Vom Trauma zur Verschwörungstheorie:Wie 9/11 die USA verändert hat - mit Trump als Verstärker
von Niklas Kreusch
25 Jahre nach 9/11 ist Amerika tief gespalten. Verschwörungstheorien, einst Nischenphänomen, wirken heute in den politischen Mainstream - mit Donald Trump als Verstärker.
Nach 9/11 wächst die Angst, nicht nur in den USA. Feindbilder verbreiten und verfestigen sich. Krisen, Überwachung und Hass im Netz tragen zum viralen Erfolg von Verschwörungstheorien bei.
29.08.2026 | 44:00 minWenige Stunden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 äußert sich ein New Yorker Immobilienunternehmer in einem Interview zu den Ereignissen. Er könne sich nicht vorstellen, dass allein die Flugzeuge die Stahlkonstruktion der Zwillingstürme durchschlagen hätten: "Ich glaube, dass sie nicht nur ein Flugzeug hatten, sondern dass fast gleichzeitig auch Bomben explodiert sind. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was sonst durch diese Wand hätte gehen können", sagt er.
Der Mann heißt Donald Trump. Ein Vierteljahrhundert später ist dieser Mann US-Präsident und seine frühe Skepsis scheint in ein politisches Programm gemündet, das die USA bis heute spaltet.
Der Nährboden der Verschwörungstheorien
Verschwörungstheorien finden laut dem Extremismusforscher Peter Neumann vor allem dann Zuspruch, wenn Menschen das Vertrauen in Institutionen verlieren und krisenhafte Entwicklungen unerklärlich erscheinen. "Genau das hat im Falle vom 11. September 2001 perfekt funktioniert", sagt er. Viele Amerikaner hätten nicht glauben können, dass die vermeintlich mächtigste Militärmacht der Welt einen solchen Angriff nicht verhindern konnte.
Mit der Jagd nach den Hintermännern von 9/11 wächst die Bedeutung der US-Geheimdienste und militärischer Drohnen. Durch Rechtsverstöße und Folter setzen die USA ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
29.08.2026 | 44:45 minWenige Jahre später beschleunigen die Sozialen Medien die Verbreitung solcher Zweifel: als eine der ersten Plattformen machte YouTube es möglich, eigene Videos einem Millionenpublikum zu zeigen.
Von der Systemkritik zum Bündnis mit der Macht
Zwei Freunde aus dem Bundesstaat New York nutzen genau diese Mechanismen. Dylan Avery und Korey Rowe drehen mit "Loose Change" einen verschwörungstheoretischen Amateurfilm, der die offizielle 9/11-Erzählung infrage stellt - und zum viralen Welterfolg wird. Über die Jahre steigt auch der Moderator Alex Jones in das Filmprojekt ein, der schon Wochen vor den Anschlägen vage vor einem Terrorangriff gewarnt hatte.
Heute ist Jones einer der bekanntesten Verschwörungstheoretiker der USA, der schon früh in Donald Trump einen Verbündeten sieht. Dylan Avery blickt inzwischen kritisch auf die Entwicklung seines einstigen Weggefährten: "Früher war Alex immer dieser Anti-Establishment-Typ, nach dem Motto: Reißt das System nieder. Und heute schleimt er sich bei Donald Trump ein. Ich verstehe es nicht." Von seinem eigenen Werk distanziert sich Avery nur bedingt, obwohl die spekulativen Behauptungen darin mittlerweile vielfach widerlegt wurden.
Der 11. September hat einen Präsidenten wie Donald Trump möglich gemacht.
Peter Neumann, Extremismusforscher
Sehen sie die dreiteilige Doku-Reihe "9/11 - Der lange Schatten des Terrors" am 13. September ab 14:15 Uhr bei ZDFinfo oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.
Der 6. Januar als Höhepunkt der Spaltung
Nach seiner Wahlniederlage 2020 behauptet Trump ohne Beleg, Millionen Stimmen seien manipuliert worden: "Das ist ein Betrug am amerikanischen Volk. Es ist beschämend für unser Land", erklärt er vor laufenden Kameras.
Aufgebrachte Demonstranten stürmen am 6. Januar 2021 das Kapitol in Washington. Befürwortern der Proteste gelten sie als Verteidiger der Demokratie, ihren Kritikern als deren Angreifer. Der Historiker Andreas Rödder sieht im Sturm aufs Kapitol ein zentrales Prinzip liberaler Demokratien verletzt: den friedlichen Machtwechsel.
Der Schock von 2001 vertieft politische und gesellschaftliche Gräben: Vom Aufstieg des Rechtspopulismus über die Erosion des Vertrauens in Medien bis zum Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan.
29.08.2026 | 44:39 minFake News als Machtinstrument
Seit 1972 misst das Umfrageinstitut Gallup das Vertrauen der US-Bürger in ihre Medien. Lag es einst bei 70 Prozent, waren es während Trumps erstem Wahlkampf nur noch 32 Prozent. "Fake News!" lautet seither sein Kampfruf gegen kritische Berichterstattung.
Die Publizistin Katharina Nocun warnt vor den Folgen: "Das ist letztendlich der Tod der Demokratie auf Raten." Wer sich bei nichts mehr sicher sein könne, ziehe sich aus dem politischen Leben zurück.
Ein Trauma mit Folgen bis heute
Aus dem nationalen Trauma des 11. September wurde mitunter eine Erzählung von Misstrauen, Angst und einfachen Antworten - die bis heute die politische Landschaft der USA prägt.
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