Antarktis: Eisbohrkerne im Archiv sollen Klimageschichte sichern

Das Gedächtnis der Gletscher:Ein einzigartiges Archiv im ewigen Eis der Antarktis

von Arlette Geburtig

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Tief im ewigen Eis der Antarktis entsteht derzeit ein weltweit einzigartiges Gletscher-Archiv. Es soll die Klimageschichte der Erde für kommende Generationen sichern.

Gletscher schmelzen rasant – doch ihre Klimageschichte bleibt erhalten: Ein neues Antarktis-Archiv sammelt weltweit Eisproben. (Auf dem Bild ist ein Eisberg in der Antarkis zu sehen)

Eis als Zeitkapsel: Ein neues Antarktis-Archiv lagert Eisbohrkerne aus aller Welt, um Jahrtausende alte Klimadaten zu schützen. Proben aus den Alpen sind dort bereits eingetroffen.

22.01.2026 | 4:04 min

In einer unscheinbaren Kammer tief im Schnee in der Antarktis sollen sie gelagert werden: Eisbohrkerne aus schmelzenden Gletschern aus der ganzen Welt, um zu konservieren, was sonst in wenigen Jahren verloren wäre.

Ein Eiskernlager. Mehrere Boxen mit Eisproben in einer Eishöhle.

Eine Kammer im ewigen Eis: Hier sollen Bohrkerne von Gletschern aus allen Regionen der Erde lagern.

Quelle: PNRA-IPEV

Unweit der entlegenen italienisch-französischen Forschungsstation Concordia, auf 3.200 Metern Höhe, sollen die Bohrkerne mehrere Meter tief im Schnee liegen: in einer Höhle, geschützt durch natürliche Kälte von rund minus 50 Grad Celsius. Technische Kühlung ist nicht nötig. Einer der unwirtlichsten Orte auf dem Planeten wird so zu einem Tresor für das Wissen über das Klima.

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18.12.2025 | 5:36 min

Eis als Geschichtsbuch der Erde

Eisbohrkerne sind lange Zylinder aus gefrorenem Wasser. Für Forschende sind sie ein Schatz. "Eisbohrkerne sind einmalige Klimaarchive", sagt der Schweizer Klima- und Umweltphysiker Thomas Stocker, der an dem Projekt beteiligt ist.

Eisbohrkerne sind zylinderförmige Eisproben, die aus Gletschern und Eisschilden gebohrt werden und als wichtiges Klimaarchiv dienen: Sie enthalten Informationen über das Klima, die Temperatur und die Zusammensetzung der Atmosphäre der letzten Hunderttausende Jahre. Die Kerne bestehen aus Schichten, die Jahreszeiten widerspiegeln, wobei tiefere Schichten älter sind. Eingeschlossene Luftblasen werden analysiert, um vergangene Klimabedingungen zu rekonstruieren.


In winzigen Luftbläschen, eingeschlossen über Jahrtausende, steckt die Atmosphäre vergangener Zeiten - in manchen Fällen bis zu 800.000 Jahre alt. Aus ihnen lässt sich ablesen, welche Treibhausgase damals in der Luft waren, wie viel Feinstaub zirkulierte und welche chemischen Spuren die Umwelt hinterließ.

So können wir rekonstruieren, wie die natürliche Atmosphäre aussah - bevor der Mensch sie beeinflusst hat.

Prof. Thomas Stocker, Klimaforscher

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Hohe Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre

Die Befunde sind eindeutig und beunruhigend. Die CO2-Konzentration in der Atmopshäre ist heute um rund 35 Prozent höher als in Zeiten vor der industriellen Revolution. Die von Methan sogar um 150 Prozent.

Besonders dramatisch, sagt Stocker, sei die Geschwindigkeit: "Der heutige Anstieg ist etwa hundertmal schneller als alles, was sich aus der natürlichen Klimavariabilität rekonstruieren lässt." Die Bohrkerne liefern damit nicht nur Daten - sie liefern einen Maßstab für das Ausmaß des menschlichen Eingriffs.

Doch ausgerechnet diese Archive geraten durch den Klimawandel selbst in Gefahr.

Wir haben etwa 17.000 Gletscher in hohen Lagen weltweit - und praktisch alle sind auf dem Rückzug.

Prof. Thomas Stocker, Klimaforscher

Schmelzwasser dringt in die Eisschichten ein, verwischt Signaturen, die zuvor über Jahrtausende stabil waren. Was bislang zuverlässig die Geschichte der Atmosphäre bewahrte, droht unlesbar zu werden - innerhalb kurzer Zeit.

3D-Studio, 3D-Grafik, Özden Terli, Zugspitze, Gletscher, Würfel, Schmelzwasser

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Heute suchen wissenschaftliche Teams weltweit nach Gletschern, deren Schichten noch weitgehend ungestört sind. "Wir wollen Eisflächen, bei denen das Klima- und Umweltsignal nicht verfälscht ist", sagt Stocker. Was heute nicht gesichert wird, ist morgen verloren.

Eine Arche für schmelzende Gletscher

Koordiniert wird das Projekt von der Ice Memory Foundation, einem internationalen Netzwerk von Universitäten und Forschungsinstitutionen. Seit 2015 organisiert es Expeditionen zu bedrohten Hochgebirgsgletschern, von den Alpen bis zu tropischen Regionen. Bisher wurden Proben von zehn Gletschern gesichert.

Am 15. Januar 2026 trafen erstmals zwei Bohrkerne im antarktischen Archiv ein: 1,7 Tonnen Eis vom Mont Blanc und vom Grand Cobin. Drei Monate waren sie unterwegs - per Lkw, Schiff und Spezialflugzeug, stets tiefgekühlt und aufwendig geschützt. Das globale Rettungsprojekt ist mit enorm logistischen Herausforderungen verbunden.

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Wissenschaftliche Reserve für Forschung der Zukunft

Dieses Archiv ist kein klassisches Forschungslabor. Die eingelagerten Eisbohrkerne sollen möglichst lange unangetastet bleiben. Sie sind eine wissenschaftliche Reserve - gedacht für Forscherinnen und Forscher der Zukunft.

"Die Wissenschaft steht nie still", sagt Stocker. "Wir gehen davon aus, dass wir in 50 Jahren neue analytische Methoden haben, neue Messungen gemacht werden können."

vielleicht finden sie dann Antworten auf zentrale Themen wie Monsune, Wasserverfügbarkeit oder Ernährungssicherheit.

Prof. Thomas Stocker, Klimaforscher

Das Eis als Gedächtnis. Und als Hoffnung, dass Wissen bleibt, selbst wenn die Gletscher verschwunden sind.

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Quelle: dpa

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Über das Thema berichtete 3sat in der Sendung "NANO" am 22.01.2026 ab 18:30 Uhr.

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