Bulgarien: Euro-Einführung verschärft politische Krise

Zwischen Krise und Aufbruch:Bulgariens Zerreißprobe zwischen Ost und West

Christian von Rechenberg

von Christian von Rechenberg

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Bulgarien erlebt schwierige Zeiten. Der Euro, korrupte Politiker und russischer Einfluss spalten die Bevölkerung. Studierende und Unternehmer haben dennoch Hoffnung.

Menschen posieren mit Euro-Banknoten in der Hand, während sie das neue Jahr und die Einführung des Euro in Bulgarien vor der Bulgarischen Nationalbank feiern.

Seit dem 01.01.2026 ist der Euro die neue Währung in Bulgarien. Doch die Umstellung verläuft holprig, viele müssen sich noch daran gewöhnen - in einem Land, das tief gespalten ist.

19.01.2026 | 2:32 min

Familie Stefanovi sieht nicht glücklich aus, wenn sie einkaufen geht. Zwei Erwachsene, vier Kinder: Das Allernötigste ist kaum mehr zu bezahlen. Den teuren Quark etwa, muss Petar Stefanov wieder ins Kühlregal zurückstellen: "Die Preise sind im letzten halben Jahr um rund 20 Prozent gestiegen." Schuld hat für sie vor allem der Euro, der in Bulgarien am 01.01.2026 eingeführt wurde. Dies hätten viele Händler genutzt, um die Preise aufzuschlagen. Das spürten vor allem die Rentner, vor allem hier in Vratsa, eine der vielen strukturschwachen Kleinstädte Bulgariens. Hier leben die Stefanovis, wo die EU am ärmsten ist.

Gefühlter Preisdruck und Vertrauensverlust

Die Hälfte der gesamten bulgarischen Bevölkerung sieht den Euro ähnlich kritisch und fürchtet weitere Belastungen. Davon haben sie in Vratsa reichlich: "Fast alle hier leben von Monat zu Monat und können kaum sparen", sagt Dora Stefanova. Mit der alten Währung fühlten sie sich wohler, unabhängiger.

Eine Person kauft Fahrkarten an einem Automaten, auf dem angegeben ist, welche Euro-Banknoten und -Münzen akzeptiert werden, da das Land der Euro-Währungsunion beitritt.

Bulgarien verabschiedet sich vom Lew: Seit Anfang des Jahres ist der Euro im Balkanstaat die offizielle Währung. Doch rund die Hälfte der bulgarischen Bevölkerung sieht den Wechsel skeptisch.

01.01.2026 | 1:36 min

Viele Sorgen sind nachvollziehbar, vieles aber, was über Euro und EU verbreitet und geglaubt wird, hat mit der Realität wenig zu tun. So stiegen etwa die Preise in Bulgarien schon vor der Einführung des Euro, und Experten glauben auch nicht, dass der Euro nun alles noch teurer mache. Nicht die einzige falsche Information, die die bulgarische Gesellschaft spaltet, sagt der Wirtschaftsanalyst Ruslan Trad.

Was wir heute sehen, ob wir nun für oder gegen den Euro sind, ist das Ergebnis jahrelanger politischer Instabilität und anhaltender, erschreckender Korruption.

Ruslan Trad, Wirtschaftsanalyst

Oligarchen und politische Blockade

Und ein Mann steht dabei im Mittelpunkt der Kritik: der einflussreiche Politiker und Medienunternehmer Deljan Peewski. Als hochumstrittener Abgeordneter und Chef der Partei DPS stützte er bis Ende vergangenen Jahres eine brüchige Regierungskoalition. Er soll massiv in Korruption verwickelt sein und den Sicherheitsapparat unter Kontrolle haben - könne so nach Belieben Macht ausüben. Die USA und Großbritannien haben ihn deswegen auf ihren Sanktionslisten. Er soll über ein ganzes Netzwerk, im Stile eines Mafia-Paten, selbst Teile der Regierung beeinflussen, sagen seine Kritiker.

