Rekonstruktion der Feuerkatastrophe:Crans-Montana: Wie eine Bar zur tödlichen Falle wurde
von Nils Metzger
Sprühfontänen sollen laut Behörden der Auslöser der tödlichen Brandkatastrophe von Crans-Montana in der Schweiz gewesen sein. Videos zeigen, wie die Bar zur tödlichen Falle wurde.
Nach dem verheerenden Feuer stellen sich viele Fragen: Wie war die Bar aufgebaut und wie viele Fluchtwege gab es?
02.01.2026 | 0:17 minNach der Brandkatastrophe mit derzeit 40 offiziell bestätigten Toten im Schweizer Skiort Crans-Montana läuft die Suche nach der Ursache auf Hochtouren.
Videos von Augenzeugen und ältere Aufnahmen in den sozialen Medien geben dabei erste Hinweise, wie sich die Katastrophe zugetragen haben könnte - und warum sich so viele Menschen nicht retten konnten. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft im Kanton Wallis geht einem zentralen Verdacht nach: Feuerwerk in Form von Sprühfontänen auf Champagnerflaschen.
Sprühfontänen sollen laut Behörden der Auslöser für die Brandkatastrophe in Crans-Montana gewesen sein. Die Suche nach Vermissten dauert an, Hunderte haben der Brandopfer gedacht.
02.01.2026 | 3:26 minVerzweifelte Flucht ins Freie
Der Brand brach gegen 1:30 Uhr in einem Untergeschoss der Bar "Le Constellation" aus. Sie liegt an der zentralen Straße im Ort und ist bei Skitouristen beliebt.
Der Ort des Unglücks: Die Bar "Le Constellation" in Crans-Montana im Kanton Wallis.
Quelle: ZDFLaut dem französischen Sender BFMTV waren zu der Zeit mehr als 100 Gäste und Mitarbeiter vor Ort - überfüllt sei sie damit vermutlich nicht gewesen; laut BFM sei der Betrieb für bis zu 300 Personen lizenziert gewesen. Überlebende schilderten dennoch von großen Schwierigkeiten, ins Freie zu gelangen; teils mussten sie Fenster einschlagen, da die Haupttüren ins Freie durch Personen blockiert waren. Auch Videoaufnahmen zeigen, wie Menschenmassen den Eingang blockieren, während im Hintergrund Flammen in die Höhe schlagen.
Augenzeugenvideo mit flüchtenden Menschen
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Bar im Untergeschoss wurde zur Falle
Auch darüber hinaus könnte der Aufbau der Location eine zentrale Rolle bei der hohen Zahl der Opfer gespielt haben.
3D-Visualisierung des Brandstarts und der Treppe nach oben in der Bar "Le Constellation" in Crans-Montana, Schweiz.
Quelle: ZDFDas "Constellation" verteilt sich über zwei Geschosse. Aus der Bar im Untergeschoss gelangte man lediglich über eine schmale Holztreppe nach draußen. Augenzeugen schilderten im Anschluss, wie dunkler Rauch ihnen die Orientierung erschwerte. Die Kellerbar wurde für viele der Feiernden offenbar zu einer tödlichen Falle.
Bei einer Pressekonferenz am Freitag sagte die zuständige Staatsanwältin Beatrice Pilloud, dass Untersuchungen zum Brandhergang und -ursache eingeleitet wurden. Dabei werte man Schilderungen von Augenzeugen und Videos in den sozialen Medien aus.
Es kann davon ausgegangen werden, dass die Sprühfontänen Ursprung des Brandes sind. Sie befanden sich auf den Champagnerflaschen und waren zu nah an der Decke. Daraus entstand eine Feuersbrunst, das ging sehr schnell.
Beatrice Pilloud, Staatsanwältin
Der einzige Weg nach draußen: Die Treppe aus dem Untergeschoss des "Le Constellation".
Quelle: Le Constellation/TripadvisorDeckenverkleidung im Fokus
Fotos der Bar von vor dem Brand etwa auf der Reiseplattform "Tripadvisor" zeigen, dass große Teile des Lokals mit Holz verkleidet waren. Im Keller bedeckten schwarze schaumstoffartige Paneele große Teile der Decke.
Die Bar im Untergeschoss des "Le Constellation" vor dem Brand. Farblich hervorgehoben sind die schwarzen Paneele an der Decke - sie könnten zuerst Feuer gefangen haben.
Quelle: Le Constellation/TripadvisorHandyvideos von den ersten Minuten nach Ausbruch des Feuers in der Silvesternacht zeigen, wie sich Flammen entlang genau dieser Deckenkonstruktion ausbreiten und immer wieder brennende Materialien von der Decke tropfen.
Augenzeugenvideo aus dem Untergeschoss der Bar
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Solche Deckenverkleidungen werden häufig eingesetzt, etwa zur Verbesserung der Raumakustik - jedoch gibt es insbesondere mit Blick auf den Brandschutz enorme Qualitätsunterschiede. Für den Einsatz in solchen Räumlichkeiten müssen eigentlich strenge Vorgaben etwa mit Blick auf Entzündlichkeit und Feuerbeständigkeit erfüllt sein. Diese Deckenverkleidung und andere verbaute Materialien stünden laut Staatsanwältin Pilloud nun im Fokus der Ermittler. Bis zu einem offiziellen Ergebnis kann noch einige Zeit vergehen.
