Handelsökonomin über Kanadas Gegenzölle:Trumps neue Zölle: Warum Kanada härter reagiert als die EU
Kanada kontert Trumps Zölle mit Gegenzöllen. Handelsexpertin Schmucker erklärt, warum Kanada Einbußen für Gegenzölle in Kauf nimmt, während die EU eine Eskalation vermeiden will.
Bezahlbarkeit sei für die Amerikaner ein wichtiges Thema, sagt Ökonomin Claudia Schmucker. Durch die Zölle würden viele Waren jetzt aber teurer, was sich auf die Midterms auswirken könnte.
25.08.2026 | 8:44 minIm Umgang mit den neuen US-Zöllen verfolgen Kanada und die Europäische Union unterschiedliche Strategien: Während Brüssel versucht, eine Eskalation des Handelskonflikts zu vermeiden, geht Ottawa offensiver vor: Nachdem die US-Regierung Importzölle von bis zu 50 Prozent auf kanadische Waren verhängt hat, reagiert Kanada mit Gegenzöllen in gleicher Höhe auf US-Produkte im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar.
Der Handelsstreit zwischen den USA und Kanada war am Wochenende nach dem Scheitern von Verhandlungen eskaliert. In der Nacht zu Samstag traten US-Zölle in Höhe von 50 Prozent unter anderem auf alkoholische Getränke, Milchprodukte, Hockeyschläger und Sperrholz aus Kanada in Kraft. Am Montag brachte Trump zudem eine Erhöhung der Importabgaben für Autos, große und kleine Lastwagen, Autoteile und Stahl auf 50 Prozent ab dem 1. Januar 2027 ins Spiel. Wie bisher können Unternehmen die Zölle umgehen, indem sie in den USA produzieren, hieß es weiter.
Der kanadische Premierminister Mark Carney kündigte daraufhin Gegenzölle an, die nun ausformuliert wurden. Auf zuvor mit einem 25-prozentigen Zoll belegte Stahl- und Aluminiumprodukte aus den USA soll ein Zoll von 50 Prozent fällig werden. Unter anderem für US-Milchprodukte wie Käse und manche Stahl- und Aluminiumderivate gelten künftig Importaufschläge von 25 Prozent. Eine kleine Reihe von Produkten wie Werkzeuge und elektrische Ausrüstung aus den USA wird den Plänen zufolge mit einem Zoll von 15 Prozent belegt. Gegenzölle werden auch auf frischen und gefrorenen Fisch, Haushaltswaren wie Spül- und Waschmaschinen fällig sowie auf Industrieprodukte einschließlich Baumaterialien für den Zugverkehr. Insgesamt sind 7,3 Prozent der aus den USA nach Kanada importierten Waren betroffen.
Kanada exportiert knapp drei Viertel seiner Ausfuhren in die Vereinigten Staaten. Zum Vergleich: Die EU exportiert nur gut ein Fünftel ihrer Güter in die USA.
Zwar betreffen die US-Zölle nur fünf Prozent der Einfuhren aus Kanada, doch die kanadische Wirtschaft ist verwundbar. Denn im ersten Quartal des Jahres stagnierte das Wirtschaftswachstum, das Land steht am Rande einer Rezession. Die kanadische Regierung kündigte ein Hilfspaket für heimische Unternehmen und Beschäftigte an und will sich geeint dem Zollstreit mit den USA stellen.
Doch die wirtschaftlichen Folgen dürften nicht nur Kanada treffen, erklärt Claudia Schmucker, Geoökonomin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), im Interview mit ZDFheute live.
Sehen Sie das Interview mit Claudia Schmucker oben in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen.
Nach den gescheiterten Handelsgesprächen bringt US-Präsident Trump neue Zölle ins Spiel. Kanadas Premierminister Carney droht mit Gegenzöllen.
