Kritik an Trumps Anti-Terrorstrategie :Die Lehren vom 11. September
von Elmar Theveßen, Washington, D.C.
Globaler Krieg gegen den Terror, das berüchtigte Guantánamo, die Tötung Osama bin Ladens: Die Folgen nach 9/11 sind massiv. Doch werden heute noch die richtigen Lehren gezogen?
Am 11. September 2001 wurde das Fernsehprogramm im ZDF für eine Spezial-Sendung mit Live-Bildern aus New York unterbrochen. Sehen Sie hier den Beitrag aus dem ZDF-Archiv.
09.09.2026 | 4:46 minAm Tag nach den Anschlägen von 9/11 rief der damalige Präsident George W. Bush einen globalen Krieg gegen den Terror aus, "ein monumentales Ringen zwischen Gut und Böse", wie er es nannte. Bei der folgenden Invasion in Afghanistan leisteten Amerikas Verbündete - auch Deutschland - erstmals Beistand nach Artikel 5 des Nato-Vertrags. Soldaten der Bundeswehr wurden im Einsatz getötet oder verletzt. Politisch entstand die Chance auf einen Neuanfang in Afghanistan. Aber im weltweiten Anti-Terror-Kampf wurden auch moralische Grenzen überschritten.
Es gab hohe Opferzahlen in der Zivilbevölkerung. Terrorverdächtige wurden weggesperrt in Guantánamo ohne rechtsstaatliches Verfahren. Die US-Regierung ließ foltern und verstieß gegen Menschen- und Völkerrecht. Auch deshalb verweigerten 2003 Verbündete - darunter Deutschland - ihre Hilfe, als die USA mit Falschbehauptungen den Irakkrieg rechtfertigten.
Der Terror traf auch Europa
Lügen, Vertuschung und Rechtsbrüche im Anti-Terror-Kampf säten Misstrauen, machten Menschen bis heute anfälliger für Verschwörungstheorien. "Wenn Menschen im Kampf gegen das Böse jedes Mittel für gerechtfertigt halten, dann lässt sich ihre gute Absicht bald nicht mehr von dem Bösen unterscheiden, das sie vernichten wollen", so hatte es einst der britische Kulturphilosoph und Theologe Christopher Dawson formuliert.
Im Irak wurde das verbrecherische Regime von Saddam Hussein beseitigt, aber das Vorgehen der USA erzeugte neuen Terror, der auch Europa traf, in Madrid, in London und anderswo. Erst zehn Jahre nach 9/11 konnte die US-Regierung den Drahtzieher hinter all dem Terror ausschalten. Am 2. Mai 2011 verkündete Präsident Barack Obama:
Die Vereinigten Staaten haben Osama bin Laden getötet, den Anführer von Al Qaida.
Barack Obama, damaliger US-Präsident
25 Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center leiden viele Überlebende noch immer unter den Folgen.
01.09.2026 | 24:31 minDer islamistische Terror ist längst nicht besiegt
Doch auch nach bin Ladens Tod ging der Terror weiter, wie beim Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Berlin 2014 und auf das Bataclan in Paris 2015 - inspiriert vom sogenannten Islamischen Staat, dem IS um Abu Bakr al-Bagdadi. Ihn konnte die Trump-Administration 2019 töten, aber der islamistische Terror ist auch heute längst nicht besiegt.
Immer wieder gibt es Anschläge, wenn auch nicht vom Ausmaß der Attacken am 9/11. Und die Gefahr wächst wieder. "Al-Qaida hat Stützpunkte in einem Drittel der afghanischen Provinzen wiedererrichtet, darunter das berüchtigte Trainingslager Tarnak-Farm bei Kandahar", so Bruce Hoffman, Professor an der Georgetown University.
Es gibt jetzt 20 Ableger des IS und der ist noch tödlicher als Al-Qaida.
Bruce Hoffman, Terrorismus-Experte
Hoffman glaubt, dass die Trump-Administration die Bedrohung unterschätzt. Die US-Regierung hat Personal und Gelder beim National Counter Terrorism Center (NCTC), das nach 9/11 für die Vernetzung aller Sicherheitsbehörden sorgte, drastisch gekürzt. Bundesagenten aus der Terrorbekämpfung helfen nun der Zuwanderungsbehörde ICE bei ihrem Vorgehen gegen Immigranten. Und für internationale Partner gibt es im Außenministerium keine Ansprechpartner mehr. "Diese Regierung hat das Büro komplett geschlossen", so Hoffman. Das signalisiere, dass man keine strategische Koordination mit Verbündeten und Freunden mehr brauche.
Deshalb sorge ich mich, dass viele der Lehren aus 9/11 und viele Erfolge danach missachtet oder vergessen werden.
Bruce Hoffman, Terrorismus-Experte
NANO vom 9.9.: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert. 25 Jahre später beschäftigen sich Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen mit den Folgen.
09.09.2026 | 27:28 minUnterschätzt Trump den Terrorismus?
Auch Russell Travers, ehemaliger Leiter des NCTC, beklagt, dass die Expertise aus dem international koordinierten Anti-Terrorkampf in zweieinhalb Jahrzehnten verloren ist, weil die Trump-Administration anderes für wichtiger hält. Sie führt Militärschläge gegen Drogenkartelle und erklärt Linksradikale, aber auch linke Bürgerrechtsaktivisten, pauschal zu Terroristen. So steht es in der neuen Anti-Terrorstrategie von Mai 2026. Rechtsextremismus wird in dem Papier nicht einmal erwähnt, Staatsterrorismus nur am Rande. Der Schwerpunkt liegt auf dem Zerschlagen von Terrorstrukturen. Von Prävention, Ursachenbekämpfung und Deradikalisierung ist keine Rede.
"Es ist ein sehr polemisches Dokument", so Travers. Alle Terrorismusexperten, die er kenne, hielten nicht viel davon. "Es rät den Regierungsbehörden nicht, mit Partnern zusammenzuarbeiten, sondern dient eher als Rechtfertigung für die Anwendung von Gewalt. Die Prävention wird kaum berücksichtigt." Travers ist überzeugt, dass so etwas wie der 11. September wieder passieren kann: "Da habe ich keine Zweifel. Es gibt Menschen, die wollen uns schaden, aus welchen Gründen auch immer."
Wir brauchen eine Organisation, die sich rund um die Uhr darauf konzentriert, aber durch die Maßnahmen der letzten Jahre sind wir dazu immer weniger in der Lage.
Russell Travers, ehemaliger Leiter des NCTC
Mit seiner neuen Anti-Terrorstrategie unterschätze Donald Trump die Bedrohung, sagen Experten - und mache sein Land damit wieder verwundbar.
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