Wie gehen die Angehörigen und die Menschen vor Ort mit dieser Tragödie um? Anna-Maria Schuck berichtet über die Stimmung.
02.01.2026 | 0:42 minVideo zeigt Wunderkerzen auf Champagnerflaschen
Einen womöglich leichtfertigen Umgang mit dem Brandschutz legt ein weiteres Video aus den sozialen Medien nahe.
Im Mai 2024 veröffentlichte das "Constellation" auf YouTube einen Werbeclip, in dem an Champagnerflaschen angebrachte Sprühfontänen zu sehen sind, die in Richtung Decke gehalten werden.
Sprühfontänen auf Champagner-Flaschen: Ausschnitt aus einem Werbevideo des "Le Constellation" vom Mai 2024.
Quelle: ConstellationCransMontana/YouTubeSprühfontänen wirken ähnlich wie Wunderkerzen zunächst harmlos, die beim Abbrennen ablaufenden chemischen Reaktionen erzeugen aber punktuell eine enorme Hitze von teils über 1.000 Grad Celsius. Solche Temperaturen könnten Teile der Deckenverkleidung unbeabsichtigt in Brand gesetzt haben. Die Produkte haben darum meist einen Mindestabstand, der zu Gegenständen und Decken eingehalten werden muss.
Die Schweizer Tageszeitung "Blick" zitiert einen Augenzeugen, demzufolge auch in der Silvesternacht solche Flaschen mit Wunderkerzen im Spiel waren:
Eine Frau saß auf den Schultern einer anderen Dame. Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen.
Augenzeuge gegenüber dem "Blick"
Sie habe diese so hoch geschwenkt, dass sie die Decke berührt hätten und diese plötzlich Feuer fing, berichtete der Augenzeuge gegenüber dem "Blick".
Zu den offenen Fragen rund um das Thema Brandschutz sind bislang keine Aussagen des Betreiber-Ehepaares bekannt. Laut italienischen Medien wurde die Frau beim Brand ebenfalls verletzt.
... liegt im Kanton Wallis und gilt als mondäner Ferienort mit vielen Prominenten. Berühmtester Einwohner war James-Bond-Schauspieler Roger Moore (1927-2017). Der Ort auf etwa 1.500 Metern Höhe hat ein großes Skigebiet. Ende Januar und Anfang Februar finden dort auch Rennen des Ski-Weltcups statt. Über die Feiertage ist der Ort in der Regel ausgebucht.
Auf rund 10.000 Einwohner kommen rund 2.600 Hotelbetten, davon acht Hotels in der Luxuskategorie, und Hunderte Ferienwohnungen. Bei rund einer Million Übernachtungen im Jahr kommen nach Angaben der örtlichen Tourismusbehörde etwa 20 Prozent der Gäste aus dem Ausland. Der nächste große Flughafen ist Genf. Auf dem Landweg sind es von dort aus 180 Kilometer.
Quelle: dpa
Kellerraum könnte "Flashover" begünstigt haben
Experten und die zuständige Kantonsregierung in Wallis vermuten, dass es beim Brand im "Constellation" zu einem sogenannten Flashover gekommen sein könnte, bei dem sich innerhalb kürzester Zeit brennbare Oberflächen und Gegenstände entzündet haben. In so einem Fall kann innerhalb von Sekunden ein gesamter Raum im Vollbrand stehen, Temperaturen schießen massiv nach oben. Darin gefangene Menschen haben oft kaum noch eine Überlebenschance.
Was ist ein "Flashover"? Nicht nur für Feuerwehrleute eine lebensgefährliche Situation beim Löschen von Bränden.
02.01.2026 | 3:39 minDie Wahrscheinlichkeit für einen Flashover hängt von verschiedenen Faktoren wie Raumgröße, Ventilation und vorhandenen Materialien im Raum ab. Brandschutzmaßnahmen sollen dieses kritische Zusammentreffen von Risikofaktoren eigentlich verhindern. Welche Materialien genau im "Constellation" verbaut waren und ob diese ausreichend sicherheitstechnisch überprüft wurden, ist bislang nicht bekannt.
Der Brandschutz-Experte Jochen Zehfuß über mögliche Auslöser des Brandes und die Gefahr eines Flashovers.
02.01.2026 | 2:57 minExperte warnt: Auch in Deutschland möglich
Der Brandschutzexperte Rupert Ehrlenspiel von der TU München hält eine vergleichbare Brandkatastrophe auch in Deutschland für nicht ausgeschlossen.
Es darf zwar von den Vorschriften her nicht möglich sein. (…) Aber leider weiß ich, dass es Hersteller gibt in Deutschland, die solche Schallschutzplatten verkaufen ohne den erforderlichen und vorgeschriebenen Nachweis der Schwerentflammbarkeit.
Rupert Ehrlenspiel, TU München
"Und ich weiß, dass es eben auch Betreiber solcher Versammlungsstätten gibt, die leider diese Produkte bei sich einbauen, weil sie natürlich billiger sind", sagte Ehrlenspiel am Freitag bei ZDFheute live. Bei Hunderttausenden Gaststätten oder Veranstaltungsräumen in Deutschland sei es für Behörden kaum flächendeckend zu kontrollieren, welche Materialien überall verbaut seien. "Außerdem haben sie gar nicht die Fachleute (...). Davon gibt es einfach viel zu viele solcher Räume", so Ehrlenspiel.
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