VW-Gewinn bricht ein: Was Volkswagen-Chef Blume zur Lage sagt

Interview

VW-Chef spricht über Konzernlage:Müssen Sie die VW-Zahlen schönreden, Herr Blume?

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VW verzeichnet erneut einen deutlichen Gewinneinbruch: Wie schlecht steht es um den Konzern - und welche Maßnahmen müssen nun ergriffen werden? Das sagt VW-Chef Oliver Blume dazu.

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, im Interview.

Im ZDF-Interview sagt VW-Chef Oliver Blume, dass derzeit nach Lösungen gesucht wird, um Werksschließungen zu vermeiden. Dabei sei eine Zusammenarbeit mit anderen industriellen Partnern denkbar.

24.07.2026 | 8:20 min

ZDFheute: Kanzler Merz hat seinen Job als einen der schwersten überhaupt bezeichnet. Das klang so, als müsste man Mitleid mit ihm haben. Muss man mit Ihnen Mitleid haben, weil Sie sicherlich derzeit den schwersten Job in Deutschlands Industrie haben?

Oliver Blume: Mit mir muss man kein Mitleid haben. Wir sind zwar in anspruchsvollen Zeiten, aber wir wissen ganz genau, was wir tun, haben einen klaren Plan. Und insofern fühle ich mich sehr wohl in dieser Umgebung, weil wir gerade in diesen Zeiten sehr viel bewegen können.

ZDFheute: Aber zum klaren Plan gehört wohl, was Sie vor zwei Wochen dem Aufsichtsrat von Volkswagen präsentiert haben: Stellenabbau, möglicherweise Werkschließungen. Die Pläne wurden vom Tisch gefegt. Ist das nicht für Sie eine Niederlage?

Blume: Wir müssen uns zunächst erst mal das Risikoumfeld anschauen, in dem sich die gesamte Automobilindustrie bewegt. Es wird viel über Volkswagen-Krise gesprochen, es ist eine Krise der gesamten Branche. Wenn wir uns China anschauen, ist dort der Markt um 20 Prozent in diesem Jahr zurückgegangen und das heißt, chinesische Hersteller drängen in andere Weltregionen. Ganz stark in Europa, und der europäische Markt ist in den letzten Jahren um 16 Prozent zurückgegangen. Das drückt ganz einfach diese Wettbewerbssituation aus, in der wir uns befinden.

VW

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24.07.2026 | 3:33 min

Und dazu kommen noch die US-Zölle. Wir haben den Volkswagen-Konzern in den letzten drei Jahren umfassend neu ausgerichtet. Das zeigen auch unsere Halbjahreszahlen. Und jetzt geht es um den nächsten Schritt der Transformation. Und da geht es nicht um ein Sparprogramm.

Es ist das umfassendste, tiefgreifendste Transformationsprogramm, was wir je im Volkswagen-Konzern gemacht haben.

Oliver Blume, VW-Chef

Es geht vor allem um innovative Produkte, es geht um Technologien, es geht um Wettbewerbsfähigkeit. Es geht um Strukturen und es geht auch um Wachstum. Und damit befassen wir uns aktuell, haben vor zwei Wochen die erste Sitzung dazu gemacht im Aufsichtsrat. Es wird folgende geben und da wird es natürlich auch noch Diskussionen geben, bis wir das Ganze freigegeben haben.

ZDFheute: Aber wenn der Aufsichtsrat sagt, "nein", ist das vielleicht auch Teil Ihrer Strategie, dass Sie dann sagen können: "Okay Leute, wenn es nicht funktioniert am Ende, dann habt ihr auch Mitschuld daran. Ich habe euch einen brutaleren Plan präsentiert."

