Macht im Lebensmittelhandel:Wie Rewe, Edeka, Aldi und Lidl den Markt unter sich aufteilen
von Arlette Geburtig und Sina Mainitz
Nur vier Konzerne beherrschen den deutschen Lebensmittelmarkt und streben auch die Übernahme kleinerer Ketten an. Was das über die Strukturen und Konkurrenz in der Branche aussagt.
Die insolvente Tegut-Kette soll von mehreren der vier großen Player des Lebensmitteleinzelhandels übernommen werden. Das heizt die Debatte um Marktmacht auf dem Sektor erneut an.
18.05.2026 | 0:38 minDer deutsche Lebensmitteleinzelhandel gehört zu den am stärksten konzentrierten Märkten Europas. Vier große Handelsgruppen - Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland - vereinen rund 85 Prozent des Marktes auf sich. Mit der geplanten Übernahme großer Teile der Supermarktkette Tegut durch Edeka rückt die Kritik an einer möglicherweise noch größeren Marktkonzentration wieder in den Mittelpunkt.
Kritiker warnen vor weiterer Konzentration. Stephan Rüschen, Experte für Lebensmittelhandel, sieht klar ein Oligopol, eine Form des Marktes, die durch nur wenige Teilnehmer gekennzeichnet ist.
Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass ein neuer Händler in diesen Markt eintritt.
Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel, Duale Hochschule Baden-Württemberg
Der Gesamtumsatz im deutschen Lebensmitteleinzelhandel lag 2024 bei 209,7 Milliarden Euro. An diesem Umsatz hatten die großen Player folgenden Anteil:
- Edeka-Gruppe: 61,42 Milliarden Euro
- Rewe-Gruppe: 40,05 Milliarden Euro
- Aldi-Gruppe (Nord/Süd): 35,84 Milliarden Euro
- Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland): 55,16 Milliarden Euro
Zusätzlich liegen für zwei der Unternehmen bereits offizielle Nettoumsatzzahlen für das Jahr 2025 vor: Der Edeka-Verbund steigerte seinen Umsatz auf 77,3 Milliarden Euro, während die Rewe Group für das Deutschlandgeschäft einen Umsatz von 69,12 Milliarden Euro ausweist.
Quellen: Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat; bulwiengesa nach TradeDimensions; Edeka-Verbund; Rewe-Group
Schweizer Migros: Millionenverlust mit Tegut
Die Markteintrittsbarrieren gerade für ausländische Konzerne seien enorm, erläutert Rüschen und spielt damit auch auf die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich an. Migros hatte 2013 die Supermarktkette Tegut übernommen und damit ein Minusgeschäft im dreistelligen Millionenbereich gemacht.
Der Schweizer Konzern Migros zieht sich aus Deutschland zurück und verkauft die Supermarktkette Tegut. Rund 200 der etwa 340 Filialen will Edeka übernehmen. Das Kartellamt muss noch zustimmen.
13.03.2026 | 0:25 minIm März meldete Migros, dass sie Tegut abstoßen und bereits mit Edeka in Verhandlungen für eine Übernahme seien. Auch Rewe und die Minimarkt-Kette Tante Enso haben Interesse - allesamt deutsche Unternehmen. Das Bundeskartellamt muss der Übernahme allerdings noch zustimmen.
Tegut hat mit rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz allerdings weniger als ein Prozent Marktanteil. "Das ist geringer als das jährliche organische Wachstum der großen Handelsgruppen", stellt Rüschen klar. Eine grundlegende Verschiebung der Marktverhältnisse sei daher kaum zu erwarten.
Viele Lebensmittel werden immer teurer. Ein Sondergutachten zeigt: Die Marktmacht weniger großer Supermarktketten wächst weiter und setzt etwa Milchbauern zunehmend unter Druck.
21.11.2025 | 1:33 minBundeskartellamt in der Pflicht
Laut Rüschen kann das Bundeskartellamt durch Fusionskontrollen und Sektoruntersuchung Transparenz schaffen und eingreifen, wenn Wettbewerb ernsthaft bedroht sei. Beim Fall Tegut erwartet Rüschen, dass die Behörde genau hinschaut, der Übernahme im Grundsatz jedoch zustimmt.
Das Bundeskartellamt sorgt im Lebensmitteleinzelhandel dafür, dass trotz der starken Marktstellung großer Handelsketten genügend Wettbewerb erhalten bleibt. Es prüft Übernahmen wie die von Tegut durch Edeka insbesondere auf ihre regionalen Auswirkungen und kann sie bei einzelnen Filialen untersagen oder Auflagen verhängen, wenn Wettbewerb oder Auswahl für Verbraucher gefährdet sind.
