Befragungen in Gelsenkirchen:Sparkassen-Einbruch: Was Betroffene berichten
von Jenifer Girke
Der erste Schock ist überwunden, rund drei Wochen ist der Millionen-Einbruch in Gelsenkirchen her. Nun kämpft Ehepaar Kılınç um Entschädigung. Ein mühsames Verfahren.
In Gelsenkirchen gelang es Tätern über 3.000 Schließfächer einer Sparkasse auszurauben. Ab heute will die Polizei alle Opfer, die Wertsachen im Tresorraum hatten, vernehmen.
19.01.2026 | 2:04 minEs ist und bleibt ein Krimi. Mitten in der Weihnachtszeit bohren sich Täter in den Tresorraum einer Sparkasse. Sie knacken über 3.000 Schließfächer, erbeuten Gold, Geld, Schmuck. Das Verbrechen bleibt tagelang unentdeckt. Übrig bleibt ein riesengroßes Chaos, tausende Geschädigte und Ratlosigkeit.
Die Polizei ermittelt in alle Richtungen, bisher ohne heiße Spur. Neue Erkenntnisse erhoffen sie sich von den Geschädigten - sie alle werden seit Montag nacheinander befragt, ein wochenlanger Prozess.
Schließfach in der Sparkasse seit 1990 gemietet
Auch Ehepaar Kılınç wird befragt. Wann, wissen sie noch nicht. Aber vorbereitet sind sie - mit einer Inventarliste und aktuellen Fotos der Gegenstände: Vererbter Schmuck, ein Hochzeitsgeschenk, ganz nach türkischer Tradition. Für Nezahat Kılınç wichtige Erinnerungsstücke: "Meine Mama und mein Papa, die mussten sich alles hart erkämpfen, um sich einen Wohlstand aufzubauen. Und das war halt in Form von Münzen." Von den Münzen hatten sie einige - als Ketten, Armreifen oder einzeln.
Kette aus Münzen
Quelle: privat / Nezahat KılınçSeit 1990 mieten sie das Schließfach in der Gelsenkirchener Sparkasse. Dass der Inhalt nur bis 10.300 Euro versichert ist, war dem Ehepaar nicht bewusst. "Damals vor 35 Jahren haben wir gar nicht daran gedacht", so Ehemann Aydın Kılınç.
Weil man davon ausgeht, dass eine Bank sicher ist.
Aydın Kılınç, geschädigter Sparkassen-Kunde
Anwalt: Erinnerungsprotokolle und Zeugenaussagen sammeln
Sie irrten sich - und kämpfen nun um eine angemessene Entschädigung. Aber: In welcher Höhe sie entschädigt werden, sei noch unklar, sagt Rechtsanwalt Arne Podewils. Es sei wie bei einer Versicherungsleistung: "Wenn ein Einbruchdiebstahl geschah und es ist eine Versicherungssumme X versichert, bekommt man nicht automatisch Versicherungssumme X, sondern man muss darlegen, dass man Wertgegenstände in der Größenordnung hatte."
Wie konnten die Täter in Gelsenkirchen in eine Sparkasse einbrechen und 3.000 Schließfächer knacken? ZDF-Reporter Thomas Münten rekonstruiert das Vorgehen mit Hilfe von 3D-Animationen.
19.01.2026 | 3:14 minDas Ehepaar schätzt den materiellen Verlust auf über 30.000 Euro. Extra versichert ist der Schmuck von Nezahat Kılınç aber nicht. Kaufbelege gibt es für die Erbstücke auch nicht. Und ob die Hausratsversicherung aufkommt - unklar.
Der Tipp des Anwalts: Erinnerungsprotokolle und Zeugenaussagen sammeln. Man solle mit Freunden und Familie rekonstruieren, woher die Gegenstände kamen "und wann man bei dem Schließfach war, welche Gegenstände man eingeräumt und herausgenommen hat", so Podewils.
Experte: Bank haftet bei nachweisbarem Verschulden
Garantieren diese Maßnahmen eine umfassende Entschädigung? Nein. Die Kernfrage sei, ob der Sparkasse eine Pflichtverletzung nachzuweisen ist, erklärt Bankrechtsexperte Michael Plassmann: "Da kommt es entscheidend auf die Ermittlungsergebnisse an, wenn wir wissen, was genau passiert ist, wie die Anlage gesichert war."
Wenn die Bank ein Verschulden trifft, dann haftet die Sparkasse Gelsenkirchen unbegrenzt.
Michael Plassmann, Rechtsanwalt und Bankrechtsexperte
Konkrete Erkenntnisse sollen die über 3.000 Befragungen der Sparkassen-Kunden liefern. Thomas Nowaczyk, Sprecher der Polizei Gelsenkirchen, sagt gegenüber ZDFheute: "Es sind alles Betroffene in einem Strafverfahren. Dementsprechend werden wir alle Schließfachinhaber vorladen, um auch herauszufinden, welche Werte dort verloren gegangen sind."
Die Ermittler erhoffen sich auch Ansätze zum Tathergang und Hinweise zu den Tätern. Es wird Wochen dauern, bis die Gespräche abgeschlossen sind. Den ersten Schock hat Familie Kılınç überstanden, doch die Trauer über den emotionalen Verlust sitzt noch tief.
Die Sachen kommen nicht wieder, das haben wir uns abgeschminkt. Die Erinnerungen sind da, traurige Erinnerungen.
Nezahat Kılınç
Jenifer Girke ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.
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