Technik der 90er-Jahre: So anfällig ist der Zugfunk der Bahn

Bahnchaos in ganz Deutschland:Technik der 90er-Jahre: So anfällig ist der Zugfunk der Bahn

von Oliver Klein und Nils Metzger

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Eine Störung beim Zugfunk GSM-R hat den Bahnverkehr lahmgelegt. Ein Experte ist nicht überrascht vom Mega-Ausfall - das System gilt als veraltet. Die Gefahr wird weiter bestehen.

Anzeigetafeln am Bremer Hauptbahnhof zeigen die Meldung „Großstörung: Der Zugverkehr wurde aufgrund einer technischen Störung eingestellt“

In ganz Deutschland ist der Zugverkehr in der Nacht zeitweise zum Erliegen gekommen. Eine Störung im digitalen Funknetz der Bahn war Auslöser des bundesweiten Verkehrsstopps.

24.06.2026 | 1:26 min

GSM-R ist eine Achillesferse des deutschen Bahnbetriebs. Ein Ausfall dieses Zug-Funksystems hat am Dienstagabend für Chaos bei der Bahn gesorgt - für etwa zwei Stunden standen deutschlandweit alle Züge still. Am Dienstagmorgen nannte die Bahn-Tochter DB InfraGo den "planmäßigen Tausch einer technischen Komponente" als Ursache.

Wie es dadurch genau zu der Störung kam, analysieren wir nun mit höchster Priorität.

Philipp Nagl, DB InfraGO-Chef

Warum genau ist GSM-R so wichtig - und verwundbar? ZDFheute hat Experten befragt. Ein Überblick.

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Der bundesweite Zug-Ausfall der Deutschen Bahn sei Folge einer "Störung des zentralen Kommunikationssystems der Lokführer und Leitstellen", so ZDF-Reporterin Malou Hoppe. Möglicher Grund könne ein fehlerhaftes Update sein.

24.06.2026 | 2:04 min

Was ist das Funksystem GSM-R?

Die Abkürzung GSM-R steht für "Global System for Mobile Communications - Railway". Es ist das Rückgrat der Kommunikation auf der Schiene - darüber stimmen sich Lokführer, Fahrdienstleiter und Betriebszentralen ab. GSM-R ist etwa der zentrale Kommunikationskanal bei allen Arten von Notfällen auf der Strecke. Das ist auch der Grund, weshalb die Züge ohne dieses System nicht einfach weiterfahren konnten.

Das System basiert auf dem Mobilfunkstandard GSM, besser bekannt als 2G. Die Technologie stammt aus den 1990er-Jahren. Ausfälle bei diesem kritischen System haben direkt weitreichende Folgen.

Bahnexperte Dirk Flege zugeschaltet ins Studio

Der bundesweite Ausfall der Bahn sei völlig unverständlich und dürfe nicht passieren, so Dirk Flege von der Allianz pro Schiene. Das gestrige Ereignis müsse ein Weckruf für Deutschland sein.

24.06.2026 | 9:54 min

Ist GSM-R besonders fehleranfällig?

GSM-R wird in ganz Europa seit rund zwei Jahrzehnten eingesetzt. Mit zunehmendem Alter des Systems nimmt auch die Fehleranfälligkeit zu. GSM-R gilt als veraltet: "Für die bahnbetrieblichen Technologien der Zukunft" sei das System "nicht dimensioniert", schreibt die Bahn auf ihrer Webseite.

Lukas Iffländer, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, überrascht der Ausfall deshalb nicht:

Das ist eine Technologie, bei der uns die Kompetenz ausstirbt, bei der uns die Hersteller wegsterben. Diese Technologie altert uns weg. Genau wie das Schienennetz marode ist, ist auch diese Technologie marode.

Lukas Iffländer, Fahrgastverband Pro Bahn

Als Informatiker bildet Iffländer an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden künftige Experten für die digitale Infrastruktur der Bahn aus. "Wir reden hier über 2G-Technik, keiner unserer Absolventen hier an der Hochschule spricht diese Technologie noch. Man hat relativ wenig Personal, das den alten Kram noch verwenden kann." Viele Experten für GSM-R seien in den letzten Jahren in Rente gegangen. "Wir versuchen da gerade ein System am Leben zu halten, das Stand der 80er und frühen 90er Jahre ist", betont Iffländer.

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Bundesweit stehen Züge still: Eine IT-Störung zwingt DB-Züge zum Stillstand. Reisende warten ohne Infos, Schlangen an den Serviceschaltern wachsen. Erst gegen 1 Uhr rollt der Verkehr langsam wieder an.

24.06.2026 | 1:56 min

Gibt es kein Notfallsystem als Backup?