Blume: Es ist ein sehr umfassendes Paket und rund 80 Prozent des Pakets sind nicht aufsichtsratszustimmungspflichtig. Wir haben an vielen Stellen bereits begonnen zu arbeiten. Und dann, wenn es natürlich um Werke geht, wenn es um Personal geht, wenn es auch um Strukturen des Konzerns geht, da muss der Aufsichtsrat natürlich am Ende zustimmen. Und deshalb sind diese Beratungen ganz besonders wichtig. Wir haben gute, auch kontroverse Diskussionen dazu geführt.

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Persönlich geht es mir darum, ich möchte jeden Arbeitsplatz erhalten. Und Werkschließung ist für mich immer die letzte Konsequenz. Ich muss auf der anderen Seite aber auch unser Unternehmen im Blick haben. Und jede Überkapazität kostet Geld, die wir uns in der heutigen Zeit nicht leisten können.

ZDFheute: Wenn Sie versuchen würden, die frischen Halbjahreszahlen jetzt nicht schön zu reden - was Sie natürlich müssen, auch für die Märkte - wie würden Sie es dann ausdrücken?

Blume: Ich neige dazu, bei den Fakten zu bleiben. Und wenn man sich das Halbjahr anschaut, dann lohnt sich ein differenzierter Blick. Der Volkswagen-Konzern hat im ersten Halbjahr ein operatives Ergebnis von rund sechs Milliarden Euro erreicht, mit einer Rendite von rund vier Prozent. Damit schlagen wir uns ordentlich im Wettbewerb. Wir liegen zwar noch zwölf Prozent hinter dem Vorjahr beim operativen Ergebnis, werden aber den Ausblick auf dieses Jahr bestätigen.

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Sehr positiv sind unsere neuen Produkte. Wenn man jetzt China mal ausklammert, das ist der Markt, der in Summe gesunken ist, steigen unsere Auslieferungen weltweit. In Europa drei Prozent, Nordamerika acht Prozent, Südamerika neun Prozent. Ganz besonders die neuen elektrischen Fahrzeuge. Wir haben von der New Urban Car Family über 70.000 Aufträge in den ersten Wochen eingesammelt. Das zeigt, wir sind dort auf dem richtigen Weg. Wir machen die richtigen Autos, mit denen wir die Kundinnen und Kunden begeistern. Und das gibt uns Rückenwind für alles das, was vor uns liegt.

ZDFheute: Werksschließungen sind ja nicht vom Tisch. Sie haben gesagt, es gibt vielleicht auch Alternativen. Wie könnten die Alternativen aussehen? Und wenn die nicht funktionieren, wie geht es dann weiter mit Betriebsrat, Gewerkschaften, der Politik?

Blume: Zunächst erstmal zur Gesamteinordnung. Wir haben ein Produktionsnetzwerk, was auf über 12 Millionen Fahrzeuge aus der Vergangenheit investiert wurde. Damals mit deutlich optimistischen Annahmen in der Weltmarktentwicklung. Wir haben in den letzten Jahren bereits zwei Millionen Fahrzeuge aus dem Netz pro Jahr genommen.

Wir werden jetzt noch eine Million Einheiten aus dem System nehmen müssen, denn jede Überkapazität kostet uns Geld. 500.000 rund davon in China und rund 500.000 in Europa. Damit befassen wir uns aktuell. Für uns steht im Vordergrund, dass unsere Werke untereinander gerade im europäischen Kontext wettbewerbsfähig sind und dazu fordern wir jetzt jedes Werk auf, auch die deutschen Werke.

Und ein Werk zu schließen, ist immer die letzte Lösung und auch die teuerste Lösung. Deshalb spreche ich immer gern von intelligenten Lösungen, die beginnen mit der Wettbewerbsfähigkeit und da haben wir noch viele Möglichkeiten.

Oliver Blume, VW-Chef

Es gibt aber auch andere Ansätze, dass wir möglicherweise mit anderen industriellen Partnern prüfen, was wir in unseren Werken dort nutzen können oder auch Produkte, die wir in China entwickelt haben bei Volkswagen, dass wir das eine oder andere Produkt in einem Segment nach Europa bringen, in dem wir hier in Europa nicht vertreten sind.

