Wirtschaftliche Zusammenarbeit:Indien und EU einigen sich auf Freihandelsabkommen
Die EU und Indien rücken wirtschaftlich enger zusammen. Die Verhandlungen über den Aufbau einer Freihandelszone seien abgeschlossen, teilten beide Seiten in Neu-Delhi mit.
Deutlich niedrigere Zölle und weniger Handelshemmnisse: Die deutsche Industrie feiert das seit 2007 verhandelte Abkommen, mit dem auch ein politisches Signal gesendet wird.
27.01.2026 | 2:43 minDie EU und Indien haben sich nach fast zwei Jahrzehnten Verhandlungen auf ein umfassendes Handelsabkommen geeinigt. Das teilten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premierminister Narendra Modi in Neu-Delhi mit. Modi bezeichnete die Einigung als "Mutter aller Abkommen", die den 1,4 Milliarden Menschen in Indien und der Bevölkerung Europas große Chancen eröffne.
Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und Indien angekurbelt werden. Ziel ist es, Wachstum und Arbeitsplätze zu fördern und zugleich unerwünschte Abhängigkeiten von anderen Staaten zu reduzieren. Vor dem Hintergrund der aggressiven Zoll- und Handelspolitik der USA und dem zunehmenden Machtstreben Chinas gilt das Abkommen zudem auch als geopolitisch bedeutsamer Schritt.
Die EU und Indien haben in Neu-Delhi nach jahrzehntelangen Verhandlungen ein Freihandelsabkommen beschlossen. ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann mit einer Einschätzung.
27.01.2026 | 1:22 minEU und Indien repräsentieren knapp ein Viertel des weltweiten BIP
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sagte:
Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt.
Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin
Man schaffe eine Freihandelszone mit zwei Milliarden Menschen, von der beide Seiten wirtschaftlich profitieren würden. Zudem sende man das Signal in die Welt, dass regelbasierte Zusammenarbeit weiterhin hervorragende Ergebnisse liefere.
Das Abkommen wird zwar nicht so umfassend sein wie jenes, das die Europäische Union zuletzt mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay geschlossen hat. Angesichts der Größe des indischen Marktes ist es dennoch eines der größten, die bislang vereinbart wurden.
Welche Bedeutung das Abkommen hat, erklärt ZDF-Wirtschaftsexpertin Valerie Haller.
26.01.2026 | 1:41 minIndien ist noch vor China mit mehr als 1,45 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt. In der EU leben rund 450 Millionen Menschen. Gemeinsam repräsentieren beide Seiten nahezu ein Viertel des weltweiten BIP und der Weltbevölkerung.
EU-Indien-Abkommen könnte dieses Jahr in Kraft treten
Bis zur praktischen Umsetzung wird es jedoch noch etwas dauern: Einem indischen Regierungsvertreter zufolge steht nun eine fünf- bis sechsmonatige juristische Prüfung an. "Wir erwarten, dass das Abkommen innerhalb eines Jahres in Kraft tritt", fügte er hinzu.
Angaben der EU zufolge könnte von dem Abkommen insbesondere die deutsche Autoindustrie profitieren, da Indien den Import von Fahrzeugen aus der EU bislang mit Zöllen von bis zu 110 Prozent belastet. Diese sollen nun zumindest für 250.000 Fahrzeuge pro Jahr schrittweise auf 10 Prozent gesenkt werden, während sie für Autoteile nach fünf bis zehn Jahren vollständig abgeschafft werden. Auch Zölle von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, 22 Prozent auf Chemikalien und 11 Prozent auf Pharmazeutika würden weitgehend beseitigt, heißt es.
Die Kernpunkte des Handelsabkommens im Überblick:
- Zölle auf mehr als 90 Prozent der EU-Exporte nach Indien werden abgeschafft oder gesenkt.
- Indien senkt seine Zölle für 30 Prozent der mit der EU gehandelten Waren auf null.
- EU-Unternehmen sparen dadurch jährlich bis zu vier Milliarden Euro an Zöllen.
- Besserer Zugang für EU-Unternehmen zu Finanz- und Seeverkehrsdienstleistungen.
- Vereinfachte Zollverfahren und ein stärkerer Schutz des geistigen Eigentums.
- Die indischen Autozölle sinken über fünf Jahre von 110 auf zehn Prozent. Dies gilt im Rahmen einer jährlichen Quote von 250.000 Fahrzeugen und dürfte Volkswagen, BMW , Mercedes-Benz und Renault zugutekommen.
