitzt die Geran-3 ein Strahltriebwerk. Die Geran-2 erreicht etwa 180 bis 200 Kilometer pro Stunde. Für die Geran-3 nennen ukrainische Stellen je nach Modell und Flugprofil 300 bis 600 Kilometer pro Stunde.

Das höhere Tempo verkürzt die Zeitspanne für Entdeckung, Identifizierung und Bekämpfung. Für 50 Kilometer benötigt eine Drohne bei Tempo 200 etwa 15 Minuten, bei Tempo 500 nur sechs Minuten. In dieser Zeit muss die Ukraine Radardaten auswerten, das Ziel einem geeigneten Abwehrsystem zuweisen und den Abschuss auslösen. Je höher das Tempo, desto kleiner wird das Zeitfenster dafür.

sgs-goekdemir-hebestreit

Russische Drohnen treffen Logistikzentren bei Kiew. Wie leicht die Geschosse die ukrainische Luftabwehr überwinden, sei neu, berichtet Henner Hebestreit aus Kiew.

21.08.2026 | 2:03 min

Die kostengünstige Abwehr verliert Wirkung

Gegen langsamere Drohnen hat die Ukraine eine kostengünstige Abwehr aufgebaut. Mobile Trupps mit Maschinengewehren oder Flugabwehrkanonen, Störsysteme und kleine Abfangdrohnen können viele dieser Ziele bekämpfen. So lassen sich teure und knappe Flugabwehrraketen für gefährlichere Ziele zurückhalten.

Die schnelleren Modelle erschweren diese Arbeitsteilung. Mobile Trupps können nur kurze Zeit auf ein sich schnell bewegendes Ziel feuern. Viele propellergetriebene Abfangdrohnen erreichen nicht rechtzeitig eine günstige Position oder können kaum nachsetzen.

Elektronische Störung bleibt möglich, doch ihre Wirkung hängt von Navigation und Datenverbindung ab, nicht vom Antrieb.

Evakuierung eines Zuges in der Ukraine

Bahnfahren in Kriegszeiten: ZDF-Reporter Henner Hebestreit ist unterwegs mit der ukrainischen Bahn, die immer häufiger Ziel russischer Angriffe wird.

10.09.2026 | 2:41 min

Kampfflugzeuge müssen einspringen

Da diese Möglichkeiten nicht ausreichen, muss die Ukraine zusätzlich auf Kampfflugzeuge und bodengestützte Flugabwehrraketen zurückgreifen.

Nach Angaben Selenskyjs tragen Kampfflugzeuge mittlerweile die Hauptlast gegen die schnellen Drohnen. Dieselben Flugzeuge und Raketen werden jedoch auch gegen Marschflugkörper benötigt.

Kampfflugzeuge binden Piloten, Treibstoff und Wartung und fehlen während der Drohnenjagd für andere Aufgaben. Auch Flugabwehrraketen sind nur begrenzt verfügbar.

Nicht jede schnelle Drohne erzwingt einen teuren Raketenabschuss. In großer Zahl binden sie jedoch Systeme, die an anderer Stelle fehlen. Das genaue Kostenverhältnis lässt sich mangels belastbarer Daten zu Stückkosten und eingesetzten Abwehrmitteln nicht beziffern.

Christian Mölling
Quelle: DGAP

... gilt als führender Experte für europäische Verteidigung und transatlantische Sicherheit. Seit November 2025 ist er Direktor der europäischen Denkfabrik Edina, zuvor war er stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der DGAP und Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement.


Russland mischt die Angriffsmittel und erschwert Abwehr

Die schnellen Modelle sind nicht in jeder Hinsicht überlegen. Ihre Triebwerke sind teurer, verbrauchen mehr Treibstoff und erzeugen eine stärkere Wärmesignatur. Das kann die Ortung mit Infrarotsensoren erleichtern.

Entscheidend ist die Mischung der Angriffsmittel. Langsame Geran-2 und billige Attrappen binden die kostengünstige Abwehr, schnelle Modelle verkürzen die Reaktionszeit. Kommen Marschflugkörper oder ballistische Raketen hinzu, müssen ukrainische Führungsstellen die Ziele rasch klassifizieren und knappe Abwehrmittel zuordnen.

Eine hohe Abschussquote sagt deshalb wenig über den Aufwand aus: Dahinter kann der Einsatz hochwertiger Systeme und knapper Munition stehen.

Ukraine-Krieg - Brovary

Nach einem Drohnenangriff auf Kiew herrscht Unsicherheit vor dem Winter. Durch das Erstarken rechter Kräfte schwindet in der ukrainischen Bevölkerung der Glaube an die Unterstützung für ihr Land.

07.09.2026 | 2:01 min

Die Antwort muss breiter ausfallen

Schnellere Abfangdrohnen sind nur ein Teil der Lösung - ihr höheres Tempo allein entscheidet nicht über den Erfolg. Ebenso wichtig sind frühe Warnung, die schnelle Weitergabe von Zieldaten und eine günstige Ausgangsposition. Dafür muss die Ukraine Sensoren und Abwehrsysteme vernetzen. Zugleich braucht sie genügend Abfangdrohnen und günstigere Raketen.

Russlands schnellere Drohnen setzen die ukrainische Flugabwehr nicht außer Kraft. Ihr massenhafter Einsatz zwingt sie jedoch zur Reorganisation und bindet Kampfflugzeuge und Raketen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie viele Drohnen abgeschossen werden, sondern welche Mittel dafür nötig sind und was für die nächste Angriffswelle bleibt.

Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

Russland greift die Ukraine an
:Aktuelles zum Krieg in der Ukraine

Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Kämpfe dauern an. Alle Entwicklungen und Ukraine-News im Liveticker.
Satellitenbild: Rauchgeneratoren auf der Krim-Brücke aufgenommen am 22.6.2026
Liveblog
Über dieses Thema berichtete XX am 16.09.2026 um XX:XX Uhr.

Aktuelle Nachrichten zur Ukraine