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Blume: Also Deutschland ist unsere Heimat und wir haben hier hervorragende Fachkräfte in unseren Werken. Wir leisten hervorragende Arbeit, was wir hier in der Entwicklung machen und wir sehen am Ende auch, was bei uns bei den Produkten rauskommt, sonst wären wir nicht so erfolgreich im Markt. Und wären in der Lage, sogar unseren Absatz in so herausfordernden Zeiten mit über 150 Wettbewerbern weiterhin außerhalb Chinas zu steigern.

Das zunächst erstmal zu Deutschland und zur Leistungsfähigkeit. Natürlich haben wir auch Reformbedarf in Deutschland, so wie wir das auch im Volkswagen-Konzern haben. In einem Unternehmen bildet sich genau das ab, was wir in einem Staat haben und man kann da auch sehr ähnliche Elemente ziehen. Ich finde, die Bundesregierung geht die Themen sehr beherzt an, hat richtige Entscheidungen getroffen. Aber wir müssen noch weitere Schritte machen. Das gilt für Deutschland und für Europa.

Für mich wäre es am liebsten, wenn ich mich um Politik gar nicht kümmern müsste und wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen würde.

Oliver Blume, VW-Chef

Und ich nenne Ihnen dort ein Beispiel: Wir reden immer über interessenorientierte Politik, Industriepolitik in Europa. Wir haben heute eine Situation, dass wir sehr starken Export von chinesischen Produkten zu chinesischen Kosten nach Europa haben, die zum Teil nicht durch Zölle geschützt sind. Das sind die Plug-in-Hybriden. Die chinesischen Hersteller haben aktuell mittlerweile schon einen Marktanteil von über 30 Prozent. Wir sind einfach mit unserer Kostenstruktur in Deutschland und Europa nicht wettbewerbsfähig, wenn wir uns mit Chinesen messen müssen, die dort eine andere Kostenstruktur haben.

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Und das sind für mich Ansätze, die wir zügig angehen müssen, um dort eine Wettbewerbsgleichheit zu schaffen, die wir natürlich in anderen Weltregionen auch haben. Wir zahlen auch Zölle, und da müssen wir mehr auf unsere Interessen hier in Europa schauen. Darüber hinaus gibt es dann einfach auch viele Ansätze, die meinetwegen auch in Richtung "Made in Europe" gehen. Auch zu motivieren, Investoren nach Europa zu bringen - und da haben wir gemeinsam noch einiges zu tun.

ZDFheute: Meine letzte Frage ist zur Rüstung: Kann das ein Weg aus der Krise sein? Mehr Rüstung für Volkswagen, um die Leute in Beschäftigung zu halten?

Blume: Also wir unterstützen das Rüstungsprogramm der Bundesregierung, sehen auch die Notwendigkeit der Nato, gerade aufgrund der veränderten geopolitischen Situation, die wir haben. Wir wollen unser Know-how dort einbringen. Das ist im Wesentlichen im militärischen Transport oder in Verteidigungssystemen.

Was der Volkswagen-Konzern nicht macht, ist in Waffen zu investieren.

Oliver Blume, VW-Chef

Das ist auch nicht unsere Kompetenz. Wir sehen aber auch, dass gerade in der Rüstungsindustrie großes Interesse an Automatisierung, an qualifizierten Fachkräften da ist. Und ich denke, das ist am Ende eine Win-Win-Situation in Kapazitäten, die wir im Moment zu viel haben aus der Vergangenheit, das mit unserem Know-how und der Notwendigkeit in der Rüstungsindustrie zu kombinieren. Und insofern finde ich, ist das ein sehr sinnvoller Weg.

Das Interview führte Peter Kunz, Leiter des ZDF-Landesstudios Niedersachsen.

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Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, etwa das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 24.07.2026 ab 05:30 Uhr und ZDFheute Xpress am 24.07.2026 um 16:30 Uhr.

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