- Die meisten Zölle auf Industriewaren werden vollständig abgeschafft. Dies betrifft unter anderem Maschinen, elektrische Ausrüstung, Chemikalien und Arzneimittel.
- Bei Inkrafttreten des Abkommens schafft die EU die Zölle auf 90 Prozent der indischen Waren ab.
- Innerhalb von sieben Jahren wird die Zollfreiheit auf 93 Prozent der indischen Waren ausgeweitet.
- Für rund sechs Prozent der indischen Waren gelten teilweise Zollsenkungen und Quoten.
- Für 99,5 Prozent des bilateralen Handels gibt es eine Form von Zollvergünstigung.
- Indien nimmt Autos und landwirtschaftliche Produkte von der vollständigen Zollbefreiung aus.
- Der durchschnittliche EU-Zollsatz sinkt von 3,8 auf 0,1 Prozent.
- Die Zölle auf wichtige indische Exporte in die EU werden auf null gesenkt, darunter Meeresfrüchte, Chemikalien, Textilien sowie Edelsteine und Schmuck.
- Fahrzeuge aus der EU mit einem Preis von unter 15.000 Euro sind von dem Abkommen ausgenommen.
- Fahrzeuge oberhalb dieser Preisschwelle werden in drei Segmente mit jeweils eigenen Quoten und Zöllen unterteilt. Die Zölle für die meisten Autos werden bei Inkrafttreten auf 30 bis 35 Prozent gesenkt und dann über fünf Jahre schrittweise auf zehn Prozent reduziert.
- Zollsenkungen für Elektrofahrzeuge beginnen ab dem fünften Jahr.
- Außerhalb der Quoten gibt es keine Zollsenkungen. Auch für zerlegte Bausätze (CKD-Kits) sind keine Zollermäßigungen vorgesehen.
- Indien bemüht sich um einen besseren Zugang zu den zollfreien EU-Importquoten für Stahl. Eine Entscheidung darüber wird bis zum 30. Juni erwartet.
- Es gibt keine spezifische Ausnahme für Indien von den CO2-Zöllen der EU. Indien kann nach eigenen Angaben jedoch Verhandlungen aufnehmen, falls die EU einem anderen Land Flexibilität gewährt.
- Eine technische Arbeitsgruppe soll indischen Firmen helfen, ihre CO2-Bilanzen zu überprüfen.
- Indische Zölle auf Agrar- und Lebensmittelexporte aus der EU, die im Durchschnitt über 36 Prozent liegen, werden gesenkt oder abgeschafft.
- Deutliche Zollsenkungen gibt es bei EU-Weinen, Spirituosen, Bier, Olivenöl und verarbeiteten Lebensmitteln. Die Zölle auf Premiumweine sinken schrittweise von 150 Prozent auf bis zu 20 Prozent.
- Rindfleisch, Reis, Zucker, Milchprodukte und Geflügel sind von dem Abkommen ausgenommen. Die EU-Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit bleiben unverändert.
- Die EU öffnet 144 Dienstleistungsbereiche für Indien, Indien im Gegenzug 102 für die EU.
- Es werden verbindliche Regeln zu Arbeitsrechten, Umweltschutz und zur Stärkung der Rolle der Frau festgelegt.
- Regeln für den digitalen Handel sollen die Wirtschaft unterstützen und gleichzeitig den Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit gewährleisten.
Quelle: Reuters
Abkommen könnte zu Verdoppelung von EU-Exporten bis 2032 führen
Zum Potenzial der Handelsbeziehungen teilte die EU mit, es werde erwartet, dass das Abkommen bis 2032 zu einer Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien führen werde, indem Zölle auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Warenexporte nach Indien abgeschafft oder gesenkt würden. Insgesamt würden die Zollsenkungen Einsparungen von rund vier Milliarden Euro pro Jahr an Abgaben auf europäische Produkte ermöglichen. Nach EU-Angaben sind bereits heute mehr als 6.000 europäische Unternehmen in Indien vertreten.
Eine EU-Beamtin in Brüssel sagte, der Handel mit Indien mache bislang nur rund 2,5 Prozent des gesamten EU-Warenhandels aus - im Vergleich zu knapp 15 Prozent bei China. Trotz vergleichsweise hoher Zölle auf indischer Seite sei der Handel zwischen der EU und Indien in den letzten zehn Jahren bereits um fast 90 Prozent gewachsen.
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