Auschwitz: Holocaust-Überlebende und junge Menschen bei Gedenktag

Interview

Junge Menschen über Auschwitz:"Es ist kein ausgedachter Fantasieort"

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Der "Marsch der Lebenden" erinnert an das Leid der KZ-Häftlinge von Auschwitz. 50 Überlebende werden ihn dieses Jahr anführen. Aber auch viele junge Menschen sind dabei.

Auschwitz

Naftali Fürst, 93, nimmt in Auschwitz am "Marsch der Lebenden" teil. Der Holocaust-Überlebende erinnert an sein Schicksal und wirbt für Hoffnung, Frieden und das Weitererzählen seiner Geschichte.

14.04.2026 | 2:32 min

Im Stammlager Auschwitz sieht sich eine Gruppe junger Menschen um, die zum ersten Mal in Auschwitz ist. Am Sonntag erst sind sie angekommen, mit dem Ziel, am Marsch der Lebenden teilzunehmen und zwei Wochen vor Ort zu bleiben, um mehr zu lernen über das Unfassbare.

Jacqueline Gohra ist 24 Jahre alt und in der Ausbildung zur Industriekauffrau in Osnabrück. Emmanouil Markakis ist 23 und lernt Mechatroniker in Hannover. Die Reise wird von ihrem Arbeitgeber Volkswagen gemeinsam mit dem Internationalen Auschwitz-Komitee organisiert.

Im Fokus des Marsches steht neben dem Gedenken dieses Jahr auch der Kampf gegen Antisemitismus.

ZDFheute: Warum ist es Ihnen wichtig, sich als junge Person heute mit der Geschichte des Holocausts auseinanderzusetzen?

Jacqueline Gohra: Um eine andere Sichtweise auf die Geschichte zu kriegen. Weil häufig, gerade als deutscher Schüler, lernt man viel von der Schuld im Krieg der Deutschen. Und ja, es gibt vielleicht eine gewisse Politikverdrossenheit, die sagt: Das ist schon so lange her, wir persönlich sind da gar nicht dran schuld. Aber wir sind dafür verantwortlich, wie damit in Zukunft umgegangen wird. Es ist nicht das, was wir verursacht haben, aber es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das nicht wieder passiert, und auch eventuell Ungerechtigkeiten zu erkennen.

Emmanouil Markakis: Schuld würde ich vielleicht nicht sagen, aber man hat auf jeden Fall die Verantwortung, diese Geschichte, das sind die Ereignisse, das muss man weitergeben.

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ZDFheute: Die Zeitzeugen werden weniger. Was löst das im Innern aus?

Jacqueline Gohra: Für mich macht es das nur umso wichtiger, dass Dokumente entstehen, also ob es niedergeschrieben wird, ob es verfilmt wird, ob es einen neuen, modernen Podcast gibt, wo die Themen aufkommen, damit die Geschichten und die Personen, die versterben, die das erlebt haben, die es ja dann leider nicht mehr selbst weitertragen können, dass dieses Wort nicht verloren geht.

Emmanouil Markakis: Das macht es irgendwie dringlicher. Man merkt, dass es jetzt an uns ist, zuzuhören und das weiterzugeben.

ZDFheute: Welche Rolle spielt die Erinnerungskultur für junge Menschen in Deutschland heute?

Jacqueline Gohra: Es ist vor allem auch unterschiedlich, je nachdem, wie die Familien damit umgehen. Familien haben einen sehr großen Einfluss auf junge Menschen. Und damit einhergehend eventuell, was die Familie selbst für einen Hintergrund hat, wie offen über die Kriegszeit, eventuelle Flucht der Familie geredet wird, hat das einen großen Einfluss darauf, wie junge Menschen damit umgehen.

Emmanouil Markakis: Eine sehr große Rolle, weil wenn man nicht weiß, was passiert ist, man keine Warnung vor dem hat, was passieren könnte. Also es ist schon wichtig, diese Kultur zu haben, um so etwas zu verändern.

Tova Friedman

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ZDFheute: Wie kann diese Erinnerung weitergegeben werden, damit sie nicht nur Geschichte wird?

Emmanouil Markakis: Man kann darüber sprechen, zum Beispiel mit seinen Freunden in Schulen, Orte wie hier besuchen. Das reicht schon, wenn das ein paar Leute mehr machen.

ZDFheute: Welche Gefühle kommen hier hoch? Was überrascht oder erschreckt?

Jacqueline Gohra: Es bereitet Bauchschmerzen, zu sehen, dass es das tatsächlich gibt. Es ist tatsächlich kein Fantasieort, den sich irgendjemand ausgedacht hat, sondern ... Es ist real. Hier waren tatsächlich Menschen und es bereitet mir Bauchschmerzen, das tatsächlich zu sehen und aufzunehmen, dass man nicht mehr nur davon gehört oder gelesen hat, sondern man hat sein eigenes persönliches Bild. Und das macht es umso erschütternder.

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ZDFheute: Gibt es persönliche Gründe hierherzukommen?

Jacqueline Gohra: Ich würde gerne für mich und für mein Umfeld etwas mitnehmen. Ich kann nichts Großes ändern allein. Aber einfach ein bisschen Bewusstsein mitzubringen, allein mal in meinem Freundeskreis und meiner Familie davon zu erzählen: Hey, ich fahre dahin und ich mach was, damit mehr Menschen darauf aufmerksam werden.

ZDFheute: Warum ist das gerade heute wichtig?

Emmanouil Markakis: Weil man sieht, dass Hass und Antisemitismus wieder zunehmen. Deshalb darf man nicht wegschauen.

Das Interview wurde von Natalie Steger und Kinga Woloszyn geführt.

Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 14.04.2026 ab 05:30 Uhr in dem Beitrag "Marsch der Lebenden: Eine traurige Pflicht".

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