Handelsstreit mit den USA:Trümpfe gegen Trump: Warum Europa stärker ist als gedacht
von Florian Neuhann
Im Handelsstreit mit den USA hat Europa sehr viel größere Hebel als gedacht. So argumentiert ein neues Forschungspapier – und liefert überraschend gute Gründe.
Wie abhängig ist Europa von den USA? Ein neues Forschungspapier zeigt: Auch die EU hat Hebel gegen Donald Trump.
Quelle: epaDie Demütigung ist ein gutes halbes Jahr her - und sitzt immer noch tief. Juli 2025, ein Golfresort in Schottland: US-Präsident Donald Trump diktiert seinem Gegenüber - EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen - die Bedingungen für einen Handelsdeal. 15 Prozent Zoll auf europäische Produkte, freie Bahn für US-Waren in Europa.
Ein paar Grönland-Irrungen weiter wird der Deal in diesen Tagen auch vom Europaparlament auf den Weg gebracht. Und Europa fragt sich: Sind wir wirklich so erpressbar?
Die Mehrheit der deutschen Wirtschaft habe die Gefahr der Abhängigkeit von US-Technologiefirmen erkannt, so ZDF-Wirtschaftsexperte Neuhann.
09.02.2026 | 2:19 minOhne Europa gehen in den USA die Lichter aus
Nein, argumentiert ein noch unveröffentlichtes Forschungspapier der Denkfabrik "Dezernat Zukunft", das ZDFheute exklusiv vorliegt. Das Papier, geschrieben von einem Team um die Ökonomin Philippa Sigl-Glöckner, nennt überraschend gute Gründe, warum die Europäische Union einen wirtschaftlich weit größeren Hebel besitzt als von vielen gedacht.
- So benötigen die USA für den Ausbau der Kernenergie immer dringender Uran. Den Brennstoff beziehen die USA zu großen Teilen aus Europa.
- Und für die Kühlung der wachsenden Zahl an Rechenzentren braucht das Land Gasturbinen. Hier kontrolliert Europa die weltweite Lieferkette.
Übersetzt: ohne europäische Zulieferungen steht Amerikas KI-Wachstum vor dem Aus.
Als erstes Bundesland setzt Schleswig-Holstein auf Open-Source-Software – und kündigt Microsoft. Denn Clouds von US-Firmen sind für deutsche Behörden ein Sicherheitsrisiko.
07.02.2026 | 3:20 minDie Renten der Amerikaner hängen an Europa
Der wichtigste Grund für Europas wirtschaftlichen Hebel aber, so schreiben die Forschenden, liege im Digitalbereich. Hier sei Europa zwar fast völlig von US-Tech-Giganten abhängig. Doch anders als weithin gedacht könne es sich die US-Regierung nicht leisten, Europa von heute auf morgen den digitalen Saft abzudrehen.
In einem solchen Fall, so argumentieren die Wissenschaftler, bräche den großen US-Tech-Konzernen - von Apple bis Nvidia - rund ein Viertel ihres Umsatzes weg. Die Folge: ein Beben an der Wall Street, das direkt in den amerikanischen Wohnzimmern ankommt. Die Altersvorsorge von Millionen Amerikanern ist über sogenannte 401(k)-Rentenpläne direkt an diese Aktienkurse gekoppelt. Ökonomin Sigl-Glöckner, die auch Mitglied der SPD ist, sagt:
Ein Absturz wäre ein großes politisches Problem für Präsident Trump.
Philippa Sigl-Glöckner, Ökonomin
... arbeitete unter anderem als Referentin im Finanzministerium. Zweimal trat sie (vergeblich) für die SPD als Bundestagskandidatin an. Sie sitzt im wirtschaftspolitischen Beirat der Partei. Das von ihr mitgegründete Thinktank "Dezernat Zukunft" beschäftigt sich mit finanzpolitischen Fragen und ist parteipolitisch unabhängig.
Merz und Macron sprechen beim Digitalgipfel in Berlin über europäische Zusammenarbeit, um Europas Souveränität zu stärken.
18.11.2025 | 3:12 minEuropa sitzt am längeren Hebel…
Europa sitzt am längeren Hebel - die These vertrat jüngst auch eine andere Kurzanalyse, die international für Furore sorgte. "Gedanken zu Grönland" - so hatte Deutsche Bank-Analyst George Saravelos Mitte Januar seine Mail betitelt. Darin rechnete er vor, dass europäische Länder US-Anleihen und -Aktien im Wert von 8 Billionen Dollar besäßen - fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen.
Es sei unklar, so schrieb Saravelos, warum Europa diese Rolle als Finanzier der USA weiter ausüben solle. Prompt wurde "Sell America" zum Schlagwort an den Finanzmärkten. Ein kurzzeitiger Absturz an den US-Börsen folgte. Wahrscheinlich auch deshalb lenkte Donald Trump kurz darauf in der Grönland-Frage ein.
Vor einem Jahr begann die zweite Amtszeit des US-Präsidenten, mit Folgen für die Handelspolitik weltweit. Wie treffen Trumps Strafzölle deutsche Mittelständler in den USA?
20.01.2026 | 2:31 min… aber es setzt ihn nicht ein
Wenn Europa also sehr viel größere Hebel besitzt als bisher gedacht - warum setzt der Kontinent seine Macht nicht selbstbewusster ein? Jede Gegenmaßnahme, die Europa ergreife, würde die Mitgliedstaaten unterschiedlich hart treffen, sagt Sigl-Glöckner. Ihre Forderung:
Europa braucht politische Verabredungen, die die anfallenden Kosten von Gegenmaßnahmen fair verteilen.
Philippa Sigl-Glöckner, Ökonomin
Die nächste Möglichkeit, darüber zu diskutieren, gibt es schon am Donnerstag. Da treffen sich die EU-Spitzen in Belgien zu einem Sondergipfel. Es geht um Europas Wettbewerbsfähigkeit. Und vielleicht ja auch um das Auftreten gegenüber den USA.
Florian Neuhann leitet das ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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