Schule vergibt falsche Zeugnisse:Zeugnis-Chaos: Gute Noten und doch kein Realabschluss
Sanem Arduc verliert drei Schuljahre und muss den Abschluss nachmachen, weil ihre ehemalige Oberschule das Abschlusszeugnis falsch bewertet - kein Einzelfall.
Fehlerhafte Notenberechnung führte seit 2019 zu falschen oder gar fehlenden Abschlüssen an der Geschwister-Scholl-Oberschule. Das Ministerium spricht von einem sehr schwerwiegenden Vorfall.
10.08.2026 | 1:48 minIhr Abitur hätte Sanem wohl längst in der Tasche, wenn die Lehrer an der niedersächsischen Geschwister-Scholl-Oberschule in Vechta die Regeln zum Erwerb des Realschulabschlusses richtig angewendet hätten. Denn eine schlechte Note kann mit einer besseren Note ausgeglichen werden.
Eine Vier im Mathe-Grundkurs wird Sanem zum Verhängnis. Obwohl die junge Frau in ihrem Abschlusszeugnis aus dem Jahr 2022 in anderen Hauptfächern wie Englisch eine Zwei hat, bekommt sie den Realschulabschluss nicht. Für sie bricht damals eine Welt zusammen. Abitur mit 19 Jahren - das kann sie abhaken.
107 Zeugnisse aus mehreren Jahren sind betroffen
Im Interview berichtet die heute 21-Jährige, dass die Lehrer damals gesagt hätten, eine Vier könne man nicht ausgleichen, auch nicht mit einer Eins - und seien es noch so viele. Schon damals kann Sanem es kaum glauben, nimmt es aber einfach hin.
Wer einen Haupt- oder Realschulabschluss erwerben möchte, muss in unterschiedlichen Fächern bestimmte Zensuren erreichen. Unterschreitet man diese Hürde in nur einem Fach um eine Note, gefährdet das den Abschluss nicht. Wird die Schwelle in mindestens zwei Fächern oder um mindestens zwei Noten gerissen, kann das mit anderen Fächern ausgeglichen werden. Steht beispielsweise in einem Fach eine Vier auf dem Zeugnis, obwohl es mindestens eine Drei braucht, kann eine Zwei aus einem anderen Fach aushelfen.
Sanem ist an ihrer Schule kein Einzelfall. Auf einer Feier erfährt die junge Frau, dass auch im letzten Schuljahr Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss nicht bekommen haben. Jetzt, Jahre später, wird Sanem wieder stutzig, wendet sich diesmal an das zuständige Kultusministerium in Hannover.
Eine Überprüfung durch die zuständige Landesschulbehörde ergibt: 107 Zeugnisse von Schülerinnen und Schülern der Schuljahre 2019/2020 bis zum abgelaufenen Schuljahr 2025/2026 sind in Vechta fehlerhaft. Demnach haben die Jugendlichen mal ihren erweiterten Realschulabschluss, mal ihren Realschulabschluss nicht bekommen. In zwei Fällen gab es noch nicht einmal den Hauptschulabschluss.
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28.07.2026 | 2:54 minMinisterin entschuldigt sich bei Betroffenen
Die zuständige niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) erklärt: "Dass Schülerinnen und Schüler über mehrere Jahre hinweg nicht die Abschlüsse erhalten haben, die ihnen nach der geltenden Rechtslage zustanden, ist ein schwerwiegender Vorgang."
Ich bedauere das ausdrücklich und möchte mich hierfür in aller Form entschuldigen.
Julia Willie Hamburg, Kultusministerin Niedersachsen
Vermutlich können die betroffenen Schülerinnen und Schüler keinen Anspruch auf Schadensersatz geltend machen. Ein Zeugnis könne nur ein Jahr nach Ausstellung angefochten werden, so die zuständige Ministerin aus Niedersachsen.
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10.08.2026 | 0:33 minSanem hat ihren Abschluss nachgeholt
Sanem erzählt auch, dass viele Mitschüler von damals inzwischen andere Wege eingeschlagen hätten. Viele trauen sich auch nicht in die Öffentlichkeit.
Ob die nun bekanntgewordenen Fehler nur an der Oberschule in Vechta gemacht worden sind, ist unklar. "Doch man dürfe jetzt nicht nur auf die dortigen Lehrer zeigen", heißt es beim niedersächsischen Verband Erziehung und Wissenschaft. Hier vermutet man, dass die Fälle von Vechta keine Einzelfälle sind, sondern nur die Spitze des Eisberges.
Auch deshalb lässt das zuständige Ministerium nun Stichproben machen, ob möglicherweise auch andere Schulen die Regeln falsch angewendet haben. Für Sanem kommt diese Überprüfung zu spät. Drei weitere Schuljahre hat sie absolviert, ihren Realschulabschluss inzwischen nachgeholt.
Nächstes Jahr will sie nun ihr Abitur machen, dann ist sie 22 Jahre alt. Sanem hätte das Abi drei Jahre früher haben können, wenn ihre Lehrerinnen und Lehrer richtig gehandelt hätten und aufmerksam gewesen wären.
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