Seismologe zu Erdbeben:Venezuela: Ganzes Ausmaß der Katastrophe erst in Wochen klar
Zwei schwere Erdbeben haben Venezuela erschüttert und weite Teile des Landes verwüstet. Ein Seismologe warnt vor Nachbeben - die Zahl der Opfer könnte noch drastisch steigen.
Torsten Dahm vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung hält die Schätzungen von bis zu zehntausenden Toten nach den Erdbeben für realistisch. Er warnt vor Nachbeben, die gefährlich werden können.
25.06.2026 | 3:13 minZwei massive Erdstöße trafen Venezuela am Mittwochabend binnen Sekunden. Noch ist das genaue Ausmaß unklar. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez hat den Notstand ausgerufen, Hilfskräfte suchen nach Überlebenden.
Venezuela liegt auf tektonischer Bruchzone
Die Erdstöße trafen Venezuela am Mittwochabend mit einer Stärke von 7,2 und 7,5 - innerhalb von nur 39 Sekunden. Besonders betroffen ist eine Region rund 160 Kilometer westlich der Hauptstadt Caracas, entlang einer tektonischen Bruchzone.
Die Wissenschaft spricht von einer sogenannten Verwerfungszone, das sind Bereiche, an denen zwei Erdplatten aufeinandertreffen. Diese Platten bewegen sich seitlich aneinander vorbei, verhaken sich dabei und bauen über lange Zeit Spannungen auf, die sich schließlich ruckartig in Erdbeben entladen könnten.
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Geophysiker: Nachbeben kommen auf "jeden Fall"
Ein großer Teil der Grenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte verläuft entlang der Küste Venezuelas. Der Seismologe Torsten Dahm erklärt im ZDFspezial, dass starke Erdbeben daher in der Region nicht ungewöhnlich seien. Es sei bekannt, dass im Norden Venezuelas Erdbeben bis zur Stärke sieben auftreten können, sagt der Seismologe des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung.
Die betroffene Verwerfungszone habe eine Länge von 200 Kilometern. "Im Grunde ist damit zu rechnen, dass entlang dieser Verwerfungszone überall große Schäden aufgetreten sind", so Dahm. Große Sorgen bereiten zudem Nachbeben. Der Geophysiker warnt:
Nachbeben treten auf jeden Fall auf und die können auch stark werden, sodass sie weitere Schäden verursachen können.
Prof. Torsten Dahm, Seismologe des GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung
Diese Gefahr könne über Wochen, Monate oder sogar Jahre bestehen bleiben.
Hyperinflation, Armut, Zerfall – auch nach der Absetzung des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro hat Venezuela viele Probleme. Die USA wollen nun helfen.
25.06.2026 | 1:33 minUS-Erdbebenwarte erwartet Tausende bis Zehntausende Opfer
Nach Angaben des venezolanischen Gesundheitsministers Carlos Alvarado sind bislang mindestens 235 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 4.500 Menschen seien verletzt, Tausende gelten zudem als vermisst. Die US-Erdbebenwarte USGS vermutet, dass die Zahl der Toten auf Tausende bis Zehntausende steigen könnte.
Dahm weist darauf hin, dass diese Prognose zwar auf langjährigen Erfahrungen basiere und vielfältige Faktoren berücksichtige, die Unsicherheit solcher Abschätzungen dennoch groß sei. "Insofern werden wir erst in einigen Wochen die absolute Zahl wissen können", so Dahm.
Noch immer werden Tausende vermisst, ganze Städte liegen in Trümmern. Rettungskräfte kämpfen gegen die Zeit, während Angehörige auf Lebenszeichen hoffen.
26.06.2026 | 2:07 minTHW schickt Helfer mit Spürhunden
Die Suche nach Überlebenden läuft auf Hochtouren, viele Menschen werden noch unter Trümmern vermutet. Internationale Hilfsteams mit Spürhunden sind auf dem Weg nach Venezuela, um die Helfenden vor Ort zu unterstützen.
US-Außenminister Marco Rubio sagte, die USA hätten Such- und Rettungsteams aus Virginia und Los Angeles entsandt und planten, noch weitere zu schicken. Auch aus Deutschland fliegen 50 Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks in das Katastrophengebiet.
Angst um Freunde und Familie - und vor wirtschaftlichen Folgen
Für die Menschen vor Ort geht es neben der unmittelbaren Rettung auch um ihre Zukunft. Anja Dargatz, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas, beschreibt die emotionale Lage im ZDFspezial: "Die erste Sorge ist um die Menschen, um die Freunde, um die Familien."
Viele haben Familien in der Region und immer noch keinen Kontakt zu ihnen.
Anja Dargatz, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas, Venezuela
Anja Dargatz, Leiterin des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Venezuela, beschreibt die tiefe Sorge vieler Menschen, die immer noch auf Lebenszeichen ihrer Angehörigen warten.
25.06.2026 | 3:17 minDie zweite Sorge sei die wirtschaftliche, das könne man nicht verneinen, so Dargatz. Viele Menschen hätten ohnehin unter schwierigen Bedingungen gelebt. "Wenn jetzt auch noch vielleicht die Wohnung wegfällt [...] oder das Auto [...] zerstört worden ist, dann ist das gravierend."
Das Erdbeben trifft ein ohnehin angeschlagenes Land besonders hart - und die langfristigen Folgen sind noch nicht absehbar.
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Mit Material von AP und dpa.
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