Lebensmittelexperte: Gesunder Wettbewerb trotz Marktverdichtung
Aus Verbrauchersicht liefert die Marktkonzentration auf wenige Anbieter keinen Wettbewerbsnachteil. Preise blieben das zentrale Instrument im Konkurrenzkampf, große Preissenkungen würden gezielt eingesetzt, um Marktanteile zu gewinnen, sagt Rüschen. Ähnliche Preise bei Standardprodukten wertet Rüschen nicht als Beweis für Kartellstrukturen.
Bei identischen Produkten gibt es schlicht kaum Spielraum, deutlich teurer zu sein.
Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel, Duale Hochschule Baden-Württemberg
Auch permanente Innovationen bei Sortimenten, Eigenmarken, Ladenkonzepten oder beim Checkout sprächen für anhaltenden Wettbewerbsdruck, so Rüschen.
Der Iran-Krieg wird bald wohl auch im Supermarkt zu spüren sein, denn: Die hohen Energiekosten lassen die Kosten der Landwirte und somit die Lebensmittelpreise steigen.
24.04.2026 | 1:37 minWettbewerb auch innerhalb einzelner Konzerne
Darüber hinaus würden auch die einzelnen Unternehmen aus mehreren Ladenketten bestehen. So ist Penny der Discounter des Rewe-Konzerns, Netto der von Edeka.
Und diese Läden stünden auch miteinander im Wettbewerb, obwohl sie zu einem Konzern gehören. "Ich würde sagen, es gibt ganz viele Anzeichen dafür, dass wir einen noch funktionierenden Wettbewerb haben", stellt Rüschen klar.
Hinter den Aldi-Eigenmarken stehen oft bekannte Hersteller. Die Inhaltsstoffe sind jedoch nicht immer identisch. Sebastian Lege zeigt, wie kleine Rezeptänderungen die Produkte unterscheiden.
27.01.2026 | 44:00 minZu wenig Ausweichmöglichkeiten für Lieferanten
Für Lieferanten ist die Situation spürbar problematischer. "Marktmacht entsteht dort, wo jemand nicht ausweichen kann", führt Rüschen aus. Für Lieferanten, die verkaufen müssen, könnte die Marktkonzentration zum Problem werden.
Edeka, das die meisten Tegut-Filialen übernehmen möchte, antwortet ZDFheute auf Anfrage:
Wir stehen für faire, partnerschaftliche und langfristige Beziehungen zu mittelständischen Herstellern und heimischen Erzeugern.
Sprecher der Edeka-Zentrale
Molkereiprodukte, Fleisch und Wurst, Getreide, Obst und Gemüse würden zum großen Teil nicht über den deutschen Lebensmitteleinzelhandel verkauft, sondern exportiert oder im Außer-Haus-Markt wie der Gastronomie vertrieben. Der Lebensmitteleinzelhandel decke nur etwa ein Drittel des Vertriebes ab, führt der Edeka-Sprecher aus.
Rewe, Edeka und Co. machen Milliardenumsätze. Markenkonzerne wie Coca Cola satte Gewinne. Wer verdient an teuren Lebensmitteln? Und: Wie können Verbraucherinnen und Verbraucher noch sparen?
15.07.2025 | 43:45 minKipppunkt noch nicht erreicht
Lebensmittelexperte Rüschen schließt nicht aus, dass der Lebensmittelmarkt bei weiterer Konzentration irgendwann einmal kippen könnte. "Ich glaube aber, dass wir bei dem Kipppunkt noch lange nicht sind", ist sich Rüschen sicher.
Entscheidend ist, wie sich der Markt weiterentwickelt. Noch sichern mittelgroße und regionale Händler, dass der Markt beweglich bleibt.
Arlette Geburtig ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
Sina Mainitz ist Redakteurin im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
Nach ihrem viralen Supermarktbesuch werden die "Penny-Schafe" aus Burgsinn geehrt: Die Filiale heißt künftig "Schafsinn", und vor dem Laden entsteht eine Bronzeskulptur der Tiere.
15.01.2026 | 0:37 minMehr zum Thema Supermärkte
Deutsche Discounter in den USA :Warum immer mehr US-Amerikaner zu Aldi und Lidl gehen
Fränzi Meyer, Washington, D.C.mit Video1:33Neuer DNA-Test:Wie der Handel Fake-Honig erkennen könnte
von Salim Sadat und Michael Strompenmit Video1:32Discounter unter der Lupe:Die Tricks von Aldi: Wie die Produkte günstig bleiben
von Christine Frankemit Video44:00Neue Bargeld-Regeln der EU:Geld abheben im Supermarkt soll einfacher werden
mit Video0:24