Brennende Straßen bei Protesten in Bulgarien

Bei Protesten im Dezember 2025 gegen die bulgarische Regierung hat es in Sofia zahlreiche Ausschreitungen gegeben. Auslöser war auch der neue Haushalt, der erstmals in Euro berechnet wurde.

02.12.2025 | 0:28 min

Die Bulgaren sahen dem bislang tatenlos zu, so Trad: "Der Hauptgrund dafür ist für mich die Zerstörung der politischen Debatte in unserem Land. Dies ist eine direkte Folge der jahrelangen Unwilligkeit der Menschen, sich politisch zu engagieren." Bulgarien steckt fest. Politisch und gesellschaftlich.

Eine instabile Lage, die vor allem Russland ausnutze, um seine Interessen in Bulgarien durch Desinformation zu verfolgen, so Trad. Dabei habe es Russland so leicht wie in keinem anderen EU-Mitglied: Beide Länder sind kulturell, historisch und durch die orthodoxe Kirche eng verbunden.

Studierende machen Druck

Gegen all das regt sich Widerstand aus der politischen Mitte. Nachdem die letzte Regierung Ende 2025 einen Haushalt verabschiedet hatte, der Korruption eher verschleiert als aufgedeckt hätte, riss vielen Menschen endgültig der Geduldsfaden. Tagelang erlebte die Hauptstadt Massenproteste historischer Größe. Hunderttausende zwangen die Regierung zum Rücktritt - der siebte innerhalb von fünf Jahren.

Straßenproteste auf den Straßen von Sofia

Zehntausende demonstrierten im Dezember 2025 in Sofia gegen Korruption und die Regierung. Aus einem Protest gegen den Haushalt ist eine landesweite politische Bewegung geworden.

02.12.2025 | 2:38 min

Im Windschatten der Proteste formieren sich neue Initiativen wie etwa die "Studenten gegen die Mafia". Alexander Tanev hat sie ins Leben gerufen. Sie treffen sich regelmäßig in einem Café in der Hauptstadt Sofia, schmieden Pläne, wie man Korruption bekämpfen und vor allem das unterwanderte Justizsystem reformieren könne.

Für uns junge Menschen ist unser Kampf für Rechtsstaatlichkeit ein Kampf für Europa.

Alexander Tanev, Aktivist

Ihre Bewegung wächst - selbst EU-skeptische Mitstreiter schließen sich an, wenn es um Gerechtigkeit und funktionierende Institutionen geht.

Politiker der EU-Mitgliedstaaten stehen beim Festakt zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Schengener Abkommens auf der Bühne.

Vor 40 Jahren haben fünf europäische Länder das Schengen-Abkommen geschlossen, das es ermöglicht ohne Kontrollen Grenzen zu überqueren. Heute sind 29 Staaten Teil des Abkommens.

14.06.2025 | 1:32 min

Bulgariens Wirtschaft ist fit

Auch die Wirtschaft will nicht resignieren, im Gegenteil. Bulgarien sei bereit für die Zukunft und könne schon viele Erfolge und Wachstumsbranchen vorweisen, sagt Dobromir Ivanov vom Unternehmerverband BESCO.

In Bulgarien ist in den letzten 15 Jahren eine ganz neue Generation von Unternehmern herangewachsen.

Dobromir Ivanov, Unternehmerverband BESCO

"Sie haben die richtigen Prinzipien, die richtigen Werte, sie konkurrieren auf dem Weltmarkt mit den größten Unternehmen der Welt", sagt Ivanov. Ihnen wird der Euro bei der Weiterentwicklung enorm helfen, so Ivanov weiter, doch das allein genüge nicht, wenn die Regierung weiter in Krisen festsitze und Korruption jede Reform im Keim ersticke. Daher hat auch er sich an den Protesten beteiligt und will weiter Druck machen. Bulgariens Weg nach Westen - etwas Licht und viel Schatten.

Über dieses Thema berichtete die Sendung Heute in Europa am 19.01.2026 um 16 Uhr.

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