Grundsätzlich habe GSM-R ein Notfallsystem, sollte das eigentliche Netzwerk ausfallen. "Das Umschalten auf das Notfallsystem hat offenbar versagt, oder die neu eingesetzte Komponente und das Notfallsystem haben sich gegenseitig lahmgelegt", sagt Iffländer. "Das ist wie wenn man zu Hause einen zweiten Internetrouter zum Netzwerk hinzufügt - dann prügelt er sich mit Ihrer existierenden Fritzbox."

Eigentlich ist alles doppelt angelegt, eigentlich sind die Redundanzen da - aber sie haben eben nicht funktioniert.

Lukas Iffländer, Fahrgastverband Pro Bahn

Im aktuellen Fall soll ein "Komponententausch" die Ursache sein. "Es scheint, als wäre das im Rahmen von Wartungsarbeiten schiefgelaufen", erklärt Iffländer. Das könne sowohl der physische Tausch von Hardware als auch ein Softwareupdate gewesen sein.

Auch abseits des aktuellen Ausfalls gibt es bei GSM-R viele weitere mögliche Fehlerquellen. Bereits 2016 beschrieb die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage des Bundestags Probleme durch sogenannte Frequenzüberlagerungen. Demnach können Signale öffentlicher Mobilfunknetze den Empfang von GSM-R-Geräten beeinträchtigen.

Tarek Al-Wazir  B'90/Grüne | Vorsitzender Verkehrsausschuss

Was "über 30 Jahre liegen geblieben ist", könne man nicht in drei Jahren in Ordnung bringen, so Tarek Al-Wazir, B‘90/Grüne, Vorsitzender Verkehrsausschuss. Es brauche aber auch Neu- und Ausbau.

12.06.2026 | 6:51 min

Gab es schon früher Ausfälle bei GSM-R?

Der aktuelle Vorfall ist der wohl größte Ausfall des GSM-R-Systems, aber nicht der erste.

Im Dezember 2024 sorgte ein technisches Problem beim Zugfunk für Zugausfälle in Großbritannien. Auch dort saßen viele Passagiere in den Zügen fest, nachdem Zugführer den Kontakt zum GSM-R-System verloren hatten, wie die BBC damals berichtete. Im Mai 2026 gab es einen vergleichbaren Vorfall, der vor allem im Süden Englands zu Verzögerungen führte.

Im Juni 2021 sorgte ein Software-Problem für GSM-R-Ausfälle in den Niederlanden. Auch die Zugausfälle am 8. Oktober 2022 in Norddeutschland gingen auf Ausfälle bei GSM-R zurück. Mutmaßliche Kupferdiebe hatten Kabel für das Funksystem durchtrennt, aber auch Sabotage stand im Raum.

Diese Vorfälle hatten höchst unterschiedliche Ursachen - verdeutlichen aber, dass GSM-R ein kritisches System ist, bei dem Ausfälle den Zugverkehr flächendeckend lahmlegen können.

Eine S-Bahn fährt vor der Frankfurter Skyline.

Die Bundesländer fordern eine Aufstockung der Finanzmittel für den Nahverkehr der Bahn. Wie viel Geld fehlt, und was das für Pendler bedeuten könnte.

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Wann kommt ein Nachfolger für das alte Funksystem?

Ein Nachfolger für GSM-R ist bereits seit Jahren in Vorbereitung. Er läuft unter dem Namen FRMCS, Future Railway Mobile Communication System, und soll bei der Bahn wohl erst in den 2030er Jahren flächendeckend in Betrieb gehen. Von 2G- wird dann auf 5G-Technologie umgestellt. Es ist ein Infrastruktur-Mammutprojekt mit vielen Komponenten und Beteiligten, etwa müssen dafür tausende neue Funkmasten aufgestellt und alle Züge umgerüstet werden.

Iffländer kritisiert das langsame Tempo: "Wir brauchen ein neues System auf 5G- oder 6G-Basis, das GSM-R ablöst. Und zwar nicht erst 2040, wie es manche Pläne vorsehen, sondern wir brauchen diese Einführung bis 2030." Netzwerkbetreiber und Technikanbieter hätten sich bei FRMCS über Jahre zu viel Zeit gelassen, so Iffländer. "Da scheint kein Druck da zu sein."

Mit FRMCS wären so großflächige Ausfälle wie jetzt deutlich schwieriger. Aber auch bei FRMCS sieht der Experte Nachbesserungsbedarf mit Blick auf die Sicherheit. Bisher nutzt die Bahn bei Ausfällen von GSM-R auch das 2G-Mobilfunknetz, um mit den Zügen zu kommunizieren, wie sie in einer Kundeninformation schreibt. Doch das wird nach und nach abgeschaltet - die Telekom etwa will ihr 2G-Netz Mitte 2028 ausknipsen. Die Nutzung des öffentlichen Mobilfunknetzes müsse auch bei FRMCS als Rückfallebene aufgenommen werden, fordert Iffländer. "Das ist aktuell nicht vorgesehen."

Über dieses Thema berichtete ZDFheute live am 24.06.2026 ab 13:30 Uhr.

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