25.08.2026 | 1:32 minWarum die Zölle gegen Kanada ein Problem für die USA sind
Die engen wirtschaftlichen Verbindungen zu Kanada machten die Zölle für die USA zum Problem, sagt die DGAP-Ökonomin. Auch wenn teilweise nur kleine Warenmengen betroffen seien, hätten die Maßnahmen spürbare Folgen.
Jeder einzelne Zoll erhöht den Warenwert der amerikanischen Verbraucher.
Claudia Schmucker, Geoökonomin
Viele aus Kanada eingeführte Produkte würden dadurch teurer. Das verschärfe aus ihrer Sicht die Inflation, eines der derzeit wichtigsten Probleme der US-Bevölkerung. Für US-Präsident Donald Trump, der auch deshalb von vielen gewählt wurde, könnte das mit Blick auf die im November anstehenden Midterm-Wahlen politisch relevant werden, so Schmucker.
...leitet seit Herbst 2020 das Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Zu ihren Fachgebieten gehören Globalisierung und Weltwirtschaft, globale Handelsbeziehungen und transatlantische Wirtschaftsbeziehungen.
Quelle: DGAP
Warum Kanada einen Zollstreit in Kauf nimmt
Kanada sei wegen seines hohen Exportanteils in die USA kurzfristig besonders verwundbar, sagt Schmucker. Das Land versuche deshalb, seine Handelsbeziehungen stärker zu diversifizieren und neue Partner zu finden. "Es ist kein protektionistisches Land", betont Schmucker.
Mit der Europäischen Union hat Kanada bereits ein umfassendes Handelsabkommen geschlossen. Solche Vereinbarungen brauchten jedoch Zeit, um die Abhängigkeit vom US-Markt zu verringern. Eine wirtschaftliche Neuorientierung gehe "nicht von heute bis morgen".
Kurzfristig wird das definitiv zu Einbußen bei Wachstum führen in Kanada.
Claudia Schmucker, Geoökonomin
Kanada reagiert mit Gegenmaßnahmen auf Trumps neue Zölle. Das Land sei wirtschaftlich verwundbar, wolle dem Druck der USA aber standhalten, so ZDF-Korrespondent Coerper.
25.08.2026 | 6:20 minKanada habe jedoch entschieden, dass seine roten Linien überschritten seien und zeige sich bereit, wirtschaftliche Einbußen in Kauf zu nehmen. Langfristig verfolge das Land schon längst die Strategie, sich wirtschaftlich unabhängiger von den USA zu machen und den Handel mit anderen Staaten zu vertiefen.
Warum die EU eine Zolleskalation vermeidet
"Was die Wirtschaft braucht und auch die Wettbewerbsfähigkeit braucht, sind vorhersehbare Situationen", sagt Schmucker. Viele Länder - so auch die EU - hätten daher neue Abkommen mit den USA geschlossen und dabei höhere Zölle als zuvor akzeptiert.
Das sei zwar schädlich für die Wirtschaft, "aber eine Zolleskalation wäre noch viel schädlicher", so Schmucker. Die EU sei dazu derzeit nicht bereit.
Die EU will einen Handelsdeal mit den USA eingehen: Die USA sollen künftig 15 Prozent Zölle auf die meisten europäischen Waren erheben dürfen, die EU keine. Das sorgt für Kritik.
20.05.2026 | 2:34 minEin weiterer, wesentlicher Grund gegen eine ähnliche Reaktion sind nach Ansicht Schmuckers die europäischen Sicherheitsinteressen.
Wir brauchen die Sicherheitsgarantie der USA in der Nato, wir brauchen die Unterstützung der USA für die Ukraine im Kampf gegen Russland.
Claudia Schmucker, Geoökonomin
Der Aufbau eigener Verteidigungsfähigkeiten brauche Zeit. Das sei ein ganz wesentlicher Grund für das Zögern der EU im Zollstreit mit den USA.
Das Interview mit Claudia Schmucker führte Victoria Reichelt.
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